Bereits seit der Vorsokratik beschäftigten sich die griechischen Philosophen mit der Dichtung sowohl als ästhetisches als auch soziales Phänomen und mit der Rolle der Dichter als Schöpfer von Kunstwerken und Träger einer Art gesellschaftlichen Erziehung. Doch gewiss nimmt die Poetik des Aristoteles in zweifacher Hinsicht eine Sonderstellung innerhalb der antiken Literatur ein: Zum einen ist die Poetik die einzige grundlegende Vertreterin ihrer Spezies; denn außer ihr kennen wir keine andere antike Schrift, die sich als umfassende Gattungspoetik beschreiben lässt.
Es ist sehr ungewiss, ob es vor Aristoteles überhaupt eine regelrechte und umfassende Poetik gegeben hat. Überliefert ist davon nichts. Wohl aber gab es von den frühesten Zeiten an literaturimmanente Äußerungen poetologischer Art. „Aristototle ́s Poetics ist one of the deepest and most influential philosophical works on art, or rather on a specific art. (...)“
Inhaltsverzeichnis
1. Die Poetik des Aristoteles – Eine umfassende Gattungspoetik
2. Die Entstehungszeit der aristotelischen Poetik
3. Ein Problem jagt das Nächste – Die Form der Poetik
4. Das „Problem“ der Tragödiendefinition – Was verbirgt sich hinter dem Begriffspaar „ἔλεος“ und „φόβος“, sowie hinter dem Begriff der „κάθαρσις“?
5. Überlieferung und Wirkungsgeschichte der Poetik – Ein Resümee
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit setzt sich kritisch mit der aristotelischen Poetik auseinander, um deren fragmentarische Natur, ihre Entstehungsgeschichte und die komplexe Wirkungsgeschichte zu beleuchten, wobei der Schwerpunkt auf der Problematik der Tragödiendefinition und der zentralen Begriffe Mitleid, Furcht und Katharsis liegt.
- Die Sonderstellung der Poetik als grundlegende Gattungspoetik
- Analyse der problematischen Form und Überlieferung der Schrift
- Diskussion der zentralen Tragödiendefinition und ihrer Rezeption
- Wirkungsgeschichte von der Renaissance bis in die Moderne
Auszug aus dem Buch
4. Das „Problem“ der Tragödiendefinition – Was verbirgt sich hinter dem Begriffspaar „ἔλεος“ und „φόβος“, sowie hinter dem Begriff der „κάθαρσις“?
„Die Tragödie ist Nachahmung einer guten und in sich geschlossenen Handlung von bestimmter Größe, in anziehend geformter Sprache, wobei diese formenden Mittel in den einzelnen Abschnitten je verschieden angewandt werden – Nachahmung von Handelnden und nicht durch Bericht, die Jammer und Schaudern hervorruft und hierdurch eine Reinigung von derartigen Erregungszuständen bewirkt. (...)“35
Wohl kaum ein Satz wurde im aristotelischen Werk öfter und kontroverser diskutiert als jene Definition der Tragödie. Doch die Kontroverse dreht sich nicht um die Hauptmerkmale der Definition, sondern auf dessen Wirkung. Denn dass die Tragödie eine ernsthafte Handlung36 darstellt, eine gewisse Größe haben muss und dass Teile der Tragödie37 in einer kunstgerechten Sprache formuliert sein müssen, sowie dass die handelnden Personen auftreten müssen und nicht ein bloßer Bericht wie im Epos gegeben wird, ist unumstritten und unanfechtbar.
Die Fragestellung bezieht sich vielmehr darauf, was mit Mitleid „ἔλεος“ und „φόβος“ gemeint ist und was es mit der Reinigung „κάθαρσις“ auf sich hat. Die Vielzahl der Deutungen von der Wiederentdeckung der Poetik (erster Druck 1498) bis heute ist selbst ein Stück Geistesgeschichte geworden. Dabei lassen sich in grober Einteilung zwei Hauptlinien unterscheiden, die moralische und die medizinische Interpretation. Bereits in der italienischen Renaissance erfolgte die Ausdifferenzierung dieser beiden Interpretationsmöglichkeiten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Poetik des Aristoteles – Eine umfassende Gattungspoetik: Dieses Kapitel verortet die Schrift als einzigartige antike Gattungspoetik und erörtert ihre ungeheure, wenngleich zeitversetzte Wirkung auf das europäische Drama.
2. Die Entstehungszeit der aristotelischen Poetik: Der Autor untersucht die schwierige Datierung der Schrift und argumentiert für eine Entstehung während der Zeit des Peripatos ab 336 v. Chr.
3. Ein Problem jagt das Nächste – Die Form der Poetik: Hier wird die oft als unorganisch und lückenhaft empfundene Form der Poetik analysiert, die eher als wissenschaftliches Arbeitsmanuskript denn als Lehrbuch zu verstehen ist.
4. Das „Problem“ der Tragödiendefinition – Was verbirgt sich hinter dem Begriffspaar „ἔλεος“ und „φόβος“, sowie hinter dem Begriff der „κάθαρσις“?: Dieses Kapitel widmet sich der zentralen Definition der Tragödie und der anhaltenden Debatte um die Bedeutung von Mitleid, Furcht und Katharsis.
5. Überlieferung und Wirkungsgeschichte der Poetik – Ein Resümee: Ein Überblick über die Rezeptionsgeschichte der Schrift vom Mittelalter über den europäischen Klassizismus bis hin zu modernen Einflüssen wie dem epischen Theater Brechts.
Schlüsselwörter
Aristoteles, Poetik, Tragödie, Gattungspoetik, Mitleid, Furcht, Katharsis, Drama, Wirkungsgeschichte, Mimesis, Peripatos, Dichtungstheorie, Reinigung, Handlungsaufbau, Antike.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet eine fundierte Analyse der aristotelischen Poetik, wobei der Fokus auf ihrer Entstehung, ihrer besonderen Textform und der zentralen Bedeutung ihrer Tragödientheorie liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den zentralen Themen gehören die Gattungspoetik, die historische Einordnung des Werkes, die kritische Auseinandersetzung mit der Tragödiendefinition sowie die weitreichende Wirkungsgeschichte der Schrift.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die aristotelische Poetik in ihren Grundzügen aufzuschlüsseln und zu verdeutlichen, wie die spezifischen Begriffe und Konzepte des Autors zu interpretieren sind und welche Problematiken sich daraus ergeben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine philologische und literaturwissenschaftliche Analyse, die einschlägige Fachliteratur und interpretative Ansätze der Antikeforschung einbezieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Genese der Schrift, ihre formale Struktur als mutmaßliches Arbeitsmanuskript sowie die fachwissenschaftliche Diskussion um Mitleid, Furcht und Katharsis detailliert dargelegt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Besonders prägend sind Begriffe wie Aristoteles, Poetik, Katharsis, Tragödie, Wirkungsgeschichte und Mimesis.
Warum wird die Form der Poetik als „dornige Lektüre“ bezeichnet?
Der Autor begründet dies mit der unorganischen, teils lückenhaften Struktur des Textes, die eher an Notizen eines Zettelkastens erinnert als an ein systematisch ausgearbeitetes Lehrbuch.
Welche unterschiedlichen Interpretationen der Katharsis werden diskutiert?
Es werden primär zwei Linien unterschieden: eine moralische Interpretation, die Katharsis als Reinigung der Affekte sieht, und eine medizinische Richtung, die sie als Reinigung von den Affekten deutet.
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- Michael André Ankermüller (Author), 2014, Die Poetik des Aristoteles, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269254