„Bilder entstehen im Auge des Betrachters.“ Dieser Aussage des chilenischen Biologen und Philosophen Humberto Romesín Maturana folgend bedeutet es, dass Bilder nicht einfach existieren. Sie werden vielmehr erst durch den Rezeptionsprozess im Kopf des Betrachters konstruiert. Jedoch scheint häufig ein Konsens mehrerer Menschen darüber zu bestehen, was ein Bild zeigt. Es kann also nicht nur Produkt eines autonomen kreativen Akts sein. Der Prozess des Betrachtens setzt sich, so meine These, vielmehr aus einer Kombination von erlerntem Sehen einerseits und sinnlicher Wahrnehmung andererseits zusammen. Unter dem Aspekt erlerntes Sehen fasse ich die kulturelle Prägung und somit die Vorstellung von Objektivitätsproduktion, sowie die ästhetischen Sehgewohnheiten des Betrachters zusammen. Zugunsten einer einheitlichen Terminologie verwende ich für den Prozess der sinnlichen Wahrnehmung eines Bildes den Begriff subjektives Sehen. Anhand eines alltäglichen Beispiels möchte ich das Zusammenspiel beider Sehweisen verdeutlichen:
Der Arm ist gebrochen, ich habe es mit eigenen Augen gesehen! , berichtet ein Mädchen ihrer Mutter, als sie aus dem Behandlungszimmer kommt. Das Kind war beim Reiten vom Pferd gefallen und infolge starker Schmerzen im Unterarm ins Krankenhaus gefahren, um geröntgt zu werden. Zwar hatte die Mutter schon vor der Röntgenaufnahme vermutet, dass der Arm gebrochen sein könnte, kann sich dessen aber nun vollkommen sicher sein, nachdem ihr der Arzt den Bruch auf dem Röntgenbild gezeigt hat. Das Mädchen bekommt einen Gips und gewöhnt sich an den Gedanken, ihren Arm einige Wochen lang nicht mehr normal bewegen zu können.
So oder so ähnlich ergeht es tagtäglich Patienten, die sich infolge des Verdachts auf eine innere Verletzung röntgen lassen. Keiner dieser Patienten käme auf die Idee, die Diagnose des Arztes auf der Grundlage des Röntgenbildes in Frage zu stellen. Wer schon einmal ein Röntgenbild gesehen hat, wird dennoch bestätigen, dass es für einen Laien äußerst schwierig ist, die abgebildeten Elemente zu benennen und zu analysieren. Statt Erkenntnis empfinden wir bei der Betrachtung von Röntgenfotografien oftmals ein Gefühl der Faszination und Befremdung. Wie kann es also sein, dass wir Bildern, die etwas anderes zeigen, als die uns bekannte Wirklichkeit, Glauben schenken, ohne ihre Beweiskraft in Frage zu stellen?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Einordnung der Röntgenbilder in die Geschichte der Fotografie
3. Der ‚Traum vom gläsernen Menschen‘: Objekt und Objektivität als Konstrukt
4. Das Subjekt hinter dem Objekt: Sinnliche Wahrnehmung von Röntgenbildern
5. Fazit
Abbildungsverzeichnis
Quellenverzeichnis
Häufig gestellte Fragen
Was ist die zentrale These zur Wahrnehmung von Röntgenbildern?
Die These besagt, dass das Betrachten von Röntgenbildern eine Kombination aus erlerntem Sehen (Objektivitätsanspruch) und sinnlicher Wahrnehmung (subjektives Sehen) ist.
Warum empfinden wir Röntgenbilder oft als befremdlich?
Weil sie eine Realität zeigen, die nicht unserer alltäglichen visuellen Erfahrung entspricht, was ein Gefühl der Faszination und Distanz auslöst.
Was bedeutet der Begriff „gläserner Mensch“ in diesem Kontext?
Er beschreibt den Wunsch und das Konstrukt, das Innere des Körpers sichtbar und damit objektiv kontrollierbar zu machen.
Warum stellen Laien die Diagnose auf Basis eines Röntgenbildes selten in Frage?
Aufgrund der kulturellen Prägung und des Vertrauens in die Technologie als Instrument der „Wahrheit“, auch wenn das Bild selbst schwer zu interpretieren ist.
Wie ordnen sich Röntgenbilder in die Geschichte der Fotografie ein?
Sie markieren einen Punkt, an dem die Fotografie über das sichtbare Licht hinausgeht und wissenschaftliche Objektivität mit ästhetischer Abstraktion verbindet.
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- Marika Baur (Author), 2012, Zum Spannungsverhältnis zwischen Objektivitätsanspruch und sinnlicher Wahrnehmung der Röntgenfotografie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215116