Wenn es darum geht, den Ring Heinrich Wittenwilers einzuordnen, ist die neuere Forschung nicht um Superlative verlegen: Vom „merkwürdigsten aller komischen Epen des Mittelalters“ist da die Rede, von der „grandioseste[n], aber auch ungeheuerlichste[n] Replik“, ja sogar als „literarische Gipfelleistung des deutschen Spätmittelalters“ wird er gehandelt. Der Autor, über den keinerlei gesicherte Erkenntnisse vorliegen, wird erstaunlich konkret, fast freundschaftlich, als „komischer Kauz“, als „grandioser Verpackungskünstler“ charakterisiert. Die Gesamtbetrachtungen und, damit einhergehend, die Herangehensweisen an den Text könnten unterschiedlicher nicht sein. In einem Punkt allerdings sind sich alle einig: Dem Ring, dieser „eigenbrötlerischen Beschäftigung eines spätmittelalterlichen Advokaten“, wird von allen Seiten ein immens hoher künstlerischer Wert beigemessen. Selten wurde ein Text mit solch unzuvereinbarenden und immer weiter auseinander driftenden Interpretationsansätzen zu entschlüsseln versucht und doch oder gerade deshalb zweifelt niemand an dem besonderen Stellenwert und der Einzigartigkeit des Rings, und das nicht nur, weil „dieses „krude, obszöne, chaotische Werk (...) im Grunde ein „gattungsgeschichtliches Unding [ist].“
Teil I der vorliegenden Arbeit stellt die Forschungsbeiträge zum Ring nach 1989 kurz vor. Bestimmte Argumente und Schlussfolgerungen sind einfacher nachzuvollziehen, wenn sie innerhalb ihrer Herleitung nachgezeichnet werden. Da sich die meisten Aufsätze Einzelthemen widmen, werden bereits in diesem Stadium bestimmte Themenbereiche grob abgesteck und auf einen chronologischen Abriss verzichtet. Um Tendenzen in der neueren Forschung ausloten zu können, sind Vergleiche und Zusammenfassungen einzelner Aspekte untereinander aber unumgänglich. Eine wertende Systematisierung der Einzelaspekte und Stellungnahme zu den Forschungspositionen schließt sich daher an Teil I an. Um die – mittlerweile bekannten – Argumentationen auf ihre Stichhaltigkeit überprüfen zu können, werden sie erneut herangezogen und den entsprechenden Gegenthesen gegenübergestellt. Es stellt sich als ein außerordentlich schwieriges Unterfangen dar, solche Vergleiche und Gegenüberstellungen zu bewerkstelligen, ohne sich zuvor wenigstens kurz innerhalb ihrer eigenen Argumentation angenähert zu haben. Daher wird sich die Wertung (so weit wie möglich) auf Teil II der vorliegenden Arbeit beschränken.
Inhaltsverzeichnis
- I Einleitung
- 1.1 Vorbemerkung
- 1.2 Erkenntnisziel/Methode
- II Kurzvorstellung der einzelnen Beiträge
- 2.1 Plate, Roth, Dallapiazza (Ehedebatte)
- 2.2 Kopanski, Goheen, Ehlert, Weiss-Amer, Haug, Lienert (Hochzeitsmahl und Tagelied)
- 2.3 Röcke [Der groteske Krieg], Rocher [Rabelais], Könneker, Brunner [Reden, Blut, Trauer] (Krieg)
- 2.4 Rocher [Bertschis letzter Kampf] (Schluss)
- 2.5 Bachorski, Arntzen, Hirschberg/Ortmann/Ragotzky, Fürbeth, Röcke [Das Lachen], Mülherr, M. Bräuer, Ogier, Tobler, Classen (Erzählhaltung)
- 2.6 Lutz, Tomasek, Mueller (Allegorie)
- 2.7 Laude, Cramer, M. Müller (Geistesgeschichte)
- 2.8 Händl, Sowinski, Jefferis, Huber (Literaturtradition)
- 2.9 Schmidt, Keller, Rocher [Frauenverständnis] (Sexualität)
- 2.10 Wiehl, Kokott, Wolf (Numerische Ordnung/Formalia)
- 2.11 Riha (Forschung)
- 2.12 Brunner [Gunterfai/Spielmann], Schmidt-Wiegand, Dallapiazza [La letteratura intorno], U. Müller, Szalai, R. Bräuer Classen [Krieg im Mittelalter], Tervooren, Beutin (kleinere Beiträge)
- III Kritik der Forschungspositionen
- 3.1 „Neues“ vom Autor
- 3.2 Wittenwilers Publikum
- 3.3 Gründe für das Ausbleiben einer Rezeption des Rings
- 3.4 Motivtradition
- 3.5 Die Bauern: Ziel des Spotts oder Stellvertreter?
