Seit dem letzten Jahrzehnt findet der Einfluss des Kolonialismus auf kulturelle Identitäten ehemaliger Kolonien im Bereich des Forschungsfeldes Postkolonialismus immer mehr Beachtung, wohin sich neue Sichtweisen und Perspektiven auf das Konzept der kulturellen Identität entwickelt haben. Auch die Wirkung der Migration auf die kulturelle Identität gehört zu einem vielfach diskutierten Thema des interdisziplinären Forschungsfeldes des Postkolonialismus.
Junot Díazs Roman "La maravillosa vida breve de Óscar Wao" (2007), der mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet wurde, zeigt welchen identitätsstiftenden Einfluss der koloniale Diskurs im modernen Zeitalter des 20. und 21. Jahrhunderts auf die kulturelle Identität der Dominikanischen Republik hat. Mit der diktatorischen Vergangenheit wird im Roman demonstriert wie der Kolonialismus die nationale Doktrin Trujillos entscheidend beeinflusst.
Hierbei richtet sich die Kritik gegen die Diskriminierung und Ausgrenzung durch vergeschlechtliche und rassifizierte Identitäten. So stehen die Erfahrungen der ersten Generation der Familie symbolisch für die koloniale Vergangenheit der indigenen Einwohner und afrikanischen Sklaven. Inwiefern der Identitätsdiskurs durch den Prozess der Migration in die USA in einem neuen kulturellen Kontext verorten lässt, wird anhand der Erfahrungen der jüngeren Generation dargestellt.
Der Roman spiegelt förmlich die postkoloniale Kritik berühmter Theoretiker wie Frantz Fanon, Edward Said, Homo Bhabha, Stuart Hall oder Paul Gilroy wider.
So wird in dem Kapitel 2 Die Konzeptualisierung der kulturellen Identität zunächst die Entstehungsweise der Dichotomie von Kolonisator und kolonisiertem Subjekt aus postkolonialer Perspektive vorgestellt. Der theoretische Ausgangspunkt des Postkolonialismus, dass die kulturelle Identität ein diskursives Konstrukt ist, wird am Beispiel von Ernest Gelleners und Benedict Andersons dekonsrtuktivistischen Theorieansätzen über die Idee der Nation gezeigt. Im Anschluss wird mit dem Thema Diaspora die Brüchigkeit der nationalen Identität im Kontext der Migration erörtert, denn der Prozess der Entwurzelung führt zu einer Auseinandersetzung mit der Frage der nationalen Zugehörigkeit.
In Anlehnung an Gilroys Werk The Black Atlantic: Modernity and Double Consciousness (1993), der die Auswirkungen der Diasporageschichte der Schwarzen auf ihre kulturelle Identität analysiert, wird der Prozess der kulturellen Hybridisierung veranschaulicht.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 DIE KONZEPTUALISIERUNG DER KULTURELLEN IDENTITÄT
2.1 NATION UND IDENTITÄT
2.2 DIASPORA UND IDENTITÄT
2.3 GENDER-„RASSE"-KLASSE UND IDENTITÄT
3 POSTKOLONIALE NEUINTERPRETATION DER KALIBAN-FIGUR
3.1 KALIBAN ALS ALLEGORIE DES WIDERSTANDES (RETAMAR)
3.2 DIE KARIBISCHE VERSION DES KALIBAN KONZEPTS (TORRES-SAILLANT)
4 GEFANGEN ZWISCHEN ZWEI WELTEN: KOLONIALES ERBE, DIASPORA UND DIE PROBLEMATIK DER IDENTITÄT IN LA MARAVILLOSA VIDA BREVE DE ÓSCAR WAO (2007) VON JUNOT DÍAZ
4.1 HANDLUNG UND GLIEDERUNG DES ROMANS
4.2 DIE HISTORISCHE DIMENSION DES ROMANS
4.3 FUKÚ: DAS KOLONIALE ERBE DER DOMINIKANISCHEN REPUBLIK
4.3.1 Fukú: Die ersten Opfer des Trujillato
4.3.1.1 Abelard Luis Cabral
4.3.1.2 Hypatía Belicia Cabral
4.4 GEFANGEN ZWISCHEN ZWEI WELTEN
4.4.1 Lola vs. Beli
4.4.2 Óscar Wao vs. Óscar de León
4.5 ZAFA VS. FUKÚ
5 ZUSAMMENFASSUNG
6 BIBLIOGRAPHIE
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den identitätsstiftenden Einfluss kolonialer Diskurse und der dominikanischen Diasporageschichte im Roman La maravillosa vida breve de Óscar Wao von Junot Díaz. Ziel ist es, durch eine literaturwissenschaftliche Analyse aufzuzeigen, wie postkoloniale Machtstrukturen und das koloniale Erbe, symbolisiert durch den Fluch fukú, die Identitätskonstruktion der Protagonisten in einem hybriden, transkulturellen Kontext prägen und inwiefern der Roman als Gegendiskurs fungiert.
