Im Sommer 2000 waren einige britische Pädophile Opfer einer medialen Hetzkampagne. Verschiedene Zeitungen veröffentlichten Fotos, Namen und vermutlichen Aufenthaltsort straffällig gewordener Personen. Mit der Forderung nach drakonischer Bestrafung der Delinquenten und immer lauterem Ruf nach Vergeltung heizten die Blätter die Atmosphäre an. Die Folge war ein Lynchjustiz-Klima in Grossbritannien.
Diese hysterischen Szenen muten aus schweizerischer Perspektive auf den ersten Blick befremdend an, scheinen doch solche Hetzjagden gegenüber Minderheiten in der Schweiz undenkbar. Allerdings genügt ein Blick in die jüngere Geschichte des Landes, um zu erkennen, dass auch Personen in der Schweiz schon auf ähnliche Art und Weise ins mediale und öffentliche Fadenkreuz geraten sind. Im Herbst 1956 schlugen sowjetische Truppen die ungarischen Aufständischen nieder, die sich gegen das stalinistische System aufgelehnt hatten. Die Schweizer Regierung, die Parteien und die Medien reagierten einerseits mit riesigen Solidaritäts- und Sympathiebekundungen für das gebeutelte ungarische Volk und andererseits mit einer Welle der Empörung gegen den Kommunismus. Die Wut und den Zorn bekamen besonders jene im Land zu spüren, die sich trotz der blutigen Ereignisse in Ungarn weiter zur kommunistischen Ideologie bekannten und der kommunistischen Partei der Arbeit treu blieben.
Eine massgebliche Rolle spielten bei der Anheizung des antikommunistischen Klimas die damals noch viel stärker an politische Parteien gebundenen Medien. Diese Arbeit hat daher zum Ziel, die Berichterstattung von Schweizer Zeitungen über Schweizer Kommunisten, beziehungsweise über die kommunistische Partei der Arbeit, während und kurze Zeit nach der Niederschlagung des Ungarnaufstandes genauer zu untersuchen. Es stellt sich dabei unter anderem die Frage, ob, und wenn ja inwiefern, sich die sozialdemokratische Presse in der Berichterstattung über den Kommunismus und kommunistische Personen von der bürgerlichen Presse unterschieden hat. Im Hintergrund steht die vom Soziologen Kurt Imhof vertretene Ansicht, dass der Antikommunismus in der heissen Phase des Kalten Krieges – analog dem Antifaschismus der 30er Jahre – das entscheidende, einende Element zwischen den vier grossen Schweizer Parteien war und zu einem Burgfrieden zwischen Sozialdemokratie und Bürgertum sowie zwischen Katholisch-Konservativen und Freisinnigen führte.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. DIE SCHWEIZ UND DER UNGARNAUFSTAND IM KONTEXT DER ZEIT
2.1 POLITISCHE FOLGEN DER FASCHISTISCHEN BEDROHUNG
2.2 DIE GRÜNDUNG DER PARTEI DER ARBEIT
2.3 RENAISSANCE DER „GEISTIGEN LANDESVERTEIDIGUNG“
2.4 DER ANTIKOMMUNISMUS IN DEN 50ER JAHREN
2.5 DER UNGARNAUFSTAND UND DIE HETZJAGD AUF KOMMUNISTEN
3. BESONDERHEITEN MEDIALER KRISENKOMMUNIKATION
3.1 VERZERRTE BERICHTERSTATTUNG IN DEN MASSENMEDIEN
3.2 MEDIEN IN KRISENZEITEN
3.3 DER KALTE KRIEG UND DIE MEDIEN
3.4 UNGARN, DIE SCHWEIZER MEDIEN UND DER AUFBAU DES OST-INSTITUTS
4. EMPIRISCHE ANALYSE DER BERICHTERSTATTUNG IM HERBST 1956
4.1 METHODISCHES VORGEHEN
4.1.1 Hypothesenbildung
4.1.1.1 Zentrale Hypothesen für die bürgerlich-sozialdemokratische Presse
4.1.1.2 Unterhypothesen für die bürgerlich-sozialdemokratische Presse
4.1.1.3 Zentrale Hypothesen für die kommunistische Presse
4.1.1.4 Unterhypothesen für die kommunistische Presse
4.1.2 Untersuchungsgegenstand
4.1.3 Untersuchungszeitraum
4.1.4 Auswahl des Untersuchungsmaterials
4.1.5 Analyseeinheit
4.1.6 Kategoriensystem
4.1.7 Reliabilität
4.2 ERGEBNIS HYPOTHESE 1: KAMPAGNENJOURNALISMUS GEGEN DIE PDA
4.2.1 Schwarz-Weiss-Malerei in NZZ und BT
4.2.1.1 Darstellung des Kapitalismus und des Kommunismus
4.2.1.2 Darstellung der Parteien in der NZZ und BT