- 3.6 Die Farbgebung
- 3.7 Prolog
- 3.8 Die Briefe
- 3.9 Ehedebatte
- 3.10 Hochzeitsmahl
- 3.11 Streit/Krieg
- 3.12 Bertschis Weltflucht
- 3.13 Beziehung zwischen Lehre und Handlung
- IV. Fazit
- V. Schaubilder
- 5.1 Inhalt
- 5.2 Formales
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Arbeit befasst sich mit der Forschung zu Heinrich Wittenwilers „Ring“ im Zeitraum von 1989 bis 2002. Sie verfolgt das Ziel, die verschiedenen Forschungspositionen und ihre Schwerpunkte zu beleuchten und zu bewerten. Dabei liegt der Fokus auf der Analyse von Einzelaspekten des Textes, die in den letzten Jahren in der Forschung zunehmend im Vordergrund stehen.
- Wittenwilers „Ring“ als „merkwürdigstes aller komischen Epen des Mittelalters“ und seine Einordnung in die Literaturgeschichte
- Die Vielschichtigkeit des Textes und die daraus resultierenden unterschiedlichen Interpretationsansätze
- Die Frage nach der Intention des Autors und seinen Zielen
- Die Rezeption des „Rings“ in der Forschung und die Gründe für deren Ausbleiben
- Die Bedeutung von Einzelaspekten wie Ehedebatte, Hochzeitsmahl, Krieg, Frauenbild und Erzählhaltung
Zusammenfassung der Kapitel
Die Arbeit beginnt mit einer Einleitung, die einen kurzen Überblick über die Forschung zu Wittenwilers „Ring“ gibt. Die Einleitung stellt dar, dass der „Ring“ in der Forschung als ein Werk mit unterschiedlichen und oft widersprüchlichen Interpretationen betrachtet wird. Die Hauptaufgabe dieser Arbeit ist die Analyse der Forschung zu „Wittenwilers Ring“ im Zeitraum von 1989 bis 2002. Dabei wird die Forschung anhand von Einzelaspekten des Textes vorgestellt und bewertet.
Die einzelnen Kapitel widmen sich den verschiedenen Forschungspositionen und beleuchten dabei verschiedene Einzelaspekte des „Rings“, wie z.B. die Ehedebatte, das Hochzeitsmahl, den Krieg, die Frauenbilder und die Erzählhaltung.
Die Arbeit schließt mit einem Fazit, in dem die Ergebnisse der Analyse zusammengefasst werden. Das Fazit beleuchtet die wichtigsten Ergebnisse der Forschung zu Wittenwilers „Ring“ und gibt einen Ausblick auf zukünftige Forschungsfragen.
Schlüsselwörter
Die Arbeit befasst sich mit den zentralen Themen und Konzepten im Zusammenhang mit Heinrich Wittenwilers „Ring“. Zu den wichtigsten Schlüsselbegriffen gehören: „Ring“ als literarisches Werk, Interpretation, Forschungsgeschichte, Einordnung in die Literaturgeschichte, Autorintention, Einzelaspekte (Ehedebatte, Hochzeitsmahl, Krieg, Frauenbild, Erzählhaltung), Rezeption, Forschungsstand, Bewertung der Forschung, Interpretationsspielräume, Bedeutung des Textes.
Häufig gestellte Fragen
Was ist Heinrich Wittenwilers „Ring“?
Der „Ring“ ist ein komisches Epos des deutschen Spätmittelalters, das für seine Mischung aus Drastik, Komik und didaktischen Inhalten bekannt ist.
Warum gilt das Werk als „gattungsgeschichtliches Unding“?
Es entzieht sich einer klaren Einordnung, da es Elemente von Schwank, Lehrdichtung und Heldenepos auf chaotische und oft obszöne Weise verbindet.
Was sind zentrale Themen der Forschung nach 1989?
Die Forschung befasst sich intensiv mit der Erzählhaltung, der Darstellung von Sexualität und Gewalt, sowie der Funktion der Bauernfiguren als Ziel des Spotts.
Wer war das Zielpublikum von Wittenwiler?
Es wird vermutet, dass das Werk für ein gebildetes, städtisches Publikum (eventuell Juristen oder Kleriker) geschrieben wurde, das die Parodien auf höfische Literatur verstand.
Welche Rolle spielt die „Ehedebatte“ im Ring?
Die Ehedebatte ist ein zentraler didaktischer Teil des Werks, in dem verschiedene Argumente für und gegen die Heirat auf parodistische Weise vorgebracht werden.
- Quote paper
- Jan Taussig (Author), 2002, Wittenwilers "Ring" in der Forschung nach 1989 - Würdigung und Wertung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19920