Die Redewendung „von etwas keinen Brief haben“ wird gemeinhin verwandt, wenn über eine Sache keine Gewissheit vorherrscht. Im Falle des Briefes des Apostels Paulus an die Epheser trifft dieses Sprichwort jedoch nicht zu. Mit ihm haben wir zwar einen uns erhaltenen Brief. Dennoch lässt dieser uns nahezu vollständig in Ungewissheit über seine Absichten, seinen Verfasser und somit auch über seine zeitliche Zuordnung. Es wird bisweilen sogar bezweifelt, dass es sich bei dem Epheserbrief überhaupt um einen Brief handelt. So erstaunt es nicht, wenn der Exeget Schnackenburg fragt: „Welcher Exeget schrickt nicht vor diesem eigentümlichen, so wenig ,griffigen’ Schreiben zurück?“.
Die Basis zur Datierung der Schriften des Neuen Testaments wird als sehr schmal angesehen. Wozu soll man sich um das schwierige Unterfangen bemühen, ausgerechnet den vorliegenden Paulusbrief zu datieren, wie es Gegenstand dieser Arbeit ist? Eine Datierung der Heiligen Schriften ist nicht nur Gegenstand einer profanen oder kirchlichen Geschichtswissenschaft, die bemüht ist, die Heilige Schrift als historische Quelle in einen zeitlichen Zusammenhang zu stellen. Auch ein Exeget muss bei der Auslegung der Bibeltexte die unterschiedlichen geschichtlichen Umfelder und Kontexte berücksichtigen, die für das Verstehen der Texte entscheidend sind. Hält man sich vor Augen, dass der Epheserbrief „als einziger eine umfassende und komprimierte Darstellung der paulinischen Theologie“, also als „Vermächtnis der Paulusschule“ angesehen wird, verdeutlicht sich die Notwendigkeit einer exegetischen Beschäftigung mit diesem Bibeltext.
Um die Frage nach der Datierung des Eph zu klären, wird zunächst die häufig gestellte Frage der Echtheit behandelt. Diese schließt zugleich weitere Aspekte mit ein, welche für die Datierung eine Rolle spielen, wie Adressierung, literarische Abhängigkeit, Sprache und Stil des Briefes und seine Theologie. Hierauf wird versucht, die Datierung mithilfe der Lebensdaten möglicher nichtpaulinischer Autoren einzugrenzen. Anschließend werden der Anlass und die Rezeptionsgeschichte des Briefes hinsichtlich der Möglichkeit, den Brief zu datieren, untersucht, bevor ich im letzten Kapitel die Frage nach der Datierung des Eph zu beantworten versuche.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Zur Frage der Verfasserschaft
2.1 Zur Diskussion um die Echtheit des Eph
2.2 Argumente gegen eine paulinische Verfasserschaft
2.2.1 Adressangabe
2.2.1.1 έν Έφέσω (Eph 1,1) als „crux interpretum“
2.2.1.2 Laodizea-Hypothese
2.2.1.3 Enzyklika-Hypothese
2.2.1.4 Neuauslegung der Enzyklika-Hypothese
2.2.2 Literarische Abhängigkeiten
2.2.3 Unstimmigkeiten hinsichtlich Sprache und Stil
2.2.4 Veränderte Theologie
2.3 Mögliche nichtpaulinische Autoren
3 Zur Frage des Abfassungsanlasses
3.1 Eingrenzung der Hypothesen zur Abfassung
3.2 Abfassungshypothesen zu datierbaren Anlässen
3.2.1 Caesarea-Hypothese
3.2.2 Diskriminierung von Judenchristen als Folge des Jüdischen Krieges
3.2.3 Verfolgungshypothese
4 Rezeptionsgeschichte des Eph
5 Zur Frage der Datierung
6 Literaturverzeichnis
6.1 Außerbiblische Quellen
6.2 Sekundärliteratur
7 Tabellenverzeichnis
8 Abbildungsverzeichnis
Häufig gestellte Fragen
Wann wurde der Epheserbrief vermutlich geschrieben?
Die Datierung ist umstritten; sie hängt stark davon ab, ob man Paulus selbst oder einen Schüler aus der "Paulusschule" als Verfasser ansieht.
Gilt der Epheserbrief als echtes Paulus-Schreiben?
Viele Exegeten bezweifeln die Echtheit aufgrund von Unterschieden in Sprache, Stil und Theologie im Vergleich zu den unumstrittenen Paulusbriefen.
Was ist die "Enzyklika-Hypothese"?
Diese Theorie besagt, dass der Brief kein Schreiben an eine spezifische Gemeinde in Ephesus war, sondern ein Rundschreiben an mehrere Gemeinden in Kleinasien.
Warum ist die Datierung für die Exegese so wichtig?
Die zeitliche Einordnung hilft dabei, den geschichtlichen Kontext und die theologischen Absichten des Textes besser zu verstehen.
Welche Rolle spielt die literarische Abhängigkeit vom Kolosserbrief?
Die starken Ähnlichkeiten zum Kolosserbrief sind ein Hauptargument für eine spätere Abfassung durch einen Autor, der die paulinische Theologie komprimieren wollte.
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- Johann Mair (Author), 2008, Das Rätsel der Datierung des Epheserbriefes, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197764