- Postkoloniale Identitätstheorien (Nation, Diaspora, Hybridität)
- Intersektionalitätsanalyse (Rasse, Geschlecht, Klasse)
- Neuinterpretation der Kaliban-Figur im karibischen Kontext
- Dekonstruktion des Trujillato und US-amerikanischer Hegemonie
- Identitätsfindung im Spannungsfeld zwischen Migration und kultureller Hybridität
Auszug aus dem Buch
3.1 Kaliban als Allegorie des Widerstandes (Retamar)
Shakespeares Stück The Tempest entstand Anfang des 17. Jahrhunderts, zu Zeiten der kolonialen Entdeckungs- und Eroberungsreisen, die die Welt damals faszinierten. Neben den wirtschaftlichen Interessen war auch die Erforschung fremder Völker und die christliche Missionarisierung Motivation der europäischen Entdecker. Shakespeare inszeniert den Prozess der Kolonialisierung am Beispiel seiner Figuren Prospero und Kaliban. Prospero, ein Herzog aus der westlichen Welt, ist auf einer Insel gestrandet, nimmt sie in seinen Besitz und versklavt den ungezähmten, verunstalteten Ureinwohner und eigentlichen Herrscher der Insel, Kaliban. Im Zuge der steigenden Beteiligungen lateinamerikanischer Schriftsteller und Intellektuellen an der postkolonialen Identitätsdebatte entstand Mitte des 20. Jahrhunderts der Wunsch nach vollständiger Emanzipation vom europäischen Einfluss. Hierzu war ein eigener Diskurs notwendig, der von der sozialen Wirklichkeit der Karibik und Lateinamerika erzählte.
Dies geschah vor allem durch die subversive Neuinterpretation von Shakespeares The Tempest im postkolonialen Kontext.
Die bekannteste postkoloniale Interpretation des Stückes stammt ohne Zweifel von dem bereits genannten Fernández Retamar. In seinem Werk Kaliban. Essays zur Kultur Lateinamerikas (1988) ruft Retamar zum Widerstand gegen den starken Einfluss des spanischen Mutterlandes auf. Auslöser war die Frage eines europäischen Journalisten nach der Existenz einer lateinamerikanischen Kultur. Diese Infragestellung der Existenz seiner eigenen Kultur veranlasste Retamar einen neuen Diskurs zu etablieren, der sich gegen die koloniale Repräsentation der Kultur Lateinamerikas aus der eurozentrischen Perspektive richtet: "Denn unsere Kultur in Zweifel zu ziehen, bedeutet, unsere eigene Existenz anzuzweifeln, und deshalb müssen wir unsere unabänderliche koloniale Lage nutzen, da schon geargwöhnt wird, wir seien nichts als das verzerrte Echos der Ereignisse, die anderorts geschehen." Fernández Retamar sieht vor allem in der Heterogenität der lateinamerikanischen Kultur einen Ausweg aus der diffamierten Repräsentation ihrer Kultur als verzerrtes europäisches Imitat.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in die postkoloniale Thematik des Romans und Erläuterung der theoretischen Schwerpunkte wie Identität, Diaspora und Hybridität.
