Das politische System Großbritanniens gilt als eines der Paradebeispiele für das Wahlsystem der relativen Mehrheit und der Zweiparteienlandschaft. Diese Annahmen bröckeln aber immer mehr. In Großbritannien gibt es mittlerweile gleich mehrere verschiedene Wahlsysteme. Man findet sowohl das relative Mehrheitswahlrecht, als auch die Verhältniswahl und Mischformen in unterschiedlichen Ausprägungen. Die Briten sind im Hinblick auf das Wahlsystem sehr experimentierfreudig und das auch in neuerer Zeit. Allerdings nicht bei den Wahlen zum nationalen Parlament, dem House of Commons. Dies erweist sich als relativ reformfest. Erst seit dem die Liberal-Demokraten als Koalitionspartner mit den Konservativen regieren, kommt auch hier Bewegung in das starre System des relativen Wahlrechtes.
In meiner Arbeit möchte ich die verschiedenen Wahlsysteme, die in Großbritannien Anwendung finden, näher beschreiben und das Hauptaugenmerk auf die relative Mehrheitswahl legen, welches das traditionelle Wahlsystem in Großbritannien darstellt. Neben den Vorzügen dieses Systems stellt sich auch die Frage, was die entsprechenden Nachteile bzw. Schwächen des Systems sind und wie diese sich auf die Politik, die Wähler und auch auf das Demokratieverständnis auswirken. Dieser Frage soll im Hauptteil nachgegangen werden. Das britische Mehrheitswahlsystem steht wegen der zahlreichen Schwächen in der Kritik und das nicht erst seit heute. Es stellt sich also die Frage inwiefern das relative Mehrheitswahlrecht noch Zukunft oder ausgedient hat. Es gab zahlreiche Bemühungen das System zu reformieren, die unter anderem zu der Vielzahl an Wahlsystemen führte. Aus diesem Grund möchte ich sowohl auf die Reformen der Regierung Blair als auch auf die aktuellen Reformbewegungen unter Cameron und Clegg eingehen und ihre Wirkung bewerten. In meinem abschließenden Fazit möchte ich dann noch einen Ausblick geben auf die weitere Entwicklung des britischen Wahlsystems.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Wahlsysteme in Großbritannien
2.1 Verhältniswahl
2.2 SV (Supplementary Vote System)
2.3 AMS (Additional Membership System)
2.4 STV (Single Transferable Vote)
2.5 FPTP (first past the post)
3 Das Mehrheitswahlsystem in Großbritannien
3.1 Grundformen von Wahlsystemen
3.2 Mehrheitswahlsystem bei den Unterhauswahlen
3.3 Vorzüge des Mehrheitswahlsystems
3.4 Auswirkungen und Schwächen des Wahlsystems
Behauptung: Lieber wenige Hochburgen als eine breite Unterstützung im Land
Behauptung: Die relative Mehrheit schafft künstliche Mehrheiten
Behauptung: Die Regierung regiert ohne die Mehrheit in der Bevölkerung
Behauptung: Taktik dominiert das Wahlverhalten
Behauptung: Das relative Mehrheitswahlsystem verzerrt den Willen des Volkes
4 Reformbewegungen des Wahlsystems
4.1 Reformen unter der Regierung Blair (Jenkins Kommission)
4.2 Aktuelle Reformbewegungen unter der Regierung Cameron-Clegg
5 Ausblick und Bewertung des Wahlsystems und der Reformen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das britische Wahlsystem, mit einem besonderen Fokus auf das traditionelle relative Mehrheitswahlrecht (FPTP) sowie dessen Auswirkungen, Schwächen und die Bestrebungen zu dessen Reformierung.
- Analyse der verschiedenen in Großbritannien angewendeten Wahlsysteme.
- Untersuchung der Vor- und Nachteile des relativen Mehrheitswahlrechts.
- Diskussion der Auswirkungen auf das Demokratieverständnis und die Repräsentation.
- Evaluierung vergangener und aktueller Reformansätze, wie die Jenkins-Kommission und die Regierung Cameron-Clegg.
- Betrachtung des Spannungsfeldes zwischen Parlaments- und Volkssouveränität.
