Bei dem Versuch, Eduard Mörikes Roman ‚Maler Nolten’ begrifflich zu fassen, stoßen zeitgenössische Romankategorien schnell an ihre Grenzen. Entwicklungsroman, Bildungsroman, Künstlerroman, Schicksalsroman- all diese Definitionen greifen für Mörikes Hauptwerk viel zu kurz. Die vorliegende Hausarbeit versucht aufzuzeigen, in wiefern der ‚Maler Nolten’ für seine Zeit völlig neue Horizonte eröffnet. Der erste Teil der Arbeit vergleicht deshalb zunächst den ‚Maler Nolten’ mit Johann Wolfgang Goethes klassischem Bildungsroman ‚Wilhelm Meisters Lehrjahre’. Zahlreiche Berührungspunkte machen einen solchen Versuch sinnvoll; es soll gezeigt werden, wie Mörikes ‚Maler Nolten’ das klassische Modell des zielgerichteten Bildungs- und Entwicklungswegs des Helden bricht und ad absurdum führt. (Dies hat bereits dazu geführt, dass der ‚Maler Nolten’ auch als ‚Anti-Meister’ definiert wurde.) Eduard Mörikes Roman erschöpft sich aber gerade nicht in einer Negativ-Folie des ‚Wilhelm Meister’. Die anschließenden Untersuchungen im zweiten Teil der Arbeit sollen zeigen, dass Mörike in vielen Bereichen völlig neue Wege geht, zu denen sich in Goethes Werk keine Parallelen finden lassen. Dies gilt vorrangig in der Kategorie des Unbewussten, die der ‚Maler Nolten’ eröffnet. Zentral sind in diesem Zusammenhang die Romanfigur Elisabeth sowie T heobald Noltens Kunstproduktion. Dabei knüpft Mörike an Strömungen der Romantik an.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Wilhelm Meister und Maler Nolten
1.1 Der lineare Bildungsweg
1.2 Dämonische Vergangenheit
2 Weiterführende Motive
2.1 Identität: Das Doppelgänger- und Spiegelmotiv
2.2 Kategorie des Unbewussten: Verkörperung durch Elisabeth
2.2.1 Das Brunnen-Motiv: Abtauchen ins Unbewusste
Exkurs: Bergwerke in der Darstellung der Romantik
2.2.2 Verwirrung statt Erkenntnis
2.3 Unbewusstes und Kunst
2.4 Schicksal oder Selbstbestimmtheit?
2.5 Die Rolle des Erzählers
Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Eduard Mörikes Roman "Maler Nolten" im Hinblick darauf, inwiefern das Werk neue Horizonte jenseits klassischer Kategorien wie des Bildungsromans eröffnet. Zentrale Forschungsfrage ist dabei die Abgrenzung von Goethes "Wilhelm Meister" und die Analyse der durch das Unbewusste geprägten Struktur sowie die daraus resultierende pessimistische Weltsicht des Autors.
- Vergleich der Gattungsmerkmale des Bildungsromans zwischen Goethe und Mörike
- Analyse des Doppelgänger- und Spiegelmotivs als Ausdruck von Identitätskrisen
- Untersuchung der psychologischen Kategorie des Unbewussten am Beispiel der Figur Elisabeth
- Deutung der Symbolik von Brunnen und Bergbau im Kontext romantischer Tradition
- Reflexion der Rolle des Erzählers und der Rezeptionslenkung
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Das Brunnen-Motiv: Abtauchen ins Unbewusste
Das Motiv des Brunnens taucht im Text an vielen Stellen auf. Einmal mehr wird deutlich, wie sich die Verwicklungen von Figuren und Begebenheiten auf der Handlungsebene widerspiegeln in unendlichen Verweis- und Motivketten innerhalb des Romans. Bei der ersten Begegnung von Theobald und Elisabeth sitzt diese an der Stelle, „wo der verschüttete Brunnen ist“ (S. 500). Der blinde Gärtnersohn Henni erzählt Agnes die Legende vom Alexis-Brunn (S. 698 ff). Bald darauf wird diese in eben jenem Brunnen tot aufgefunden, sie hat sich kopfüber hinab gestürzt. Als Theobald Nolten nach Neuburg zu Agnes reist, rastet er an einem locus amoenus, „wo zwischen kleinem Felsgestein ein frisches Wasser vorquoll“ (S. 568). Auch auf Noltens Friedhof Gemälde, das ganz zu Anfang des Romans beschrieben wird, ist „eine nasse Felswand, unter der sich ein lebhafter Quell bildet“ (S. 331) in der Nähe der Orgelspielerin/Elisabeth zu sehen. Weitet man die Suche nach dem Brunnen-Motiv noch auf den allgemeineren Begriff „Wasser“ aus oder bezieht man Konnotate wie „Dunkel“ oder „Tiefe“ mit ein, stößt man auf Verweisketten, die den Roman durchziehen.
Die zentrale Stelle im Roman in diesem Zusammenhang ist allerdings die Begegnung von Theobald Nolten und Elisabeth in ihren Jugendjahren. Vom Brunnen ist hier im übertragenen Sinne die Rede. Der Anblick Elisabeths lässt Theobald in Ohnmacht fallen. Wieder bei Bewusstsein, äußert er folgendes: „als ich Euch ansah, da war es, als versänk ich tief in mich selbst, wie in einen Abgrund, als schwindelte ich, von Tiefe zu Tiefe stürzend, durch alle die Nächte hindurch, wo ich Euch in hundert Träumen gesehen habe, so, wie Ihr da vor mir steht; ich flog im Wirbel herunter durch alle die Zeiträume meines Lebens und sah mich als Knaben und sah mich als Kind neben Eurer Gestalt, so wie sie jetzt wieder vor mir aufgerichtet ist; ja ich kam bis an die Dunkelheit, wo meine Wiege stand, und sah Euch den Schleier halten, welcher mich bedeckte: da verging das Bewußtsein mir, ich habe vielleicht lange geschlafen, aber wie sich meine Augen aufhoben von selber, schaut ich in die Eurigen, als in einen unendlichen Brunnen, darin das Rätsel meines Lebens lag.“ (S. 502)
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung grenzt das Werk von gängigen Gattungsbegriffen ab und stellt das Ziel auf, die Abweichungen zu Goethes "Wilhelm Meister" sowie die Bedeutung der Kategorie des Unbewussten aufzuzeigen.
