Homosexuelle stehen auf der Skala der Binnenhierarchie der Männer ganz unten. Sie werden als „verweiblichte Männer“ betrachtet und zumeist von ihren Geschlechtsgenossen verachtet, gehasst und teils auf grausame Weise verfolgt. Die Entstehung dieses homophoben Hasses soll im Folgenden näher betrachtet werden.
Im männlichen Kampf gegen die als „weiblich“ konnotierten Erfahrungen von Abhängigkeit und Schwäche und für männliche Hegemonie hängen die Strategien zur Abwehr von Homosexualität eng mit den Strategien der Weiblichkeitsabwehr zusammen. Die Parallelen gehen bis in die Kindheit zurück: Im Zuge der Rekategorisierung wird alles Weibliche als „schwach, weil abhängig“ und somit dem „stark, weil unabhängig“ dargestellten Männlichen unterlegen eingeordnet. Ebenso werden auch Jungen im pubertären Entwicklungsstadium, die durch Sensibilität und Einfühlsamkeit und nicht „im besten Fall durch Ungezogenheit, im schlimmsten Fall durch Gewalttätigkeit“ auffallen, als „anders“ und „mädchenhaft“ betrachtet.
Inhaltsverzeichnis
„Homosexualität ausleben und zugleich sich vor ihr verstecken“ – Überlegungen zur Homophobie im Verhältnis zur Konstitution von Männlichkeit
Thesen
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die psychologischen und soziokulturellen Ursprünge homophober Hass- und Gewaltbereitschaft bei männlichen Jugendlichen. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, wie die Abwehr vermeintlich „weiblicher“ oder homosexueller Anteile im Prozess der Konstitution von hegemonialer Männlichkeit zur Entstehung von Gewalt gegenüber anderen und sich selbst beiträgt.
- Psychodynamische Entstehung von Homophobie
- Die Rolle archaischer Abwehrmechanismen (Projektion, Abspaltung)
- Zusammenhang zwischen hegemonialer Männlichkeit und dem „Sexualitätsdilemma“
- Der Einfluss gesellschaftlicher Tabuisierung auf die männliche Identitätsbildung
- Mechanismen der paranoiden Feinderkennung im Kontext von Gewalt
Auszug aus dem Buch
„Homosexualität ausleben und zugleich sich vor ihr verstecken“ – Überlegungen zur Homophobie im Verhältnis zur Konstitution von Männlichkeit
Homosexuelle stehen auf der Skala der Binnenhierarchie der Männer ganz unten. Sie werden als „verweiblichte Männer“ betrachtet und zumeist von ihren Geschlechtsgenossen verachtet, gehasst und teils auf grausame Weise verfolgt. Die Entstehung dieses homophoben Hasses soll im Folgenden näher betrachtet werden.
Im männlichen Kampf gegen die als „weiblich“ konnotierten Erfahrungen von Abhängigkeit und Schwäche und für männliche Hegemonie hängen die Strategien zur Abwehr von Homosexualität eng mit den Strategien der Weiblichkeitsabwehr zusammen. Die Parallelen gehen bis in die Kindheit zurück: Im Zuge der Rekategorisierung wird alles Weibliche als „schwach, weil abhängig“ und somit dem „stark, weil unabhängig“ dargestellten Männlichen unterlegen eingeordnet. Ebenso werden auch Jungen im pubertären Entwicklungsstadium, die durch Sensibilität und Einfühlsamkeit und nicht „im besten Fall durch Ungezogenheit, im schlimmsten Fall durch Gewalttätigkeit“ auffallen, als „anders“ und „mädchenhaft“ betrachtet.
