Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie Goethe die Thematik der Opferpraxis in seiner "Iphigenie auf Tauris" behandelt. Obgleich die Menschenopferpraxis der antiken Welt in Goethes "Iphigenie" eine Abwertung und Ablehnung erfährt, bleibt der durch individuelle Verinnerlichung der Opferpraxis suggerierte Lösungsansatz deshalb unsicher, weil der Opferdiskurs keiner vollständigen Lösung zugeführt wurde und, wie die Arbeit zu zeigen versucht, keiner vollständigen Lösung zugeführt werden kann. Das heißt, auch dann, wenn im Äußeren auf gewaltsame Menschenopferung verzichtet wird, bleibt der Opfermechanismus erhalten, und zwar in der Konformitätsforderung, um des individuell guten Lebens in der Gemeinschaft willen Opfer zu bringen. Diese Anpassungsnotwendigkeit, die dem aufgeklärten Bewusstsein der Individuen erwächst und in der Einschränkung der persönlichen Freiheit besteht, ist das Restopfer, das nach der Moralisierung der Religion und Verinnerlichung des Opfermythos bleibt. Goethes Absicht scheint gewesen zu sein, Iphigenie deshalb nicht als Opfer am Altar sterben zu lassen, weil er auf diese Weise die katholische auf Menschenopfer begründete Humanitätsvorstellung kritisieren kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Literaturhistorischer und religiöser Hintergrund Goethes Behandlung des Opferbrauchs in „Iphigenie auf Tauris“
2. Dramaturgie des Menschenopferdiskurses in „Iphigenie auf Tauris“
2.1 Der Zweifel an der Legitimation und am Zweck des Opferbrauchs
2.2 Der argumentative Kampf um die Deutung der Begründung des Menschenopfers
2.3 Der Opferbrauch und die Sakralisierung von Gesetzen
3. Der Opferbrauch als Ort der Religionskritik
3.1 Zur Moralisierung der Religion – Trennung zwischen Opferbrauch und Religiosität
3.2 Zur Sakralisierung der Moral – Trennung zwischen Mythos und Opferbrauch
4. Die Folgen autonomen Handelns von Iphigenie für den Opferbrauch
4. 1 Iphigenies Kritik am Stellvertreteropfer
4.2 Iphigenies Bedeutungsverschiebung des Opferbegriffs
5. Verteufelte Humanität oder das Kreuz mit dem Opfer
5.1 Zur Bedeutung des individuellen Widerstands gegen die Praxis der Gewalt
5. 2 Zum Vorwurf der Inhumanität individueller Freiheitsbehauptung
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Goethes Tragödie „Iphigenie auf Tauris“ vor dem Hintergrund ihrer literaturhistorischen Bezüge zu Euripides. Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, wie durch die Humanisierung des Opferbrauchs und die Moralisierung der Religion die Abschaffung der Mordpraxis als notwendig und möglich dargestellt wird, wobei Iphigenies autonomes Handeln eine zentrale Rolle spielt.
- Die kritische Auseinandersetzung mit der machtpolitischen Instrumentalisierung der Opferpraxis.
- Die Bedeutung der Bedeutungsverschiebung des Opferbegriffs für die individuelle Autonomie.
- Die Funktion der Religion und der Götterkritik im Kontext des Dramas.
- Das Spannungsfeld zwischen kollektiver Gewalt und individueller Freiheitsbehauptung.
- Die Ethisierung des Opfermythos als Vorläufer moderner Menschenrechtsvorstellungen.
Auszug aus dem Buch
2.1 Der Zweifel an der Legitimation und am Zweck des Opferbrauchs
Während die Opferhandlung im 1. Akt des 1. Auftritts der 1779 entstandenen Prosafassung Iphigenie in Tauris zum einen allgemein auf das Leben aller in der Fremde Lebenden bezogen ist, und zum anderen ohne Anklage der Götter thematisiert wird, sind sowohl die Götterkritik als auch die Menschenopferpraxis bereits in der Exposition zum Thema der überarbeiteten und 1787 veröffentlichten Fassung geworden, wo es gleich zu Beginn heißt: „Ich rechte mit den Göttern nicht; allein / Der Frauen Zustand ist beklagenswert“ (V. 23-24).
Es ist der Schmerz der geopferten und in der Fremde den „zweiten Tod“ (V.53) erleidenden Iphigenie, die an der Sinnhaftigkeit sowohl gott- als auch menschengewollter Menschenopfer zweifelt. Dieser unerträgliche Zustand ist der Grund für ihre Forderung, dass Götter selbst ein Opfer bringen sollen, in dem sie sie opfern bzw. indem sie auf Iphigenies Opferdienst verzichten, wie ihr Appell an Diane zeigt: „So gib auch mich den Meinen endlich wieder, / Und rette mich, die du vom Tod’ errettet, / Auch von dem Leben hier, dem zweiten Tode“ (V. 46-53).
