Gemäß der “economistic reinterpretation of the welfare state” (Streeck 2010: 32) sind es gerade die ‘Transportabilität’ und ‚Spezifität‘ von Humankapital, mittels derer sich im OECD-Ländervergleich die (fortbestehende) Varianz und Divergenz nationaler Wohlfahrtsstaatsinstitutionen erklären lasse (vgl. Estevez-Abe et al. 2001: 161). Ziel dieser Hausarbeit ist es erstens, die zentrale Bedeutung der ‚Spezifität‘ von Humankapital in ‚rationalistisch-funktionalistischen‘ Theorien anhand zweier besonders einflussreicher Ansätze darzulegen – namentlich anhand des ‚Spielarten des Kapitalismus‘-Ansatz (‚Varieties of Capitalism‘, VoC) (Hall/Soskice 2001a) sowie der ‚De-Industrialisierungsthese‘ (Iversen/Cusack 2000; Iversen 2001). Zweitens werde ich aufzeigen, dass sich beide Ansätze trotz offensichtlicher Unterschiede (z.B. in Bezug auf Forschungsfrage und Schwerpunktsetzung) in ihren Grundüberlegungen sehr ähnlich sind. Dies liegt daran, dass sie einerseits eine identische konzeptionelle Unterscheidung zwischen ‚spezifischem‘ und ‚allgemeinem‘ Humankapital vornehmen und dass andererseits dieser Unterscheidung jeweils eine ähnlich zentrale Rolle zukommt für die Erklärung des Zusammenhangs zwischen beruflichen Qualifikationen und politisch-ökonomischen Institutionen (vgl. Streeck 2011: 1) sowie daraus abgeleitet zur Erklärung der Varianz zwischen nationalen Wohlfahrtsstaaten und kapitalistischen Systemen. Aufgrund der weitreichenden Übereinstimmungen in den Grundannahmen vertrete ich daher die These, dass die ‚De-Industrialisierungsthese‘ abweichend zur Einordnung bei Höpner (2009: 2-3) ebenfalls zur ‚VoC‘-Literatur bzw. zur ‚rationalistisch-funktionalistischen‘ Theorieschule (Streeck 2010, 2011) als eigenständige Schule der vergleichenden Staatstätigkeitsforschung (vgl. Höpner 2009) gezählt werden sollte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Konzepte der Neuen Institutionenökonomik als Grundlage ‚rationalistisch-funktionalistischer‘ Theorien des Wohlfahrtsstaates
3.Humankapitalspezifität und Wohlfahrtsstaatsentwicklung: Argumentationslinien des ‚VoC‘-Ansatzes und der ‚De-Industrialisierungsthese‘
3.1 Der ‚Varieties of Capitalism‘ (VoC)-Ansatz
3.1.1 Grundüberlegungen des ‚VoC‘-Ansatzes
3.1.2 Zentrale Argumentationslinien des ‚VoC‘-Ansatzes in Bezug auf die Herausbildung und Varianz in der Konfiguration von Humankapital
3.2 Die De-Industrialisierungsthese
4. Fazit
5. Literaturverzeichnis
1. Einleitung
Häufig gestellte Fragen
Was ist die De-Industrialisierungsthese von Iversen und Cusack?
Sie besagt, dass der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft die Nachfrage nach sozialer Absicherung erhöht, da spezifische Qualifikationen an Wert verlieren.
Was bedeutet "Spezifität von Humankapital"?
Es bezeichnet berufliche Fähigkeiten, die nur in einem bestimmten Unternehmen oder einer Branche nutzbar sind. Träger solchen Kapitals fordern oft mehr staatliche Absicherung.
Was unterscheidet den "Varieties of Capitalism" (VoC)-Ansatz?
Der VoC-Ansatz untersucht, wie verschiedene nationale Wirtschaftssysteme (z.B. Deutschland vs. USA) durch unterschiedliche Institutionen und Qualifikationsprofile geprägt sind.
Welche Rolle spielt die Neue Institutionenökonomik für den Wohlfahrtsstaat?
Sie liefert die theoretische Basis, um zu verstehen, wie Institutionen das Handeln rationaler Akteure beeinflussen und die Entwicklung des Sozialstaats steuern.
Warum fordern Menschen mit spezifischen Qualifikationen mehr Sozialstaat?
Da ihre Fähigkeiten bei einem Arbeitsplatzverlust schwerer auf andere Bereiche übertragbar sind, haben sie ein höheres Risiko und verlangen daher nach besserer Absicherung.
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- Christian Menz (Author), 2012, Determinanten für die politische Nachfrage nach Wohlfahrtsstaatsexpansion?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232074