Die Arbeit greift eine aktuelle Diskussion auf. Hat die PISA-Debatte für die Veränderung von Lern- und Lehrprozessen in Schulen sensibilisiert, so wird hier die Frage nach einer Verbesserung der Betreuung von SchülerInnen gestellt, die nur unter grossen „Problemen“ und Schwierigkeiten die Regelschule besuchen können. Dabei stehen für die Autorin weniger organisatorische oder bildungspolitische Konzepte der Verbesserung von Lehre im Vordergrund, sondern wie die konkrete pädagogische Arbeit und Beziehung der Lehrenden mit den SchülerInnen durch eine professionelle Arbeit sinnvoll gefördert werden kann.
Die Autorin beschäftigt sich mit der Bedeutung von Konzepten psychoanalytischer Pädagogik für die Betreuung, Förderung und Erziehung verhaltensauffälliger und entwicklungsgestörter Kinder insbesonders in schulischen Arrangements. Ausgangspunkt der Betrachtung ist dabei, dass Soziale Arbeit ihren Auftrag nur über zielgerichtetes, fachliches, reflexives und selbstreflexives Handeln erfüllen kann, und dass pädagogisches Handeln nur dann erfolgreich sein kann wenn der Pädagoge über ein fundiertes Wissen über seinen „Gegenstand“, im Anwendungsfall dieser Arbeit also über Wissen über die Kinder, ihre Biographien und Lerngeschichten, mit denen er/sie es zu tun hat, verfügt. Ein zweiter Ausgangspunkt sind Zweifel daran, dass Schulen und andere Pädagogische Institutionen über ein solches handlungsbezogenes Wissen verfügen und zu zielorientiertem Handeln in der Lage sind. Prämisse und Setzung von Margareta Weitzig ist, dass die psychoanalytische Pädagogik und psychoanalytisch gebildetes Denken eine Basis für Verstehensprozesse bietet und zielgerichtetes „gegenstandsbezogenes“ pädagogisches Handeln anzuleiten vermag.
Nach der Einleitung in der die Fragestellung entfaltet und begründet wird, setzt sich Margareta Weitzig in vier Kapiteln mit theoretischen Grundlagen und Begründungszusammenhängen auseinander, analysiert in einem weiteren Kapitel die Tragfähigkeit und Fruchtbarkeit ihres Ansatzes über ein exemplarisches Fallbeispiel zum Umgang mit auffälligem Verhalten in dem theoretischer Anspruch und Begründungszusammenhänge, kozeptionelle Umsetzung und Realisierung zusammengebracht werden. Schliesslich wird in einer Schlussbetrachtung der Ertrag der Arbeit reflektiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Sonderpädagogik
2.1. Das neue Bremer Schulgesetz in Hinblick auf Sonderpädagogische Förderung
2.2. Geänderte Anforderungen an Schule
2.3. Schule als Institution
3. Kurzer Abriss der Psychoanalyse
3.1. Entwicklung
3.2. Gemeinsame Grundüberzeugungen der verschiedenen Schulrichtungen
3.3. Theoretische Grundbegriffe und Verfahren der Psychoanalyse als Therapie
3.4. Die analytische Situation
3.5. Indikation
3.6. Ausbildung der Analytiker
4. Psychoanalytische Pädagogik
4.1. Definition
4.2. Geschichte und Entwicklung der Psychoanalytischen Pädagogik
4.3. Standortfrage
5. Veränderungserfordernisse an die integrative Pädagogik
5.1. Ausbildung der Lehrer
5.2. Die Schüler- Lehrer Beziehung
5.3. Supervision
6. Exemplarisches Fallbeispiel zum Umgang mit auffälligem Verhalten
6.1. Betreuung des Schülers Murat
6.2. Schuleintritt als Konfliktsituation in der Sozialisation der Kinder von türkischen Migranten
6.3. Einbeziehung des familiären Umfeldes
6.4. Symptomverständnis
6.5. Beziehungsgestaltung
6.6. Gewalt und Aggression
6.7. Vorgehen
6.8. Handlungskompetenz
6.9. Teamarbeit
7. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht die Anwendung psychoanalytischer Ansätze als pädagogische Verstehenshilfe im Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern in Grundschulen. Ziel ist es, durch eine vertiefte Analyse unbewusster Konflikt- und Interaktionsmuster die Handlungskompetenz von Pädagogen zu erweitern und alternative, kindzentrierte Interventionsstrategien zu entwickeln.
- Grundlagen der Psychoanalytischen Pädagogik als neue Basis für den Schulalltag
- Die Rolle der Lehrkraft als Bezugsperson und die Bedeutung der Übertragungsdynamik
- Supervision und reflexive Praxis zur Vermeidung von Fehlreaktionen im Umgang mit schwierigen Schülern
- Fallbeispielbasierte Untersuchung der Interaktion mit Kindern aus prekären oder migrantischen Milieus
Auszug aus dem Buch
Die Schüler – Pädagoge Beziehung
Die berufliche Situation eines Menschen setzt sich zunächst aus den persönlichen, den individuellen Anteilen, aus seiner Aufgabe, seinem Beruf und schließlich auch aus seiner Institution, seinem Bezugssystem zusammen. Dazu kommen, bei erweiterter Sichtweise, auch Einflüsse aus dem sozio-ökonomischen Rahmensystem. Also steht nicht die Person des Lehrers allein im Interesse, sondern ebenso seine Aufgabe und die Organisation, also die Schule, an der er arbeitet, oder die Institution Schule an sich und natürlich die vielfältigen Beziehungen, die sich innerhalb dieses Systems ergeben.