Zur Begründung der Möglichkeit des Verzichts auf Menschenopfer führt Iphigenie zum einen die Verhinderung ihrer eigenen Opferung durch die Göttin Diane an („Und unsre Göttin sieht willkomm’nem Opfer / Von Thoas Hand mit Gnadenblick entgegen.“ V. 60-63). Zum anderen zieht sie mit ihrer Beschreibung der Konsequenzen des Opferstatus’, wonach die Opfernden stets zu neuen Opfern verpflichtet werden, die Legitimationsgrundlage der Opferbrauchs in Zweifel („Selbst gerettet, war / Ich nur ein Schatten mir, und frische Lust / Des Lebens blüht in mir nicht wieder auf.“ V. 88-90).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Literaturhistorischer und religiöser Hintergrund Goethes Behandlung des Opferbrauchs in „Iphigenie auf Tauris“: Das Kapitel verortet das Drama im Kontext von Euripides und thematisiert Goethes Kritik an der religiösen Begründung von Gewalt.
2. Dramaturgie des Menschenopferdiskurses in „Iphigenie auf Tauris“: Dieses Kapitel analysiert den dramaturgischen Kampf um die Legitimation des Opferbrauchs zwischen Iphigenie, Thoas, Arkas und Pylades.
3. Der Opferbrauch als Ort der Religionskritik: Es wird dargelegt, wie Iphigenie durch eine Verinnerlichung des Göttlichen den Opferritus als unvereinbar mit wahrer Humanität entlarvt.
4. Die Folgen autonomen Handelns von Iphigenie für den Opferbrauch: Dieses Kapitel untersucht die Umwandlung des Sündenbockmechanismus und die Verschiebung des Opferbegriffs durch Iphigenies aktives Handeln.
5. Verteufelte Humanität oder das Kreuz mit dem Opfer: Hier wird der individuelle Widerstand gegen die Gewaltpraxis sowie die damit verbundene Gefahr eines Rückfalls in die Inhumanität reflektiert.
6. Fazit: Das Kapitel fasst zusammen, dass Goethe den Mythos zur Kritik an hellenozentristischen Deutungen nutzt, das Drama jedoch aufgrund der Unsicherheit des erreichten Friedens offen bleibt.
Schlüsselwörter
Iphigenie auf Tauris, Goethe, Opferbrauch, Menschenopfer, Humanität, Religionskritik, Sündenbockmechanismus, Autonomie, Gewaltverzicht, Mythos, Dramaturgie, Ethik, Aufklärung, Götterbild, Freiheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Seminararbeit analysiert, wie Johann Wolfgang von Goethe in seiner Tragödie „Iphigenie auf Tauris“ den antiken Opferbrauch behandelt und durch eine Humanisierung der Handlung infrage stellt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Kritik an der religiösen Begründung von Gewalt, die Entwicklung von individueller Autonomie gegenüber patriarchalen Strukturen und die Umdeutung von rituellen Opfern in eine symbolische Handlung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, dass Goethe die Abschaffung der Mordpraxis durch eine moralische Erneuerung und eine Verschiebung des Opferbegriffs als möglich und notwendig vorstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Analyse des Dramentextes unter Einbeziehung von Sekundärliteratur (wie z.B. René Girard, Theodor W. Adorno und Gerhard Neumann) sowie historisch-philosophischen Kontextualisierungen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Opferdiskurses, die Analyse der Religionskritik, die Folgen von Iphigenies autonomem Handeln und die Reflexion über die „verteufelte Humanität“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Humanität, Opferbrauch, Sündenbockmechanismus, Autonomie, Religionskritik, Mythos und ethisches Handeln.
Welche Rolle spielt die „Bedeutungsverschiebung des Opferbegriffs“ in Kapitel 4?
In Kapitel 4 wird dargelegt, wie Iphigenie durch ihr aktives Handeln das Opfer nicht mehr als schicksalhafte Gegebenheit akzeptiert, sondern es als Instrument der Selbstbehauptung und zur Kritik an der Staatsräson umdeutet.
Warum ist das Ende des Dramas laut Autor problematisch?
Der Autor argumentiert im Fazit, dass das Ende offen bleibt, da kein verbindlicher Verzicht auf künftige Gewalt vereinbart wurde, wodurch die Gefahr eines Rückfalls in die Inhumanität bestehen bleibt.
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- Ernest Mujkic (Author), 2011, Der Opferbrauch in Goethes "Iphigenie auf Tauris", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187576