4.2.1.3 Wenig differenzierte Berichterstattung
4.2.2 Emotionalisierung in NZZ und BT
4.2.2.1 Emotionalisierung in Artikeln der NZZ und BT
4.2.2.2 Emotionalisierung in Bildern der NZZ und BT
4.2.2.3 Emotionale Berichterstattung
4.2.3 Diffamierungen in NZZ und BT
4.2.4 Propagandistisch und diffamierend
4.3 ERGEBNIS HYPOTHESE 2: INTENSITÄT DER ANTIKOMMUNISTISCHEN ANGRIFFE
4.3.1 Diffamierungen in NZZ und BT
4.3.2 Grad der Emotionalisierung in NZZ und BT
4.3.3 Grad der Personalisierung in NZZ und BT
4.3.4 Aufmachung der Artikel in NZZ und BT
4.3.5 NZZ-Kampagne war emotionaler und besser aufgemacht
4.4 ERGEBNIS HYPOTHESE 3: SELEKTIVE ANTIKOMMUNISTISCHE ARTIKULATION
4.4.1 Artikulationsmöglichkeiten in BT und NZZ
4.4.2 Berner Tagwacht vernachlässigte die Bürgerlichen
4.5 ERGEBNIS HYPOTHESE 4: KAMPAGNENJOURNALISMUS GEGEN DAS ESTABLISHMENT
4.5.1 Schwarz-Weiss-Malerei im Vorwärts
4.5.1.1 Darstellung des Kapitalismus und des Kommunismus
4.5.1.2 Darstellung der Parteien im Vorwärts
4.5.1.3 Medien kamen schlecht weg
4.5.1.4 Sozialdemokraten und die sozialdemokratisch-liberale Presse im Visier
4.5.2 Emotionalisierung im Vorwärts
4.5.4 Diffamierungen im Vorwärts
4.5.5 Der Vorwärts setzte sich zur Wehr
4.6 ERGEBNIS HYPOTHESE 5: INTENSITÄT DER KOMMUNISTISCHEN ANGRIFFE
4.6.1 Diffamierungen in Vorwärts und NZZ/BT
4.6.2 Grad der Emotionalisierung in Vorwärts und NZZ/BT
4.6.3 Grad der Personalisierung in Vorwärts und NZZ/BT
4.6.4 Aufmachung der Artikel in Vorwärts und NZZ/BT
4.6.5 Keine grossen Unterschiede
4.7 ERGEBNIS HYPOTHESE 6: SELEKTIVE KOMMUNISTISCHE ARTIKULATION
4.7.1 Artikulationsmöglichkeiten im Vorwärts
4.7.2 Das Sprachrohr der PdA
5. FAZIT
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die mediale Berichterstattung in Schweizer Zeitungen über die Schweizer Kommunisten und die Partei der Arbeit (PdA) im Kontext der Niederschlagung des Ungarnaufstandes im Jahr 1956. Das primäre Ziel ist es, mittels quantitativer Inhaltsanalyse zu ermitteln, ob und inwiefern sich die Berichterstattung der bürgerlichen, der sozialdemokratischen und der kommunistischen Presse in Bezug auf antikommunistische Kampagnen, Diffamierungen und die Artikulationsmöglichkeiten unterschied.
- Historischer Kontext der Schweiz und der Partei der Arbeit im Kalten Krieg.
- Besonderheiten der Medienberichterstattung in Krisenzeiten und während des Kalten Krieges.
- Vergleichende quantitative Inhaltsanalyse der Berichterstattung von NZZ, Berner Tagwacht und Vorwärts.
- Analyse von antikommunistischer Stimmungsmache und Diffamierungskampagnen.
- Untersuchung der Artikulationsfunktion der untersuchten Medien für verschiedene politische Akteure.
Auszug aus dem Buch
3.2 Medien in Krisenzeiten
Bei Kriegs- oder Katastrophenereignissen nimmt die Beachtung der Medien massiv zu. Gleichzeitig weist ihre Berichterstattung typische Besonderheiten auf. So berichten die Medien in Krisenzeiten intensiv über die gleichen Themen. Imhof spricht in diesem Zusammenhang von einer „Kommunikationskonvergenz“ (Imhof 2001: 10). Entscheidend sind dabei die Leitmedien, die einen grossen Einfluss auf andere Medien und ihre Themensetzung ausüben. Erkennbar ist zudem eine Komplexitätsreduktion; die Themenvielfalt und die Zahl der Konfliktgruppen in der medialen Öffentlichkeit wird reduziert. Das heisst, die Nachrichtenfaktoren erhalten ein grösseres Gewicht und die Medien personalisieren stärker. Sie richten den Fokus auf einzelne Figuren und Akteure. Dabei orientiert sich die Berichterstattung vermehrt an Dualismen. Beispielsweise richtete sich nach dem 11. September das mediale Augenmerk auf das (personalisierte) Duell Bush gegen Bin Laden, oder noch weiter vereinfacht, Freund gegen Feind bzw. Gut gegen Böse (Imhof 2001: 10).
