Jede Geschichte hat zwei Seiten. Mindestens. Je nachdem, aus welchem Grund jemand etwas erzählt, lässt er einige Details weg, fügt andere hinzu und interpretiert das Geschehen nach eigenen Interessen anders. Diese einfache Formel, die im Alltag für jede Art von Kommunikation selbstverständlich erscheint, galt für die Historiographie lange nicht: In der Geschichtsschreibung und auch in Historischen Romanen galt bis zum Einzug der Postmoderne die Prämisse, dass die Geschichte eine kohärente, sinnstiftende Kette von Ereignissen sei, die sich durch das Studium von Quellen erschließen ließ. Somit spielte der Historiker oder Autor allenfalls eine zweitrangige Rolle: Seine Rolle war es, Fakten zu historischen Ereignissen zu sammeln und zu ordnen, um später eine vollständige, objektive und wahre Rekonstruktion dieser Ereignisse niederzuschreiben.
Seit der Übernahme des postmodernen Geschichtsbildes gewinnt der Autor -und somit auch die Erzählerfigur historischer Romane- durch die Einsicht, dass Geschichte sich nicht ‚von selbst schreibt’, an Bedeutung: Diese neue Sichtweise stößt gerade in Lateinamerika auf großes Interesse. Dort entwickelt sich in den 70er Jahren ein regelrechter Boom Neuer Historische Romane, der bis heute eine der wichtigsten Strömungen der lateinamerikanischen Literatur darstellt. Diese Romane versuchen aufzuzeigen, dass die offizielle Geschichtsschreibung keineswegs eine natürliche Ordnung der historischen Ereignisse, sondern ein vom Menschen mit einer bestimmten Intention geschaffenes Konstrukt ist. Der Historiker nimmt somit eine essentielle Rolle innerhalb dieses Prozesses ein, da er die geschichtlichen Ereignisse ordnet, auswertet und somit auch (mit)entscheidet, was passiert ist – eine Rolle, die in einem historischen Roman dem Autor des Werkes zufällt. Nach dem Wegfall des Wahrheitsanspruchs bei der Rekonstruktion historischer Ereignisse ergibt sich eine Fülle neuer Möglichkeiten, eine eigene Version der Geschichte zu schreiben und metafiktionale Überlegungen über die Historiographie miteinzubeziehen. In diesem Zusammenhang erhält gerade die Erzählerfigur, als der Ort, an dem diese Reflektion stattfindet und an dem die historische Handlung als Konstrukt entlarvt werden kann, eine Aufwertung und tritt in vielen Neuen Historische Romanen in den Vordergrund.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Postmoderne und der Neue Historische Roman
2.1 Die Geschichte des historischen Romans
2.2 Das postmoderne Verständnis von Geschichte
2.2.1 Verhältnis von Historiographie und Literatur
2.2.2 Einschränkungen durch die Sprache
2.2.3 Die Aufwertung der Rolle des Historikers
2.3 Die Postmoderne und der Neue Historische Roman in Lateinamerika
2.3.1 Kategorisierungsversuche des Neuen Historischen Romans
2.3.2 Das Spiel mit der Realität im Neuen Historischen Roman
3 Die Erzählerfigur der Postmoderne
3.1 Entwicklung der Erzählerfigur in der Postmoderne
3.2 Distanz zum historischen Geschehen
4 Santa Evita
4.1 Autor und Inhalt des Werkes
4.2 Handelt es sich bei Santa Evita um einen historischen Roman?
4.3 Aufbau und Erzählerfigur
4.4 Analyse der Erzählerfigur
4.4.1 Parallelen zwischen Autor und Erzähler
4.4.2 Zeitzeugen
4.4.3 Schriftliche Quellen
4.4.4 Wissenschaftliche Arbeitsweise
4.4.5 Identifikation des Erzählers mit der Geschichte
4.4.6 Metafiktion und Offenlegung des Konstruktcharakters des Romans
4.5 Ergebnis
5 No me alcanzará la vida
5.1 Über Autor und Inhalt des Werkes
5.2 Handelt es sich bei No me alcanzarála vida um einen historischen Roman?
5.3 Aufbau und Erzählerfigur
5.4 Analyse der Erzählerfigur
5.4.1 Wissenschaftliches Arbeiten
5.4.2 Quellen
5.4.3 Einblicke in das Privatleben der Erzählerfigur
5.4.4 Darstellung und Interpretation der historischen Figuren durch die Erzählerin.
5.4.4.1 Miguel de Cruz-Aedo
5.4.4.2 Darstellung der Figur Sofias
5.4.5 Eine Selbstprojektion in die Geschichte?
5.4.6 Metafiktive Elemente: Reflexion über die Geschichte
5.5 Ergebnis
6 Fazit
7 Bibliographie
8 Anhang
Häufig gestellte Fragen
Was ist der "Neue Historische Roman" in Lateinamerika?
Es ist eine literarische Strömung seit den 1970er Jahren, die offizielle Geschichtsschreibung als Konstrukt entlarvt und alternative Versionen der Geschichte präsentiert.
Welche Rolle spielt die Postmoderne in diesen Romanen?
Die Postmoderne bricht mit dem Wahrheitsanspruch der Historie. Geschichte wird als Metafiktion begriffen, die durch Sprache und die Intention des Autors geformt wird.
Was zeichnet die Erzählerfigur in diesen Werken aus?
Der Erzähler tritt oft als "unzuverlässiger Wissenschaftler" auf, der seine Quellen offenlegt, aber gleichzeitig den Konstruktcharakter der Erzählung betont (Metafiktion).
Worum geht es in dem Roman "Santa Evita"?
Der Roman von Tomás Eloy Martínez thematisiert den Kult um Eva Perón und nutzt eine komplexe Erzählerfigur, die wissenschaftliches Arbeiten mit fiktionalen Elementen vermischt.
Wie wird das Verhältnis von Historiographie und Literatur gesehen?
Beide werden als narrative Konstrukte betrachtet. Der Neue Historische Roman nutzt literarische Mittel, um die Lücken und Intentionen der offiziellen Geschichtsschreibung aufzuzeigen.
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- Neele Meyer (Author), 2010, Der unzuverlässige Wissenschaftler, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214904