Funktionales Handeln in einer Organisation soll der Systemerhaltung und Zielerreichung dienen. Bleibt es über längere Zeit stabil, verfestigen sich Handlungsweisen innerhalb des Systems zu spezifischem Rollenhandeln. Dadurch ist die jeweils tatsächlich anzutreffende pädagogische Beziehung durch eine Reihe von außersubjektiven Faktoren bestimmt. Vor allem vom Zweck der Institution und vom soziokulturellen Milieu, dem die Partner angehören. Sie ist demnach eine kollektive Gegebenheit.
Sobald der einzelne Mitglied in einer sozialen Organisation geworden ist, wird er bestimmte systemimmanente und funktional determinierte Verhaltensweisen akzeptieren müssen: seine >Mitgliedsrolle<. Damit ist er aber nach Luhmann (1964) auch austauschbar geworden. Demnach ist für das Schulsystem nicht die Person des Lehrers oder Schülers entscheidend, sondern allein die Funktion, die von ihnen entsprechend der sozialen Funktion im Schulsystem erfüllt wird (Luhmann 1964 S. 39). Die mannigfaltigen libidinösen Beziehungen innerhalb der Familie sind in der Schule durch sublimierte ersetzt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit problematisiert die Überforderung von Pädagogen mit verhaltensauffälligen Schülern und plädiert für die Psychoanalyse als diagnostisches und pädagogisches Werkzeug.
2. Sonderpädagogik: Dieses Kapitel erläutert den Wandel der Sonderpädagogik vom institutionellen Sonderschulwesen hin zur individualisierten, förderorientierten Integration.
3. Kurzer Abriss der Psychoanalyse: Es erfolgt eine theoretische Einführung in die Grundlagen, Verfahren und die methodische Haltung der Psychoanalyse inklusive der Bedeutung von Übertragung und Gegenübertragung.
4. Psychoanalytische Pädagogik: Hier wird der Transfer psychoanalytischer Verstehensweisen in die Pädagogik definiert und deren geschichtliche Entwicklung sowie der aktuelle theoretische Standort dargelegt.
5. Veränderungserfordernisse an die integrative Pädagogik: Das Kapitel fordert eine Neugestaltung der Lehrerausbildung und Supervision, um die Beziehungsqualität in Integrationsklassen nachhaltig zu verbessern.
6. Exemplarisches Fallbeispiel zum Umgang mit auffälligem Verhalten: Anhand des Schülers Murat wird konkret demonstriert, wie psychoanalytische Reflexion zur Problemlösung in Teamarbeit und Elternarbeit beitragen kann.
7. Schlussbemerkung: Die Arbeit fasst zusammen, dass eine Pädagogik der Vielfalt eine tiefere Einsicht in unbewusste Beziehungsentwürfe benötigt, um Separation durch echte Förderung zu ersetzen.
Schlüsselwörter
Psychoanalytische Pädagogik, Verhaltensauffälligkeit, Sonderpädagogische Förderung, Übertragung, Gegenübertragung, Supervision, Integrative Pädagogik, Tiefenhermeneutik, Subjektivität, Beziehungsgestaltung, Kind-Umfeld-Analyse, Handlungskompetenz, Sozialisation, Psychodynamik, Identitätsbildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht, wie pädagogische Fachkräfte psychoanalytische Erkenntnisse nutzen können, um das Verhalten von Kindern in Grundschulen besser zu verstehen und professioneller auf Schwierigkeiten zu reagieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Verständnis von Verhaltensauffälligkeiten, die Bedeutung der Lehrer-Schüler-Beziehung, die psychodynamische Reflexion des eigenen Handelns und die integrative Gestaltung von Schule.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, eine Brücke zwischen Psychoanalyse und Pädagogik zu schlagen, damit Lehrer Auffälligkeiten nicht nur als Störung betrachten, sondern als sinnvolle Botschaft, deren Hintergrund durch gezielte Reflexion verstehbar wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf die psychoanalytische Theoriebildung, eine Analyse der aktuellen sonderpädagogischen Gesetzgebung sowie eine tiefenhermeneutische Falldarstellung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der Psychoanalyse für den pädagogischen Kontext, die Darstellung von Veränderungserfordernissen in der Lehrerausbildung und die praktische Anwendung an einem Fallbeispiel.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Psychoanalytische Pädagogik, Übertragung, Supervision, Handlungskompetenz und Verhaltensauffälligkeit definiert.
Welche Rolle spielt die Supervision im Kontext dieser Arbeit?
Supervision dient als notwendiger „Ort“ der Reflexion, an dem Pädagogen ihre unbewusste Gegenübertragung auf Schüler erkennen können, um so dem „Ausagieren“ feindseliger Impulse entgegenzuwirken.
Wie unterscheidet sich der Ansatz im Fallbeispiel Murat von einer rein pädagogischen Standardmethode?
Anstatt nur Fehlverhalten durch Disziplinarmaßnahmen zu korrigieren, sucht die Autorin nach dem Sinn der Störung im Kontext von Murats Familiengeschichte und Migrationserfahrung, um eine tragfähige, neue Beziehungsbasis zu schaffen.
- Quote paper
- Maria-Margareta Weitzig (Author), 2002, Psychoanalytische Pädagogik. Eine neue Basis für den Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern in den Grundschulen in Bremen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20725