1 Wilhelm Meister und Maler Nolten: Dieses Kapitel vergleicht die Romane hinsichtlich des linearen Bildungswegs und stellt die Rolle von Vergangenheit und Schicksal in beiden Werken gegenüber.
1.1 Der lineare Bildungsweg: Es wird analysiert, wie Mörike die Erwartungshaltung des Lesers an eine lineare Entwicklung des Protagonisten durch eine komplexe Erzählstruktur und häufige Rückblenden unterläuft.
1.2 Dämonische Vergangenheit: Die Untersuchung zeigt auf, wie der Protagonist durch vergangene Ereignisse determiniert wird, was im Gegensatz zur Entwicklung bei Wilhelm Meister steht.
2 Weiterführende Motive: Hier werden thematische Strömungen der Romantik analysiert, die Mörike in sein Werk integriert, um neue inhaltliche Horizonte zu erschließen.
2.1 Identität: Das Doppelgänger- und Spiegelmotiv: Die Analyse des Doppelgängers und des Spiegels dient als Mittel, um die Identitätskrise und den Bruch der inneren Einheit des Individuums zu verdeutlichen.
2.2 Kategorie des Unbewussten: Verkörperung durch Elisabeth: In diesem Teil wird die Figur Elisabeth als zentrale, aber rätselhafte Verkörperung einer unbewussten psychologischen Ebene untersucht.
2.2.1 Das Brunnen-Motiv: Abtauchen ins Unbewusste: Die Symbolik des Brunnens wird als Zugang zum Unbewussten und zur Kindheitsgeschichte des Protagonisten detailliert gedeutet.
Exkurs: Bergwerke in der Darstellung der Romantik: Der Exkurs beleuchtet die Tradition des Bergbau-Motivs und dessen Wandel hin zu einer problematischen Sinnsuche in der Epoche.
2.2.2 Verwirrung statt Erkenntnis: Es wird dargelegt, dass das "Eintauchen" in die Tiefe für den Protagonisten nicht zur erhofften Klärung, sondern zu weiterer Verwirrung führt.
2.3 Unbewusstes und Kunst: Das Kapitel erörtert, wie Noltens Kunstproduktion als Verbildlichung seines Unbewussten fungiert, anstatt eine bewusste künstlerische Entwicklung darzustellen.
2.4 Schicksal oder Selbstbestimmtheit?: Hier wird der Widerstreit zwischen dem Glauben an ein übermächtiges Schicksal und einer psychologischen Determiniertheit der Figuren diskutiert.
2.5 Die Rolle des Erzählers: Die Analyse zeigt, wie Mörikes Erzählweise durch Offenheit und wechselnde Perspektiven den Leser aktiv in die Verwirrung des Geschehens einbezieht.
Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert, dass "Maler Nolten" die Unmöglichkeit ganzheitlicher Lebensentwürfe thematisiert und die Orientierungslosigkeit der Biedermeier-Epoche widerspiegelt.
Schlüsselwörter
Eduard Mörike, Maler Nolten, Bildungsroman, Wilhelm Meister, Unbewusstes, Identitätskrise, Doppelgängermotiv, Schicksalsglaube, Biedermeier, Erzählstruktur, Psychologie, Romantik, Determinismus, Sinnsuche, Pessimismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Roman "Maler Nolten" von Eduard Mörike im Vergleich zu Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre" und analysiert, wie Mörike das klassische Modell des Bildungsromans ironisch bricht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Erzählstruktur, der Identitätskrise der Hauptfigur, der Rolle des Unbewussten sowie dem Vergleich zwischen Schicksalsglaube und psychologischer Determiniertheit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Mörike durch die Zerstückelung der Erzählung und das Einbringen psychologischer Ebenen eine pessimistische Weltsicht entwirft, die sich deutlich von klassischen Bildungsmodellen abgrenzt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die textnahe Interpretation mit dem Vergleich literarischer Motive und der Einbeziehung literaturtheoretischer Sekundärliteratur kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in den Vergleich der Entwicklungsmodelle, die Analyse zentraler Motive wie Brunnen und Spiegel sowie eine tiefgehende Untersuchung zur Erzählinstanz.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Identitätskrise, Unbewusstes, Epigonentum, Biedermeier, Bildungsroman-Schema, psychologische Determiniertheit und Erzählstruktur.
Welche Funktion hat die Figur Elisabeth innerhalb der Handlung?
Elisabeth fungiert als rätselhafte, dämonische Figur, die stellvertretend für eine unbewusste Ebene im Leben des Protagonisten steht und dessen Handeln maßgeblich beeinflusst, ohne dass er sich dessen bewusst ist.
Warum führt die Selbsterkenntnis im Roman nicht zur Lösung der Probleme?
Die Arbeit verdeutlicht, dass die Figuren zwar Momente der vermeintlichen Erkenntnis erleben, diese jedoch auf Täuschungen oder psychologischen Projektionen beruhen, weshalb die Verstrickung in ihr Schicksal unauflösbar bleibt.
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- Andrea Geiss (Author), 2003, Eduard Mörikes "Maler Nolten". Von den Vorbildern zu neuen Wegen., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20501