Auszug aus dem Buch
Behauptung: Lieber wenige Hochburgen als eine breite Unterstützung im Land
Problematisch ist unter anderem, dass eine Partei bei der Wählergunst relativ hoch stehen kann und dennoch kaum Mandate zugesprochen bekommt. So kann eine Partei landesweit 20% der Stimmen bekommen und in den jeweiligen Wahlkreisen auch überall 20%. Durch das relative Wahlrecht kann aber in den einzelnen Wahlkreisen immer ein anderer Kandidat mehr Stimmen auf sich vereinen. Im schlimmsten Falle wäre es somit sogar möglich, landesweit betrachtet sehr viele Stimmen zu bekommen und so gut wie gar keine Mandate (Nohlen 2009: 152). In diesem Punkt kommt auch wieder die Wahlkreisgeometrie zu tragen, die diesen Effekt durch entsprechende Einteilungen der Wahlkreise noch verstärken kann. Diesen Sachverhalt kritisiert besonders die Partei der Liberal-Demokraten. So stellen sie zurzeit nur 8,8% der Mandate des Unterhauses, obwohl sie bei der Wahl 2010 23% der Stimmen erreicht haben. Dieses Phänomen tritt auch nicht einmalig auf, denn die Liberal-Demokraten kämpfen schon seit ihrer Gründung dagegen an. So konnte die Partei im Vergleich zu 2005 in der Wählergunst sogar um 1% zulegen, verlor im Gegensatz dazu aber 0,8% beim Anteil der Mandate (Sturm in Ismayr 2009: 287). Um auch im Unterhaus entsprechend des Stimmenanteils vertreten zu sein, bedarf es ungefähr 30% der landesweiten Stimmen (Becker 2002: 221). Andernfalls herrscht der eben beschriebene Fall der Liberal-Demokraten vor.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung stellt die Fragestellung zur Zukunft des britischen Mehrheitswahlrechts vor und skizziert den Aufbau der Untersuchung im Kontext des politischen Wandels.
2 Die Wahlsysteme in Großbritannien: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die fünf verschiedenen Wahlsysteme, die in Großbritannien auf verschiedenen Ebenen Anwendung finden.
3 Das Mehrheitswahlsystem in Großbritannien: Das Kapitel analysiert das traditionelle Mehrheitswahlsystem (FPTP), dessen Funktionsweise, Vorzüge und die daraus resultierenden demokratischen Schwächen.
4 Reformbewegungen des Wahlsystems: Hier werden historische und aktuelle Ansätze zur Reformierung des Wahlsystems, insbesondere unter den Regierungen Blair und Cameron-Clegg, kritisch beleuchtet.
5 Ausblick und Bewertung des Wahlsystems und der Reformen: Das Fazit bewertet die Zukunftsperspektiven des britischen Wahlsystems angesichts seiner erkennbaren Schwächen und des zunehmenden Drucks auf die Parlamentssouveränität.
Schlüsselwörter
Großbritannien, Wahlsystem, Mehrheitswahlrecht, FPTP, Verhältniswahl, Parlamentssouveränität, Wahlkreisgeometrie, Liberale Demokraten, Labour, Konservative, Reform, Demokratie, Stimmengewichtung, Repräsentation, Politische Landschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse der verschiedenen Wahlsysteme in Großbritannien und fokussiert dabei kritisch auf das traditionelle relative Mehrheitswahlrecht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen sind die Funktionsweise von Wahlsystemen, deren Auswirkungen auf die Parteienlandschaft, die Schwächen des Mehrheitswahlrechts sowie die Bestrebungen zu dessen Reform.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, die Schwächen des britischen Mehrheitswahlrechts (wie z.B. Disproportionalität und fehlende Repräsentation) zu untersuchen und zu bewerten, inwiefern dieses System noch zukunftsfähig ist.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche Analyse, die auf aktueller Fachliteratur und Wahldatenanalysen (u.a. von Roland Sturm, Thomas Krumm und Thomas Noetzel) basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die verschiedenen Wahlsysteme, die Vorzüge und Schwächen der Mehrheitswahl sowie die historische Einordnung und aktuelle Reformversuche detailliert beschrieben.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Großbritannien, Mehrheitswahlrecht, Wahlsystemreform, Parlamentssouveränität und politische Repräsentation.
Warum ist das "Duopol der Stimmen und Mandate" ein zentraler Punkt der Untersuchung?
Dieses Duopol verdeutlicht, wie das britische Wahlsystem den Wählerwillen verzerrt, da die großen Parteien bei sinkender Wählerunterstützung oft unverhältnismäßig viele Mandate erhalten.
Inwiefern stellt die "Parlamentssouveränität" einen Konfliktpunkt dar?
Das britische System ist auf Regierungsmehrheiten ausgelegt, nicht auf eine repräsentative Abbildung der Bevölkerung, was angesichts moderner demokratischer Ansprüche zunehmend kritisch hinterfragt wird.
Was bedeutet das AV-System in Bezug auf eine mögliche Reform?
Das AV-System wird als eine bloße Modifikation der relativen Mehrheitswahl betrachtet, die zwar einige Schwächen mindern könnte, aber grundlegende Probleme der Repräsentation nicht löst.
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- Markus Himmelsbach (Author), 2010, Das politische System Großbritanniens, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232324