Der Ausdruck „schwul“ als ausgrenzendes Schimpfwort ist bereits im Wortschatz von Jungen im Grundschul-, wenn nicht sogar Kindergartenalter fest verankert. Auch wenn die psychosoziale Tragweite der Bedeutung noch nicht erfasst werden kann, so ist den Jungen doch klar, dass sie eines auf keinen Fall sein dürfen, nämlich „schwul“. An diesem Befund zeigt sich, dass Homophobie schon früh praktiziert wird und auf scheinbar natürliche Weise als Bestandteil des männlichen Habitus in die Köpfe und Körper der Jungen eingeschrieben wird. Während der Kampf gegen alles Homosexuelle in der Kindheit vorbereitet wird, so brechen im späteren Jugendalter mit der Herstellung einer als „normal“ angesehenen, genitalzentrierten, homosexuellen Männlichkeit die radikalen Abwehrmechanismen hervor und führen zu einer Verstärkung der generell in dieser Zeit bei männlichen Jugendlichen anzutreffenden Hass- und Gewaltbereitschaft.
Zusammenfassung der Kapitel
„Homosexualität ausleben und zugleich sich vor ihr verstecken“ – Überlegungen zur Homophobie im Verhältnis zur Konstitution von Männlichkeit: Dieses Kapitel analysiert die psychologische Verankerung von Homophobie als zentralen Bestandteil der Identitätsbildung und die daraus resultierende Abwertung von Homosexualität als „verweiblicht“.
Thesen: Dieser Abschnitt fasst die theoretischen Kernpunkte zusammen, insbesondere die Verknüpfung von Libido und Thanatos in der Homophobie sowie das Potential von Aufklärung und geänderten Männlichkeitsdefinitionen.
Schlüsselwörter
Homophobie, Männlichkeit, Hegemonie, Identitätsbildung, Projektion, Abwehrmechanismen, Adoleszenz, Sexualität, Triebtheorie, Gewaltbereitschaft, Geschlechtsidentität, Sozialpsychologie, Frauenhass, Libido, Subjektkonstitution
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht die tiefenpsychologischen und gesellschaftlichen Ursachen von Homophobie bei männlichen Jugendlichen und deren enge Verknüpfung mit der Konstruktion einer hegemonialen, „normalen“ Männlichkeit.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Abwehr von Weiblichkeit, das Konzept der hegemonialen Männlichkeit, die Entwicklung der männlichen Identität in der Pubertät sowie die Funktionen von Hass und Gewalt als Abwehrmechanismen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die gesellschaftliche Forderung nach einer „autarken“ und heterosexuellen Männlichkeit Jugendliche dazu zwingt, eigene homoerotische Anteile aggressiv abzuwehren und in Hass gegen „andere“ zu transformieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine psychoanalytisch orientierte sozialpsychologische Analyse, wobei sie auf Theorien zu Abwehrmechanismen (wie Projektion, Verschiebung und Abspaltung) und Konzepte der Geschlechtersoziologie zurückgreift.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert erörtert?
Es werden die Mechanismen der „Rekategorisierung“ des Weiblichen und Homosexuellen als „fremd“ analysiert, die den Mann in eine psychologische Zwickmühle bringen und zu einer „parasitären“ oder paranoiden Feindbildkonstruktion führen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Text charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Homophobie, hegemoniale Männlichkeit, Triebtheorie, projektive Identifizierung, Adoleszenz und Gewaltbereitschaft beschreiben.
Wie unterscheidet sich die Abwehr von Weiblichkeit von der Abwehr von Homosexualität?
Während sich die Abwehr von Weiblichkeit gegen das andere Geschlecht richtet, bezieht sich die Homophobie auf das eigene Geschlecht, wobei beide Strategien jedoch identische archaische Abwehrmechanismen nutzen, um eine „fragile“ Männlichkeit zu stabilisieren.
Was bedeutet der Titel „sich vor ihr verstecken“ in diesem Kontext?
Der Titel verdeutlicht das tragisch-ironische Paradoxon, dass viele Männer ihren Hass auf Schwule nutzen, um ihre eigene, latent vorhandene Sexualität vor sich selbst zu verstecken und gleichzeitig eine heterosexuelle Identität vorzutäuschen.
- Quote paper
- Julia Haase (Author), 2007, Überlegungen zur Homophobie im Verhältnis zur Konstitution von Männlichkeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272551