Das Verhältnis von Literatur und Psychoanalyse in der literarischen Moderne zu untersuchen, bedeutet den Blick auf ein Forschungsfeld zu richten, das durch mannigfache Widersprüche, Analogien und Wechselwirkungen geprägt ist. Bereits ein flüchtiges Betrachten lässt die Un-terschiede der Disziplinen deutlich hervortreten: So bildet die Literatur eine Ausdruckform der Schönen Künste, während die Psychoanalyse sich als gestandene Naturwissenschaft prä-sentiert. Doch wiewohl Wesen und Arbeitsweise der beiden Disziplinen von großer Diver-genz sind, so befinden sich Literatur und Psychoanalyse dennoch seit jeher in einer Spiegel-beziehung. Beide Ansätze bearbeiten das selbige Themenfeld – die menschliche Psyche – und erzeugen, wenn auch auf verschiedene Weise, die nämlichen Ergebnisse. Resultat der beson-deren Beziehung der Disziplinen ist die Ambivalenz von Bewunderung und Doppelgänger-scheu für das Spiegel-Ich: Denn so wie die Beziehung in einer konstruktiven Bundesgenos-senschaft münden kann, so vermag sie ebenso Verwirrungen und Streitigkeiten im Urheber-recht der Erkenntnisse zu erzeugen.
Tatsache ist, die frühe Moderne ist voller Berührungspunkte und Korrelationen der beiden Richtungen, so dass unzweifelhaft postuliert werden kann, dass eine jede ohne den Einfluss der anderen nicht die selbige wäre. Die hiesige Arbeit nimmt sich zum Ziel, das Beziehungs-geflecht von Literatur und Psychoanalyse zu eruieren. Hierbei folgt sie der Kernthese Thomas Anz’, dass eine Verwissenschaftlichung des literarischen modernen Diskurses und eine ana-loge Literarisierung der Wissenschaft die Symptomatik dieser Wechselwirkung bilden. An-hand dieser zwei Grundtendenzen werden in der Folge die konkreten Einzelentwicklungen, die sich in dem Forschungsfeld ereigneten, nachvollzogen. Dabei bilden sie gleichsam Aus-gangspunkt, Rahmen und formales Gerüst der Arbeit
Inhaltsverzeichnis
- Einführung
- Zur Beziehungskonstellation von Psychoanalyse und literarischer Moderne
- Die Literarisierung der Psychoanalyse
- Von Krankengeschichten, die wie Novellen zu lesen sind
- Visualisierung und Legitimierung der Psychoanalyse anhand literarischer Fallgeschichten.
- Die Verwissenschaftlichung des literarischen Diskurses der Moderne
- Literarische Adaptionen der Psychoanalyse...
- Die psychoanalytische Dichter-Theorie...
- Psychoanalytische Literaturinterpretation
- Schlusswort
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem komplexen Verhältnis von Literatur und Psychoanalyse in der literarischen Moderne. Sie analysiert die wechselseitigen Einflüsse und Berührungspunkte zwischen diesen beiden Disziplinen, wobei sie die Kernthese von Thomas Anz aufgreift: Die Verwissenschaftlichung des literarischen Diskurses und die Literarisierung der Wissenschaft als Ausdruck der Wechselwirkung. Die Arbeit untersucht die konkreten Entwicklungen und die Auswirkungen dieser Tendenzen auf das jeweilige Feld.
- Verwissenschaftlichung des literarischen Diskurses der Moderne
- Literarisierung der Psychoanalyse
- Die Rolle des Unbewussten in Literatur und Psychoanalyse
- Psychoanalytische Interpretation von literarischen Texten
- Die Ambivalenz der Beziehung zwischen Literatur und Psychoanalyse
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einführung stellt das Forschungsfeld der Beziehung von Literatur und Psychoanalyse in der literarischen Moderne vor und hebt die Ambivalenz dieser Beziehung hervor. Kapitel 2 untersucht die kultur- und diskursgeschichtlichen Rahmenbedingungen um 1900, welche die Entstehung dieser Beziehung begünstigten. Hierbei wird die Bedeutung der Introversion und Seelenkundigkeit in der Literatur sowie die Rolle der Psychiatrie und Psychoanalyse bei der Erkundung des Inneren hervorgehoben. Kapitel 3 konzentriert sich auf die Literarisierung der Psychoanalyse und analysiert, wie die Psychoanalyse durch den Rückgriff auf literarische Mittel und Erzählformen ihre Erkenntnisse erfahrbarer und verständlicher machte.
Schlüsselwörter
Literarische Moderne, Psychoanalyse, Verwissenschaftlichung, Literarisierung, Unbewusstes, Identität, Seelenkundigkeit, Kunstinterpretation, Beziehungskonstellation, Bundesgenossenschaft, Doppelgängerscheu.
Häufig gestellte Fragen
Wie hängen Psychoanalyse und Literatur in der Moderne zusammen?
Literatur und Psychoanalyse befinden sich in einer Spiegelbeziehung: Beide bearbeiten die menschliche Psyche. Um 1900 gab es eine wechselseitige Beeinflussung, die als „Literarisierung der Wissenschaft“ und „Verwissenschaftlichung der Literatur“ beschrieben wird.
Was bedeutet die „Literarisierung der Psychoanalyse“?
Damit ist gemeint, dass Pioniere wie Sigmund Freud ihre wissenschaftlichen Fallstudien oft wie Novellen verfassten, um psychische Prozesse anschaulich und für ein breiteres Publikum legitimiert darzustellen.
Wie zeigt sich die „Verwissenschaftlichung“ des literarischen Diskurses?
Autoren der Moderne adaptierten psychoanalytische Theorien in ihren Romanen, nutzten sie zur Figurengestaltung oder wandten psychoanalytische Methoden zur Interpretation von Texten an.
Welche Rolle spielt das Unbewusste in dieser Epoche?
Das Unbewusste wurde zum zentralen Forschungs- und Darstellungsobjekt. Während die Psychoanalyse es naturwissenschaftlich zu erklären suchte, gab die Literatur dem Unbewussten eine ästhetische Ausdrucksform.
Was ist die Kernthese von Thomas Anz?
Thomas Anz postuliert, dass die Symptomatik der Moderne durch eine Verwissenschaftlichung des literarischen Diskurses und eine analoge Literarisierung der Wissenschaft geprägt ist.
Warum empfanden Literaten und Psychoanalytiker oft „Doppelgängerscheu“?
Trotz ihrer Zusammenarbeit gab es Streitigkeiten um das „Urheberrecht“ an Erkenntnissen über die Seele. Man bewunderte einander, fürchtete aber auch die Konkurrenz der jeweils anderen Disziplin.
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- M.A. Laura Dorfer (Author), 2010, Psychoanalyse und literarische Moderne , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190821