Bei kriegerischen Auseinandersetzungen stossen die JournalistInnen vermehrt auf Propaganda und Manipulation. Eigene Korrespondenten und Kriegsberichterstatter sind darüber hinaus konfrontiert mit persönlicher psychischer und physischer Gefährdung. Eine einigermassen neutrale Berichterstattung ist daher ungleich schwieriger (Lang 1995: 152). Wilhelm Kempf hat die Berichterstattung deutscher Medien im zweiten Golfkrieg analysiert. Er kommt zum Schluss, dass der Krieg hauptsächlich aus dem Blickwinkel der USA konzipiert und beurteilt wurde. Zudem vollzogen die Medien hinsichtlich der Person Saddam Husseins einen erstaunlichen Perspektivenwechsel. Während die Medien im ersten Golfkrieg Saddam Hussein als Person vergleichbar wenig nannten, war die Medienaufmerksamkeit im zweiten Golfkrieg eindeutig auf den irakischen Diktator gelenkt. Zugleich wurde er aber auch wesentlich häufiger abwertend dargestellt. Die deutschen Medien konstruierten ein Feindbild, in dem Hussein mit Hitler verglichen wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert die Ausgangslage, die mediale Hetze gegen Kommunisten im Herbst 1956 und definiert das Ziel der Untersuchung der Berichterstattung Schweizer Zeitungen.
2. Die Schweiz und der Ungarnaufstand im Kontext der Zeit: Dieses Kapitel liefert den historischen Hintergrund zur antikommunistischen Politik, zur Gründung der Partei der Arbeit und zum Ungarnaufstand.
3. Besonderheiten medialer Krisenkommunikation: Das Kapitel behandelt medientheoretische Aspekte, wie Medien in Krisenzeiten funktionieren, Komplexitätsreduktion betreiben und Propaganda einsetzen.
4. Empirische Analyse der Berichterstattung im Herbst 1956: Der Hauptteil der Arbeit, in dem die Hypothesen mittels quantitativer Inhaltsanalyse der Zeitungen NZZ, BT und Vorwärts überprüft werden.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert über die Rolle der Presse im Antikommunismus sowie die Intensität der medialen Kampagnen.
Schlüsselwörter
Schweiz, Ungarnaufstand, 1956, Partei der Arbeit, PdA, Antikommunismus, Medienanalyse, Inhaltsanalyse, Berichterstattung, Neue Zürcher Zeitung, Berner Tagwacht, Vorwärts, Kalter Krieg, Propaganda, Diffamierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Berichterstattung in Schweizer Zeitungen über Schweizer Kommunisten und die Partei der Arbeit unmittelbar nach dem Ungarnaufstand im Herbst 1956.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind der Antikommunismus in der Schweiz, die Rolle der Medien in Krisenzeiten und die spezifische Darstellung kommunistischer Akteure in bürgerlichen, sozialdemokratischen und kommunistischen Zeitungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu analysieren, ob und wie die Zeitungen eine Propaganda- oder Diffamierungskampagne führten und inwiefern sich die Berichterstattung zwischen den politischen Lagern unterschied.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine quantitative Inhaltsanalyse von drei ausgewählten Schweizer Zeitungen, wobei verschiedene Kategorien zur Messung von Diffamierung, Emotionalisierung und Personalisierung verwendet wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst die detaillierte Auswertung und Überprüfung von Hypothesen bezüglich der Schwarz-Weiss-Malerei, der Intensität antikommunistischer Angriffe und der Artikulationsmöglichkeiten der verschiedenen politischen Parteien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Antikommunismus, Ungarnaufstand, PdA, Medienanalyse, Inhaltsanalyse, Propaganda und Diffamierung.
Welche Rolle spielte der Fall Konrad Farner für die mediale Hetze?
Der Fall Farner dient als exemplarisches Beispiel für die drastische, durch die NZZ befeuerte Denunziation und die daraus resultierenden physischen Bedrohungen durch einen aufgebrachten Mob.
Gab es signifikante Unterschiede zwischen der NZZ und der Berner Tagwacht?
Obwohl beide Blätter eine antikommunistische Haltung einnahmen, zeigte sich, dass die NZZ emotionalisierende Elemente stärker einsetzte und ihre diffamierenden Artikel prominenter aufmachte als die Berner Tagwacht.
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- Michael Vetsch (Author), 2002, "...dass keiner mehr mit ihnen rede." Die Berichterstattung Schweizer Zeitungen über Schweizer Kommunisten während und nach dem Ungarnaufstand 1956, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/25572