Gegenstand dieser Arbeit ist der Creacionismo, eine ästhetische Theorie, die von dem chilenischen Dichter Vicente Huidobro (1893-1948) entwickelt wurde. Im ersten Teil gehe ich auf den Creacionismo selbst ein, seine wichtigsten Merkmale und auf seine Situierung in der Avantgarde. Dabei wird keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erhoben, da selbst Vicente Huidobro auf die Frage „¿Cuál es la estética del Creacionismo?“ antworten musste: „Para contestar necesitaría escribir un libro.“ Vielmehr geht es in dieser Arbeit darum, die wichtigsten Charakteristika der Theorie herauszuarbeiten, so dass später bei der Betrachtung des Gedichtes „Vermouth“ überprüft werden kann, ob Huidobro diese Theorie auch in der dichterischen Praxis verwirklicht hat. Im Kapitel "Situierung des Creacionismo in der Avantgarde" wird versucht, die Stimmung der Zeit, in der Huidobro seine Werke verfasst hat, einzufangen, und somit auch zu einem besseren Verständnis des Dichters selbst, seiner Umstände und seiner Gedichte zu gelangen. Auch wenn Huidobro für sich selbst völlige Originalität und dichterische Unabhängigkeit proklamiert, bleibt er dennoch von den Einflüssen der anderen Avantgarden nicht gänzlich unberührt.
Der zweite Teil der Arbeit soll mit der Interpretation des Gedichtes „Vermouth“ im Vordergrund stehen. Der Interpretation liegt das Schema nach Matzat zugrunde. Dabei wird auch sehr auf den Aufsatz Hugo Friedrichs „Die Struktur der modernen Lyrik“ Bezug nehmen. In die Interpretation sind sowohl inhaltliche als auch formelle Merkmale des Gedichtes mit einbezogen, und es wird versucht, diese Elemente zu einem abgerundeten, zusammenfassenden Ergebnis zu bringen. Es ist eine der großen Schwierigkeiten im Umgang mit moderner Lyrik (oder Lyrik an sich), dass man versucht, eigene Wertmaßstäbe anzusetzen, und das Gedicht dann unter diesem Gesichtspunkt zu bewerten und zu beurteilen. Ich hoffe, dass es in dieser Arbeit gelungen ist, persönliche Wertung größtenteils von der Interpretation fernzuhalten; oder zumindest nur dort einfließen zu lassen, wo es unumgäglich und vielleicht sogar erforderlich ist. Denn gerade die Dichtung, die nicht leicht zugänglich ist, ist oft sehr subjektiv interpretierbar.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Huidobros Creacionismo
2.1. Die Charakteristika des Creacionismo
2.2. Situierung des Creacionismo in der Avantgarde
2.2.1. Der Futurismus
2.2.2. Der Kubismus
2.2.3. Guillaume Apollinaire
3. Das Gedicht „Vermouth“
3.1. Einleitendes zur modernen Lyrik
3.2. Interpretation des Gedichtes
3.2.1. Die syntagmatische Dimension
3.2.2. Die pragmatische Dimension
3.2.3. Die semantische Dimension
4. Schlussbemerkung
5. Bibliographie
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die ästhetische Theorie des Creacionismo, die von Vicente Huidobro entwickelt wurde, und analysiert deren Anwendung in der dichterischen Praxis am Beispiel des Gedichtes „Vermouth“. Dabei wird insbesondere der Frage nachgegangen, inwiefern Huidobro seine theoretischen Postulate in der Gestaltung des Textes verwirklicht und wie sich das Gedicht in den Kontext der Avantgardebewegungen einordnen lässt.
- Grundlagen und zentrale Charakteristika der Creacionismo-Theorie
- Kontextualisierung des Creacionismo innerhalb der europäischen Avantgarde
- Strukturelle Analyse der modernen Lyrik unter Einbeziehung von Hugo Friedrich
- Detaillierte Interpretation des Gedichtes „Vermouth“ hinsichtlich syntagmatischer, pragmatischer und semantischer Dimensionen
- Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen theoretischem Anspruch und dichterischer Umsetzung
Auszug aus dem Buch
2.1. Die Charakteristika des Creacionismo
Am Anfang stand der starke Willen Huidobros, ein völlig neues und persönliches poetisches Konzept zu entwerfen. Das wichtigste Merkmal des Creacionismo ist dessen antimimetische Kunstauffassung.
Huidobro verlieh seiner Abneigung gegen jegliche Art der Imitation erstmals 1913 Ausdruck: „Los señores clásicos, ellos sí tenían facultad para crear, pero ahora esta facultad no existe, en vista de lo cual imítenlos ustedes a ellos, sean ustedes espejos que devuelven las figuras, sean reflectores, hagan el papel de fonógrafos y de cacatúas y no creen nada, como lo hicieron ellos...“
Doch die Imitation, die Huidobro ablehnt, ist nicht nur die Imitation vorhergehender Dichter. Es ist die Imitation an sich, vor allem die Imitation der Natur. Huidobro nennt diese Art der Dichtung, die ihm zuwider ist, auch „poesía descriptiva“.
