In der medialen Diskussion zur Unterschicht, zu Migration und zur Kriminalität fällt eines immer wieder auf: Die drei Phänomene werden häufig als stark korrelierend dargestellt.
Ein sozialstruktureller Zusammenhang lässt sich aufgrund der Statistiken nur zum Teil relativieren. Dies wirft aus strukturfunktionalistischer Sicht die Frage auf, welche Funktion Kriminalität (oder generell abweichendes und in der Mehrzahl negativ konnotiertes Verhalten) in einer Gesellschaft spielt: Haben etwa bestimmte soziale Gruppen nur durch sozial deviante Mittel die Möglichkeit, in dieser Gesellschaft zu bestehen – „ersetzte“ Kriminalität also nur anderweitige Betätigungen? Oder erfüllt sie
eine identitätsstiftende oder -festigende Funktion im Sinne einer Exklusionsidentität, die der Gruppe durch ihr eigenes Verhalten aufgezwungen wird?
Als fruchtbare Grundlage dieser und weiterer Überlegungen bietet sich
die Theorie Robert King Mertons2 zu Devianz, Anomie und ihrem Einfluss auf sozialstrukturellen Wandel an, da er selbst einige dieser Fragestellungen aufwirft und zu beantworten sucht und andererseits kompakte Modelle vorstellt, die bei weiterführenden Fragen genutzt werden können.
Die Übertragbarkeit des Modells auf andere als die von ihm detailliert besprochenen Milieus stehen in dieser Arbeit im Fokus. Während Merton das Beispiel italienischer Immigranten bespricht und dabei an zwei Stellen auf die analogen Prozesse bei den vorhergehenden jüdischen Immigranten verweist, sollen letztere hier die Hauptrolle spielen.
Inhaltsverzeichnis
- Kriminalität und Migration
- Unterschichtsphänomene?
- Robert King Mertons Devianz-Modell in Anwendung auf das Milieu jüdischer US-Immigranten zu Beginn des 20. Jahrhunderts
- Mertons Modelle: Ein Abweichen von Konformität
- Anomie
- Devianz
- Sozialstruktureller Wandel: Italienische Immigranten
- Anwendung auf jüdische Immigranten
- Mertons Modelle: Ein Abweichen von Konformität
- Fazit
- Literatur
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die Arbeit untersucht die Anwendung des Devianz-Modells von Robert K. Merton auf das Milieu jüdischer US-Immigranten zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie analysiert die Relevanz von Anomie und devianten Verhaltensweisen im Kontext des sozialstrukturellen Wandels.
- Anomie und Devianz als Faktoren des sozialstrukturellen Wandels
- Merton's Modell der Devianz und seine Anwendbarkeit auf verschiedene soziale Gruppen
- Integration von Migrantengenerationen und die Rolle devianten Verhaltens
- Die Situation jüdischer Immigranten in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts
- Vergleich der Erfahrungen italienischer und jüdischer Immigranten
Zusammenfassung der Kapitel
- Kapitel 1: Kriminalität und Migration
Dieses Kapitel diskutiert den Zusammenhang zwischen Kriminalität, Migration und der Unterschicht. Es wird die These aufgestellt, dass diese drei Phänomene oft in der medialen Diskussion als stark korrelierend dargestellt werden. Die Frage nach der Funktion von Kriminalität in einer Gesellschaft wird aufgeworfen, insbesondere im Hinblick auf ihre Rolle für bestimmte soziale Gruppen.
- Kapitel 2: Robert King Mertons Devianz-Modell in Anwendung auf das Milieu jüdischer US-Immigranten zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Kapitel 2 stellt Mertons Theorie der Anomie und Devianz vor und erläutert sein Modell des Einflusses devianten Verhaltens auf den sozialstrukturellen Wandel. Es werden die Erfahrungen italienischer Immigranten als Beispiel für die Anwendung des Modells vorgestellt. Das Kapitel untersucht, ob Mertons Modell auf die Situation jüdischer Einwanderer zu Beginn des 20. Jahrhunderts anwendbar ist.
- Kapitel 2.1: Mertons Modelle: Ein Abweichen von Konformität
Dieser Abschnitt definiert Mertons Konzept der Konformität, die das Streben nach kulturell legitimierten Zielen mittels sozial akzeptierter Mittel bezeichnet. Weiterhin wird das Konzept der Anomie als Resultat eines durch soziale Belohnungsprozesse verstärkten devianten Verhaltens erläutert.
Schlüsselwörter
Die Arbeit befasst sich mit den Themen Anomie, Devianz, sozialer Wandel, Integration, Migration, jüdische US-Immigranten, Merton's Modell, italienische Immigranten, soziale Belohnungsprozesse, kulturelle Ziele, institutionelle Normen, sozialstrukturelle Position.
Häufig gestellte Fragen
Was besagt Robert K. Mertons Anomietheorie?
Anomie entsteht, wenn eine Kluft zwischen kulturell anerkannten Zielen (z. B. finanzieller Erfolg) und den legalen Mitteln zu deren Erreichung besteht, was zu abweichendem Verhalten führt.
Was versteht Merton unter "Devianz"?
Devianz beschreibt Verhaltensweisen, die von den gesellschaftlichen Normen abweichen, wie z. B. Innovation (kriminelle Mittel für Erfolg) oder Rückzug.
Wie lässt sich das Modell auf jüdische Immigranten anwenden?
Die Arbeit zeigt, wie jüdische Einwanderer in den USA aufgrund von Ausgrenzung oft deviante Wege (z. B. Kriminalität) nutzen mussten, um soziale Mobilität und Integration zu erreichen.
Welche Funktion hat Kriminalität für Migrantengruppen laut Merton?
Sie kann als "Ersatzweg" zum sozialen Aufstieg dienen, wenn legale Wege durch Diskriminierung versperrt sind, und so langfristig zur Integration der nächsten Generationen beitragen.
Was ist der Unterschied zwischen Konformität und Innovation?
Konformität akzeptiert Ziele und Mittel; Innovation akzeptiert die Ziele (Erfolg), nutzt aber illegale Mittel, um sie zu erreichen.
Warum vergleicht Merton jüdische und italienische Immigranten?
Beide Gruppen durchliefen ähnliche Phasen der Anomie und nutzten ähnliche Strukturen, um sich in der hierarchischen US-Gesellschaft zu behaupten.
- Quote paper
- Dennis Schmolk (Author), 2012, Integration durch Anomie: Robert King Mertons Devianz-Modell in Anwendung auf das Milieu jüdischer US-Immigranten zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202593