Mein persönliches Erkenntnisinteresse für diese Arbeit ist in dem Wunsch verankert,
ein Verständnis für die rechtsextremistische Ideologie und ihre Hintergründe zu
bekommen. Bisher habe ich mich mit dem Thema noch nicht intensiv
auseinandergesetzt. Trotzdem stellt sich mir immer wieder die Frage: Warum ist
diese Einstellung so attraktiv für so viele Menschen? Schenkt man den Medien
Glauben, lässt sich eine zweite Frage nicht umgehen. Warum sind gerade die
Ostdeutschen so empfänglich für die rechtsextreme Ideologie?
Die Forschung zu dem Themenkomplex Rechtsextremismus in Ostdeutschland ist
vielfältig. Trotzdem haben sich zwei Hauptargumentationslinien herauskristallisiert.
Plakativ ausgedrückt, geht man einerseits von der Erblast der DDR und andererseits
von der Folge des politischen Umbruchs als Ursache für den Rechtsextremismus in
Ostdeutschland aus. Ich möchte dem letzteren Argumentationsstrang nicht seine
Legitimation absprechen, werde aber den Fokus folgender Arbeit auf die
Sozialisation der Ostdeutschen legen. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich
dieser einseitigen Betrachtungsweise keinen Absolutheitsanspruch unterstelle,
sondern vielmehr davon ausgehe, dass die konstruktivste Herangehensweise an das
Ursachenproblem die Korrelation beider Argumentationen ist. Der Umfang dieser
Arbeit verlangte aber eine Entscheidung.
Die leitende Fragestellung soll also sein, ob die Sozialisationsbedingungen der DDR
als Grund für die heutige Verbreitung von rechtsextremistischem Gedankengut
herangezogen werden kann. Dieser Frage soll im Kontext der Erklärungsmodelle
Autoritarismus und Ethnozentrismus nachgegangen werden.
Vorab sollen im ersten Kapitel die zentralen Begriffe wie Rechtsextremismus,
Autoritarismus und Ethnozentrismus konturiert werden. Außerdem werden
Verbindungslinien und gemeinsame Aspekte herauskristallisiert, um den
Zusammenhang zu verdeutlichen.
Gegenstand des Kapitels zwei ist dann die Auseinandersetzung mit den speziellen
Bedingungen der Sozialisation in der DDR. Um dem Leser die Lebenswelt in der
DDR vorab etwas näher zu bringen, stelle ich die Ausführungen zum politischen
System voran. Die Konzentration liegt dann zum einen auf den öffentlichen
Sozialisationsinstanzen, wie Kinderkrippe, Schule und die Pionierorganisationen und
zum anderen, auf der privaten Erziehung in der Familie. [...]
Inhaltsverzeichnis
0 Einleitung
1 Begrifferklärung
1.1 Rechtsextremismus
1.2 Autoritarismus
1.3 Ethnozentrismus
1.4 Gemeinsamkeiten
2 Die Deutsche Demokratische Republik
2.1 Das politische System
2.2 Die öffentliche Erziehung
2.2.1 Die schulische Erziehung und Bildung
2.2.2 Die Pionierorganisationen
2.3 Die Familie als private Sozialisationsinstanz
2.4 Die Kollektiverziehung
3 Schlussfolgerung
4 Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht, ob die Sozialisationsbedingungen in der ehemaligen DDR als ursächlicher Faktor für die heutige Verbreitung rechtsextremistischen Gedankenguts in den östlichen Bundesländern fungieren können, wobei der Fokus auf den Erklärungsmodellen Autoritarismus und Ethnozentrismus liegt.
- Analyse der Begriffe Rechtsextremismus, Autoritarismus und Ethnozentrismus.
- Untersuchung des politischen Systems und der Sozialisationsinstanzen der DDR.
- Erörterung der Rolle von Erziehungsmethoden bei der Ausbildung autoritärer Charakterstrukturen.
- Verbindung zwischen frühkindlicher Kollektiverziehung und heutiger Gruppenorientierung sowie Gewaltakzeptanz.
Auszug aus dem Buch
2.4 Die Kollektiverziehung
Unbestritten ist die Tatsache, dass die meisten Gewalttaten mit rechtsradikalem Hintergrund von Gruppen begangen werden. Die kollektive Gewalt wird meist von Gruppen verübt, die informeller Natur oder nur schwach organisiert sind (vgl. Stöss 2000, S.158). Das Bundesministerium für Bildung und Forschung geht von 94% aus. Im Kontext der östlichen Bundesländer führt der Kriminologe Pfeiffer (http://www.kfn.de/fremdengewaltosten.html) diesen Umstand auf die autoritäre kollektive Erziehung in der DDR zurück.