Der Dichter veröffentlichte mehrere Manifeste, in denen er die Grundzüge seiner Theorie darstellt. Zu den wichtigsten Manifesten zählen unter anderem „Non serviam“ (1914), „La Poesía“ (1921) „El Creacionismo“ (1925) und „Total“ (1932).
Laut Huidobro ist es Aufgabe des Dichters, neue Welten zu schaffen. Er erschafft eine völlig neue Realität - seine Welt - die mit der der Natur nichts gemein hat. Sein Ziel ist es aber nicht, gegen die Natur zu arbeiten, im Gegenteil, der Dichter ist der Natur gleichgestellt, er ist Schöpfer, ein „pequeño dios.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Forschungsgegenstands Creacionismo und Erläuterung der methodischen Vorgehensweise bei der Interpretation des Gedichtes „Vermouth“.
2. Huidobros Creacionismo: Analyse der ästhetischen Grundlagen und der Einbettung der Theorie in die zeitgenössischen Strömungen der Avantgarde.
2.1. Die Charakteristika des Creacionismo: Darstellung der zentralen antimimetischen Kunstauffassung Huidobros und des Selbstverständnisses des Dichters als Schöpfer.
2.2. Situierung des Creacionismo in der Avantgarde: Untersuchung der Einflüsse von Futurismus und Kubismus auf Huidobros Theoriebildung.
2.2.1. Der Futurismus: Erörterung der Beziehung Huidobros zum Futurismus und der Übernahme mechanischer Metaphern bei gleichzeitiger Distanzierung.
2.2.2. Der Kubismus: Vergleich der Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen der creacionistischen und der kubistischen Auffassung von Realität.
2.2.3. Guillaume Apollinaire: Analyse des Einflusses von Apollinaire auf Huidobros Dichtkunst, insbesondere hinsichtlich Freiheit und Form.
3. Das Gedicht „Vermouth“: Einführung in die Werkanalyse des Gedichtes vor dem theoretischen Hintergrund der modernen Lyrik.
3.1. Einleitendes zur modernen Lyrik: Theoretische Betrachtung der „Dunkelheit“ und Dissonanz in der modernen Lyrik nach Hugo Friedrich.
3.2. Interpretation des Gedichtes: Durchführung der detaillierten Werkinterpretation unter Anwendung des Modells nach Matzat.
3.2.1. Die syntagmatische Dimension: Untersuchung der sprachlichen Struktur, der Zeit-Raum-Auflösung und der typografischen Gestaltung des Gedichtes.
3.2.2. Die pragmatische Dimension: Analyse der Rolle des lyrischen Ichs und der Kommunikationssituation innerhalb des Textes.
3.2.3. Die semantische Dimension: Erschließung der Isotopien wie Alkohol, Zeit und Religion sowie deren Bedeutung für das Verständnis des Gedichtes.
4. Schlussbemerkung: Resümee über die Konsequenz Huidobros in der Umsetzung seiner Theorie und die Bedeutung des Creacionismo.
5. Bibliographie: Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Creacionismo, Vicente Huidobro, moderne Lyrik, Vermouth, Avantgarde, Antimimetik, Metapher, Dissonanz, Syntagmatik, Pragmatik, Semantik, Interpretation, Poetik, Literaturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der ästhetischen Theorie des Creacionismo von Vicente Huidobro und untersucht deren Anwendung und Umsetzung in seinem Gedicht „Vermouth“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Definition und Herleitung des Creacionismo, die Positionierung dieser Theorie innerhalb der europäischen Avantgardebewegungen sowie die formale und inhaltliche Werkdeutung eines spezifischen Gedichtes.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Es soll geklärt werden, wie Huidobro die theoretischen Grundsätze seiner Kunstauffassung in der Praxis anwendet und ob das Gedicht „Vermouth“ diese Prinzipien tatsächlich konsequent widerspiegelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf eine literaturwissenschaftliche Interpretation des Gedichtes unter Einbeziehung theoretischer Ansätze, insbesondere des Schemas nach Matzat sowie der Strukturtheorien moderner Lyrik von Hugo Friedrich.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung des Creacionismo inklusive seiner avantgardistischen Kontexte und eine detaillierte, dreidimensionale Interpretation des Gedichtes „Vermouth“ (syntagmatisch, pragmatisch, semantisch).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Creacionismo, moderne Lyrik, antimimetische Kunst, Avantgarde, Metaphorik und Werkinterpretation charakterisieren.
Inwiefern spielt der „Vermouth“ als Titel eine besondere Rolle im Gedicht?
Der Titel dient laut Analyse der Spannungsbildung, da er eine Isotopie des Alkohols einführt, die zwar im Text angedeutet wird, aber keinen unmittelbar logischen Sinnzusammenhang zum restlichen Inhalt aufweist.
Wie interpretiert die Autorin die Rolle des lyrischen Ichs in „Vermouth“?
Das lyrische Ich wird als „erlebendes Ich“ wahrgenommen, das sich aus der äußeren Realität in eine subjektive Innenwelt zurückzieht und durch eine spürbare, wenngleich schwer definierbare Kluft zur Umwelt gekennzeichnet ist.
- Quote paper
- Ines Müller (Author), 2003, Vicente Huidobros Creacionismo am Beispiel des Gedichtes "Vermouth", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19066