2 DIE KONZEPTUALISIERUNG DER KULTURELLEN IDENTITÄT: Theoretische Grundlegung zu den Konzepten von Nation, Diaspora und der Intersektionalität von Rasse, Klasse und Geschlecht.
3 POSTKOLONIALE NEUINTERPRETATION DER KALIBAN-FIGUR: Gegenüberstellung von Retamars antikolonialer Lesart und der kritischen, auf die karibische Realität fokussierten Sichtweise von Silvio Torres-Saillant.
4 GEFANGEN ZWISCHEN ZWEI WELTEN: KOLONIALES ERBE, DIASPORA UND DIE PROBLEMATIK DER IDENTITÄT IN LA MARAVILLOSA VIDA BREVE DE ÓSCAR WAO (2007) VON JUNOT DÍAZ: Literarische Analyse des Romans unter Berücksichtigung des fukú-Mythos, der Trujillo-Diktatur sowie der individuellen Schicksale der Familie de León im diasporischen Kontext.
5 ZUSAMMENFASSUNG: Synthese der Ergebnisse und Bestätigung des Romans als Beitrag zur Vergangenheitsaufarbeitung und Dekonstruktion kolonialer Narrative.
6 BIBLIOGRAPHIE: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur sowie der Internetquellen.
Schlüsselwörter
Postkolonialismus, Kulturelle Identität, Diaspora, Hybridität, Fukú, Junot Díaz, Trujillo, Intersektionalität, Kaliban, Dominikanische Republik, Migration, Dekonstruktion, Rasse, Klasse, Geschlecht
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Junot Díaz’ Roman La maravillosa vida breve de Óscar Wao im Kontext postkolonialer Identitätstheorien und untersucht, wie koloniale Gewalt und diktatorische Geschichte die Identität der dominikanischen Diaspora prägen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf postkolonialer Theorie, dem kulturellen Einfluss von Migration und Diaspora, intersektionalen Unterdrückungsformen sowie der dekonstruktivistischen Literaturkritik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Untersuchung zielt darauf ab, aufzuzeigen, wie der Roman durch die Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe und der Trujillo-Diktatur die Identitätsfindung der Figuren im hybriden Raum zwischen den USA und der Karibik subversiv gestaltet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die auf postkolonialen Theorieansätzen (u.a. Bhabha, Hall, Gilroy, Torres-Saillant) sowie auf Diskurs- und Intersektionalitätsanalysen basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Konzeptualisierung kultureller Identität, eine postkoloniale Neuinterpretation der Kaliban-Figur und eine tiefgehende Literaturanalyse der Familiengeschichte im Roman, inklusive der symbolischen Bedeutung des fukú.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Postkolonialismus, Identität, Hybridität, Diaspora, fukú und Intersektionalität charakterisiert.
Wie unterscheidet sich Retamars Interpretation der Kaliban-Figur von der Torres-Saillants?
Während Retamar Kaliban als heroische Allegorie des antikolonialen Widerstands versteht, kritisiert Torres-Saillant diese Heroisierung als realitätsfern und sieht in Kaliban stattdessen ein Symbol für die tiefen, traumatischen Narben kolonialer Gewalt in der Karibik.
Welche Bedeutung kommt dem Fluch "fukú" im Roman zu?
Der Fluch fukú dient als Metaerzählung für die anhaltende koloniale Gewalt und die diktatorische Vergangenheit der Dominikanischen Republik, die sich als zerstörerisches Erbe bis in die diasporischen Erfahrungen der jüngeren Generation zieht.
- Arbeit zitieren
- Nawal Jelb (Autor:in), 2014, Koloniales Erbe, Diaspora und die Problematik der Identität in "La maravillosa vida breve de Óscar Wao" von Junot Díaz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279312