Theodor Fontanes Roman „Frau Jenny Treibel oder Wo sich Herz zum Herzen find`t“ erschien 1892. Er gilt als der erheiterndste und humorvollste unter Fontanes Berliner Frauenromanen und soll nach den Worten seines Autors „[...] das Hohle, Phrasenhafte, Lügnerische, Hochmütige, Hartherzige des Bourgeoisiestandpunktes [zeigen], der von Schiller spricht und Gerson meint.“1 Die schon zu Beginn des Romans als „ein Musterstück von einer Bourgeoise“2 bezeichnete Berliner Kommerzienrätin Jenny Treibel verkörpert diesen Standpunkt. Gerson ist der Name eines luxuriösen Modesalons im Berlin der Wilhelminischen Zeit; der Name steht für den Prestigekonsum, den sich Neureiche wie Jenny Treibel leisten konnten. Schiller hingegen steht für das klassische Bildungs- und Kunstideal, welches die Kommerzienrätin für sich in Anspruch nimmt. Fontanes Gesellschaftsroman ist darauf angelegt, Jennys Schwärmereien für Poesie und Kunst als verlogene Kulturbeflissenheit zu entlarven und zu zeigen, dass es ihr in Wahrheit nur um Geld, Ansehen und Besitz geht. Doch auch im Bildungsbürgertum ist für Theodor Fontane keineswegs alles Gold, was glänzt. Das Kunst- und Kulturverständnis von Jenny Treibels Jugendfreund Professor Wilibald Schmidt muss ebenfalls kritisch beleuchtet werden. Der so sympathisch gezeichnete Schmidt ist auch geprägt von Egozentrik und Standesdünkel. 1 Brief Fontanes an seinen Sohn am 9. Mai 1888, zitiert nach Brinkmann: Fontanes Briefe, S. 425. 2 Fontane: Jenny Treibel, S. 13
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Jenny Treibels Kunst- und Kulturverständnis/ Das Kunst- und Kulturverständnis der Bourgeoisie:
- Das falsche Bildungsverständnis der Bourgeoisie / „Verbildete Gesellschaft“:
- Kunst und Kultur zur Repräsentation des sozialen Standes:
- Die Bedeutung der Poesie für die Bourgeoisie:
- Exkurs: Jenny Treibels „Lieblingsdichter“ Georg Herwegh:
- Kunst und Kultur zur Sicherung des sozialen Status:
- Kunst/Poesie als unpolitische und inhaltsentleerte Gefühlsduselei:
- Entlarvung der Kunstschwärmerei der Bourgeoisie als reine Farce:
- Die Sentimentalität der Bourgeoisie:
- Das Phänomen „Sentimentalität“ im Zusammenhang mit der allgemeinen Entwicklung der Bourgeoisie:
- Das Kunst- und Kulturverständnis von Professor Wilibald Schmidt/ Das Kunst- und Kulturverständnis des Bildungsbürgertums:
- Kunst und Kultur als Mittel zum „geistreichen Garnieren der Rede“
- Der Ironiker Wilibald Schmidt:
- Wilibald Schmidt als Autor des Liebesgedichtes an Jenny Treibel:
- Unterschiedliche Deutungsversuche von Schmidts Meinungsänderung/ des Romanschlusses:
- Der Ironiker Wilibald Schmidt treibt die Ironie auf die Spitze:
- Echter Gefühlsausbruch Schmidts und wahre Erkenntnis der gesellschaftlichen Missstände:
- Fontanes Roman als Selbstreflexion eines Künstlers über die Möglichkeiten seiner Kunst und sein Publikum:
- Schlussbetrachtung:
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Arbeit untersucht das Kunst- und Kulturverständnis der Bourgeoisie und des Bildungsbürgertums im Theodor Fontanes Roman „Frau Jenny Treibel“. Sie analysiert die Figuren Jenny Treibel und Professor Wilibald Schmidt als Repräsentanten dieser beiden Gruppen und beleuchtet ihre unterschiedlichen Ansichten über Kunst und Kultur.
- Das falsche Bildungsverständnis der Bourgeoisie
- Die Nutzung von Kunst und Kultur zur Repräsentation des sozialen Standes
- Die Rolle von Sentimentalität und Ironie im Kunst- und Kulturverständnis
- Die Kritik an oberflächlicher Kulturbeflissenheit
- Die Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Grenzen von Kunst in der Gesellschaft
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einleitung stellt den Roman „Frau Jenny Treibel“ und seine Figuren vor, insbesondere die Kommerzienrätin Jenny Treibel als Repräsentantin der Bourgeoisie. Das erste Kapitel analysiert Jennys Kunst- und Kulturverständnis und ihre verfälschte Vorstellung von Bildung, die sich im bloßen Auswendiglernen klassischer Texte manifestiert. Es zeigt, wie sie Kunst und Kultur zur Repräsentation ihres sozialen Standes nutzt und ihre Liebe zur Poesie als unpolitische Gefühlsduselei entlarvt.
Das zweite Kapitel untersucht das Kunst- und Kulturverständnis von Professor Wilibald Schmidt, der die Bourgeoisie mit Ironie und Distanz betrachtet. Es beleuchtet Schmidts Umgang mit Kunst und Kultur und analysiert sein Liebesgedicht an Jenny Treibel.
Schlüsselwörter
Theodor Fontane, Frau Jenny Treibel, Bourgeoisie, Bildungsbürgertum, Kunst, Kultur, Sentimentalität, Ironie, Repräsentation, gesellschaftliche Missstände, Bildungsbegriff.
Häufig gestellte Fragen
Was kritisiert Fontane an der Figur Jenny Treibel?
Fontane entlarvt Jenny Treibel als Prototyp der Bourgeoisie, die Poesie und Bildung nur als Fassade nutzt, während es ihr eigentlich nur um Besitz, Geld und sozialen Status geht.
Wofür steht der Name „Gerson“ im Roman?
Gerson war ein bekanntes Modekaufhaus in Berlin und symbolisiert im Roman den luxuriösen Prestigekonsum der Neureichen im Gegensatz zum klassischen Bildungsideal.
Wie unterscheidet sich Professor Schmidt von Jenny Treibel?
Professor Schmidt repräsentiert das Bildungsbürgertum. Er begegnet der Welt mit Ironie und Distanz, ist jedoch auch von eigenem Standesdünkel und einer gewissen Egozentrik geprägt.
Welche Rolle spielt die Sentimentalität in „Frau Jenny Treibel“?
Sentimentalität wird als Mittel der Bourgeoisie dargestellt, um die eigene Hartherzigkeit und Profitgier hinter einer Maske aus Gefühlsduselei und Poesie zu verbergen.
Was ist das zentrale Thema des Romans?
Das zentrale Thema ist der Konflikt zwischen Sein und Schein, speziell die Kritik an der hohlen Phrasenhaftigkeit der bürgerlichen Gesellschaft der Wilhelminischen Zeit.
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- Michael Wadle (Author), 2003, Die Funktion von Kunst und Kultur in Theodor Fontanes Frau Jenny Treibel (1892), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26914