Die Darstellung der Geistlichen als unkeuschen, triebhaften Liebhaber ist dabei keine Ausnahme, sondern ein häufiges Thema der spätmittelalterlichen Schwankliteratur. Doch dies bleibt nicht das einzige negative Attribut, welches - vornehmlich den ländlichen - Priestern zugeschrieben wird. In fast allen Mären mit geistlichem Personal sind sie hochmütig, gierig nach weltlichem Besitz und in ihrem Verhalten gänzlich sittenlos ohne Rücksicht auf christlich- moralische Werte. Häufig begehren sie fremde Ehefrauen und versuchen sie auf listige Weise zum Akt zu verführen. Gelingt es ihnen und bleibt der Ehebruch unentdeckt, werden sie als potente Liebhaber geschildert, die ohne Scham ihre Triebe ausleben. Gelingt es ihnen nicht und werden sie entdeckt, entpuppen sie sich als feige Gestalten, die aus Angst vor dem Gehörnten die Flucht ergreifen. In der Regel werden sie trotzdem von dem betrogenen Ehemann auf brutale Weise für ihre Unzüchtigkeit bestraft. Doch welche Funktion erfüllt diese negative Darstellung der Geistlichen und welche Korrespondenzen bestehen mit dem mittelalterlichen Alltag?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Kirche im Spätmittelalter: Der sozial- historische Hintergrund
2.1 Vorbemerkung
2.2 Die spätmittelalterliche Krisenzeit
2.3 Der spätmittelalterliche Antiklerikalismus in Gesellschaft und Literatur
3 Die Kritik an der Geistlichkeit in der Märenliteratur
3.1 Das Märe und die dargestellte Geistlichkeit
3.2 Der sittenlose Geistliche
4 Die Interpretation der Märendichtung
4.1 Temporäre, fiktive Befreiung
4.2 Die Kritik an der bisherigen Märenforschung
5 Fazit
5.1 Die Märendichtung als vorreformatorische Werk
5.2 Reformatorische Intention in der Märendichtung
5.3 Reformatorische Wirkung der Märendichtung
6 Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur
Häufig gestellte Fragen
Wie werden Geistliche in der spätmittelalterlichen Märendichtung dargestellt?
Geistliche werden oft negativ als unkeusch, triebhaft, hochmütig und gierig skizziert. Sie erscheinen häufig als sittenlose Liebhaber, die fremde Ehefrauen begehren.
Was ist der sozial-historische Hintergrund dieser Kritik?
Das Spätmittelalter war eine Krisenzeit, geprägt von einem wachsenden Antiklerikalismus. Die Diskrepanz zwischen dem moralischen Anspruch der Kirche und dem tatsächlichen Verhalten vieler Priester führte zu dieser literarischen Kritik.
Welche Funktion erfüllt die negative Darstellung der Priester in Mären?
Sie dient oft der Unterhaltung durch Schadenfreude, ermöglicht aber auch eine temporäre fiktive Befreiung von der kirchlichen Autorität und übt soziale Kritik am Klerus.
Werden die Geistlichen in den Erzählungen bestraft?
Ja, in der Regel werden sie durch die betrogenen Ehemänner auf oft brutale oder demütigende Weise für ihre Unzüchtigkeit bestraft, was die moralische Ordnung (zumindest oberflächlich) wiederherstellt.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Mären und der Reformation?
Die Märendichtung kann als vorreformatorisches Werk betrachtet werden, da sie bereits frühzeitig Missstände anprangerte und den Boden für die spätere reformatorische Kritik bereitete.
Wie unterscheidet sich die Darstellung von Stadt- und Landpriestern?
Besonders ländliche Priester werden oft als besonders ungebildet und triebgesteuert dargestellt, während die Kritik an höheren Geistlichen oft eher deren Gier und Machtmissbrauch fokussiert.
- Quote paper
- Sören Witt (Author), 2011, Märendichtung. Darstellung der Geistlichen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230528