Anders als im Fall der präziseren monarchie absolu handelt es sich beim „Absolutismus“ um keinen zeitgenössischen Begriff. Erstmals als absolutisme im revolutionären Frankreich des Jahres 1796 nachweisbar, nahm er ab etwa 1830 im Sprachgebrauch deutscher und englischer Liberaler zunehmend die Gestalt eines politischen Kampfbegriffes an, welcher die kontinentaleuropäischen Monarchien der Restaurationszeit als despotisch qualifizierte. Parallel zur Entwicklung der national-liberalen Geschichtswissenschaft in Deutschland verblasste diese Gleichsetzung von „Absolutismus“ und „Despotismus“ jedoch bald wieder. Stattdessen prägten nunmehr die überwiegend an frühmoderner Staatsbildung und charismatischen Herrscherpersönlichkeiten interessierten Historiker preußischer Provenienz einen durch unumschränkte fürstliche Machtentfaltung, „durch Zentralisierung und Vereinheitlichung der Administration, durch Disziplinierung der Bevölkerung und den Aufbau stehender Heere“ definierten Begriff „absolutistischer“ Fürstenherrschaft1, der sich teilweise bis heute in einschlägigen Hand- und Schulbüchern großer Popularität erfreut. Dieses einseitige Absolutismusbild ist allerdings bereits Ende der 1960er Jahre u. a. von Dietrich Gerhard2 und Gerhard Oestreich3 korrigiert worden, deren Arbeiten zwar eine verstärkte Suche nach dem „Nichtabsolutistischen im Absolutismus“ 4 einleiteten, dessen Tauglichkeit als Epochenbegriff – wie ihre zahlreichen Nachfolger – aber nicht grundsätzlich in Zweifel zogen.5 1 VIERHAUS, Rudolf : Absolutismus [1966], in: Ernst HINRICHS (Hg.), Absolutismus, Frankfurt am Main 1986, S. 35f. (Zitat, S. 36). 2 GERHARD, Dietrich (Hg.) : Ständische Vertretungen in Europa im 17. und 18. Jahrhundert (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, Bd. 27), Göttingen 1969. 3 Siehe vor allem OESTREICH, Gerhard : Strukturprobleme des europäischen Absolutismus, in: DERS., Geist und Gestalt des frühmodernen Staates. Ausgewählte Aufsätze, Berlin 1969, S. 179-197. 4 Ebd., S. 183. 5 So BLÄNKNER, Reinhard : „Absolutismus“ und „frühmoderner Staat“. Stand und Probleme der Forschung, in: Rudolf VIERHAUS (Hg.), Frühe Neuzeit – Frühe Moderne? Forschungen zur Vielschichtigkeit von Übergangsprozessen, Göttingen 1992, S. 51-58. – Zur Begriffsgeschichte siehe auch SCHMALE, Wolfgang : Absolutismus. Biographie eines Begriffs, in: Beiträge zur historischen Sozialkunde 31 (2001), S. 5-10.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Fürst, Staat und Kirche
- Militärwesen
- Finanzpolitik und Verwaltungsumbau
- Fürstliches Kirchenregiment
- Fürst, Stände und höfisches Leben
- Intermediäre Gewalten
- Der Hof als fürstliches Machtzentrum
- Fürst, Wirtschaft und gute Policey
- Fürst, Gott und Recht
- Absolutismus als Epochenbegriff ?
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Seminararbeit untersucht die strukturellen Grenzen des fürstlichen "Hochabsolutismus" in Kontinentaleuropa zwischen 1650 und 1740. Sie analysiert die Rolle des "absolutistischen" Fürsten bei der Herausbildung des frühmodernen Staates, den Einfluss des Landadels auf Politik und Gesellschaft sowie das Phänomen des Merkantilismus.
- Die Rolle des "absolutistischen" Fürsten bei der Herausbildung des frühmodernen Staates
- Der Einfluss des Landadels auf Politik und Gesellschaft
- Das Phänomen des Merkantilismus
- Die ethischen und rechtlichen Rahmenbedingungen des "absoluten" Monarchen
- Die Eignung des "Absolutismus" als Epochenbegriff
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einleitung beleuchtet die Entstehung und Entwicklung des Begriffs "Absolutismus" sowie die Forschungsdebatte um dessen Bedeutung. Das erste Kapitel analysiert die Rolle des Fürsten bei der Herausbildung des frühmodernen Staates, insbesondere im Kontext der Konfessionellen Spaltung, der Wirtschaftskrise und der militärischen Konflikte des 17. Jahrhunderts. Die Kapitel zwei und drei befassen sich mit dem Einfluss des Landadels auf Politik und Gesellschaft sowie mit dem Phänomen des Merkantilismus in "absoluten Monarchien". Kapitel vier beschreibt den ethischen und rechtlichen Rahmen, innerhalb dessen sich das Regiment eines "absoluten" Monarchen bewegte.
Schlüsselwörter
Die wichtigsten Schlüsselwörter dieser Arbeit sind "Absolutismus", "Hochabsolutismus", "frühmoderner Staat", "Fürstenherrschaft", "Landadel", "Merkantilismus", "Konfessionelle Spaltung", "Wirtschaftskrise", "militärische Konflikte", "ethische und rechtliche Rahmenbedingungen". Die Arbeit analysiert den "Absolutismus" als Epochenbegriff und untersucht dessen reale Ausprägungen im Kontext der europäischen Geschichte.
Häufig gestellte Fragen
Ist "Absolutismus" ein zeitgenössischer Begriff des 17. Jahrhunderts?
Nein, der Begriff entstand erst 1796 im revolutionären Frankreich und wurde ab 1830 als politischer Kampfbegriff gegen despotische Monarchien verwendet.
Welche Rolle spielten stehende Heere für den Absolutismus?
Der Aufbau stehender Heere gilt als zentrales Merkmal absolutistischer Machtentfaltung und staatlicher Disziplinierung der Bevölkerung.
War die Macht des "absoluten" Fürsten wirklich unbeschränkt?
Die Arbeit zeigt, dass es strukturelle Grenzen gab, darunter ethische und rechtliche Rahmenbedingungen sowie den Einfluss des Landadels (intermediäre Gewalten).
Was versteht man unter dem "fürstlichen Kirchenregiment"?
Es beschreibt die Kontrolle des Monarchen über die Kirche im Zuge der Konfessionalisierung und Staatsbildung.
Wie wird der Absolutismus heute in der Forschung bewertet?
Seit den 1960er Jahren wird das einseitige Bild korrigiert, indem verstärkt nach "nichtabsolutistischen" Elementen in dieser Epoche gesucht wird.
- Quote paper
- Arndt Schreiber (Author), 2004, Fürstlicher Hochabsolutismus in Kontinentaleuropa - Realität oder ein Mythos?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26911