Vorab werde ich die kommunistische, kollektive Erziehung der DDR kurz erläutern. Die Erziehung im Kollektiv und durch das Kollektiv ist ein Merkmal kommunistischer Erziehung (vgl. Koch 2003, S.22). Diese sozialistische Kollektivität galt als Wesensmerkmal der neuen Gesellschaftsordnung (vgl. Koch 2003, S.25). Bedeutend für den Erziehungsprozess waren dabei die Kinder- und Jugendorganisationen und Kollektive. Die Regierung der DDR war der Auffassung, dass bestimmte Eigenschaften, wie Einsatzbereitschaft für gesellschaftliche Interessen, nur über die Gruppe in den Einzelnen transferiert werden können. „Hier wurde die Ausrichtung der Persönlichkeit an den Interessen der Gesellschaft als Gegenstück zu egoistischen Zielen propagiert und als die einzig richtige Orientierung der Pädagogik festgelegt.“ (vgl. Koch 2003, S.46) Die Lösung gemeinsamer Aufgaben und die Erreichung gemeinsamer Ziele erhielt einen hohen Stellenwert (vgl. Koch 2003, S.46). Dementsprechend beabsichtigte man die Abkehr der Menschen von egoistischen Interessen (vgl. Koch 2003, S.25). Grundsätzlich standen also die gesellschaftliche Interessen und Ziele immer vor individuellen (vgl. Koch 2003, S.46). Praktische Inhalte erhielt die kollektive Erziehung über gemeinschaftliche Aktivitäten.
Zusammenfassung der Kapitel
0 Einleitung: Die Autorin legt ihr Erkenntnisinteresse an den Ursachen für den Rechtsextremismus in Ostdeutschland dar und begründet die Entscheidung, den Fokus auf die Sozialisationsbedingungen der DDR zu legen.
1 Begrifferklärung: Es werden die theoretischen Grundlagen zu den Konzepten Rechtsextremismus, Autoritarismus und Ethnozentrismus erarbeitet, um sie für die weitere Analyse nutzbar zu machen.
2 Die Deutsche Demokratische Republik: Das Kapitel analysiert die spezifischen Bedingungen der Sozialisation in der DDR, unterteilt in politisches System, öffentliche Erziehung, familiäre Erziehung und Kollektiverziehung.
3 Schlussfolgerung: Die Arbeit verbindet die untersuchten DDR-Sozialisationsbedingungen mit dem heutigen Potenzial an rechtsextremem Gedankengut und stellt die bleibenden Auswirkungen der Erziehungsmuster fest.
4 Zusammenfassung: Der Beitrag rekapituliert die zentralen Erkenntnisse über die Bedeutung von autoritären Erziehungsmustern und kollektiven Sozialisationsinstanzen für die Entstehung rechtsextremer Einstellungen.
Schlüsselwörter
Rechtsextremismus, Ostdeutschland, Sozialisation, DDR, Autoritarismus, Ethnozentrismus, Kollektiverziehung, Vorurteile, Freund-Feind-Denken, Fremdenfeindlichkeit, politische Erziehung, Ideologie, Sozialpsychologie, DDR-Erbe.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen den in der DDR geprägten Sozialisationsbedingungen und der heutigen Anfälligkeit für rechtsextremistisches Gedankengut in Ostdeutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Konzepte des Autoritarismus und Ethnozentrismus sowie deren Anwendung auf das politische System und die Erziehungsinstanzen der DDR.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, ob die Sozialisationsbedingungen der DDR als wesentlicher Grund für die heutige Verbreitung rechtsextremer Einstellungen bei Ostdeutschen identifiziert werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Literaturanalyse, die bestehende sozialwissenschaftliche Erklärungsmodelle auf den historischen Kontext der DDR-Sozialisation anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert das politische System der DDR, die öffentliche und familiäre Erziehung sowie die spezifische Rolle der Kollektiverziehung bei der Persönlichkeitsbildung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Rechtsextremismus, Sozialisation, Autoritarismus, Ethnozentrismus, Kollektiverziehung und ideologische Manipulation gekennzeichnet.
Warum spielt die Kollektiverziehung eine so wichtige Rolle für das Verständnis von Rechtsextremismus?
Weil sie laut der Autorin frühzeitig Ausgrenzungsprozesse förderte und durch das Prinzip der Gruppenidentität eine „Wir-gegen-die-Anderen“-Mentalität etablierte, die auch heute noch in Gruppengewalt Ausdruck finden kann.
Wie bewertet die Arbeit den Einfluss des DDR-Erbes auf die heutige Generation?
Die Autorin argumentiert, dass Erziehungsmuster über Generationen hinweg nachwirken und ein sofortiges Verschwinden dieser geprägten Verhaltensweisen mit der Wiedervereinigung sehr unwahrscheinlich ist.
- Quote paper
- Claudia Mehner (Author), 2003, Rechtsextremismus in Ostdeutschland - Die Sozialisationsbedingungen der DDR im Kontext mit Ethnozentrismus und Autoritarismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21123