Die hier vorliegende schriftliche Ausarbeitung des im Rahmen des Seminars „Theoretische Ansätze in der Erziehungswissenschaft“ gehaltenen Dreierreferates über die Geisteswissenschaftliche Pädagogik beschäftigt sich mit dem historisch-sozialen Entstehungszusammenhang jener erziehungswissenschaftlichen Strömung, skizziert ihre geistige Verwurzelung im Wissenschaftsverständnis Wilhelm Diltheys nach, benennt ihre Hauptvertreter und erläutert das ihr zugrunde gelegte methodologische Instrumentarium, die sogenannte Hermeneutik. Abschließend soll ein kurzer Blick über die verschiedenen Kritikansätze, die andere erziehungswissenschaftliche Denkrichtungen an die geisteswissenschaftliche Pädagogik (im folgenden GWP genannt) richten, geboten werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Zielvorstellung
2. Der historisch-soziale Entstehungszusammenhang
3. Dilthey als Begründer einer Theorie der Geisteswissenschaften
3.1 Diltheys Theorie
3.2 Hermeneutik als die Methodik des Verstehens
4. Kritik
5. Bibliographie
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die geisteswissenschaftliche Pädagogik unter besonderer Berücksichtigung ihres Entstehungszusammenhangs, ihrer theoretischen Fundierung durch Wilhelm Dilthey sowie ihrer methodischen Praxis. Ziel ist es, die pädagogische Bedeutung der Hermeneutik darzulegen und kritische Perspektiven anderer erziehungswissenschaftlicher Denkrichtungen zu beleuchten.
- Historisch-soziale Bedingungen der Weimarer Republik und deren Einfluss auf die Pädagogik
- Wilhelm Diltheys Wissenschaftstheorie der Geisteswissenschaften
- Die hermeneutische Methodik des Verstehens in der Erziehungswissenschaft
- Praktische Illustration der hermeneutischen Methode anhand pädagogischer Fallbeispiele
- Kritische Auseinandersetzung mit der Begrifflichkeit und dem Methodeninventar der geisteswissenschaftlichen Pädagogik
Auszug aus dem Buch
Hermeneutik als die Methodik des Verstehens
Die methodologische Grundlegung der Geisteswissenschaften ist nach Dilthey die Hermeneutik. Das Wort Hermeneutik stammt aus dem Griechischen und heißt Auslege- und Deutungskunst. Genauer: „Hermeneutik ist die ‚Kunst der Auslegung’ und gleichzeitig die Theorie davon.“
In der Geschichte der Hermeneutik entstanden vier verschiedene Hermeneutiken. Eine philologisch-historische Hermeneutik, die sich mit literarischen Texten befasste. Eine theologische Hermeneutik, die sich in der Exegese der Bibel übte und schließlich eine juristische Hermeneutik, „die sich auf die Interpretation und Anwendung von vorgegebenen Gesetzen in Hinblick auf konkrete Fälle konzentrierte.“ Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher entwickelte als erster eine allgemeine Hermeneutik, die ihre Regeln allgemein bestimmte.
Zentraler Begriff der Hermeneutik ist das Verstehen. Damit meint man beileibe kein bloßes unbewusstes selbstverständliches mithin elementares Verstehen, wie das Verstehen einer Straßenampel beispielsweise. Verstehen meint hier primär ein bewusstes höheres Sinn-Verstehen, ein Bedeutungs-Verstehen äußeren menschlichen Handelns oder äußerer menschlicher Zeichen, die auf ein Inneres verweisen. Dieses Verstehen darf man nicht gleichsetzen mit Identifikation, wie ich das während des Referates aufgrund Diltheys Aussage über das Verstehen als ein „Wiederfinden des Ich im Du“ irrtümlich getan hatte. Identifikation meint eher ein psychologisch-emphatisches Einfühlen, was von Dilthey als Verstehensakt originär konzipiert aber später verworfen wurde.
Verstanden werden die den Subjekten gegenüberstehenden aber von ihnen hervorgebrachten geistigen Objektivationen, die sich in Texten, Kunstwerke, Institutionen und Sitten artikulieren, welche ihrerseits in einem historischen, sozialen, kulturellen Kontext eingebettet und mithin wandelbar sind. Ein Text über Bildung aus dem Neuhumanismus argumentiert daher aus seiner Entstehungsgeschichte heraus ganz anders, als etwa ein Bildungstext aus dem Nationalsozialismus, was dazu anleiten muss, den entsprechenden Entstehungshintergrund mitzuberücksichtigen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zielvorstellung: Das Kapitel erläutert die Intention der schriftlichen Ausarbeitung, die geisteswissenschaftliche Pädagogik, ihre theoretischen Grundlagen und Kritikpunkte zu skizzieren.
2. Der historisch-soziale Entstehungszusammenhang: Hier wird die Weimarer Republik als Krisenzeit beschrieben, in der die Pädagogik als Mittel zur gesellschaftlichen und nationalen Identitätsstiftung fungierte.
3. Dilthey als Begründer einer Theorie der Geisteswissenschaften: Dieses Kapitel fundiert die GWP in der Philosophie Wilhelm Diltheys und seiner Abgrenzung von den Naturwissenschaften.
3.1 Diltheys Theorie: Es wird dargelegt, wie Geisteswissenschaften als Wissenschaften vom Menschen die geschichtlich-gesellschaftliche Wirklichkeit verstehen.
3.2 Hermeneutik als die Methodik des Verstehens: Dieses Kapitel definiert die Hermeneutik als Kunst der Auslegung und erklärt den hermeneutischen Zirkel als methodisches Instrument.
4. Kritik: Das Kapitel reflektiert die Einwände empirischer und kritischer Erziehungswissenschaftler gegenüber der GWP, insbesondere bezüglich mangelnder Theorie der Gesellschaft und Unschärfe.
5. Bibliographie: Das Verzeichnis listet die verwendeten Primärquellen und die ergänzende Forschungsliteratur auf.
Schlüsselwörter
Geisteswissenschaftliche Pädagogik, Wilhelm Dilthey, Hermeneutik, Erziehungswissenschaft, Sinnverstehen, Lebensphilosophie, hermeneutischer Zirkel, Pädagogik des Verstehens, Weimarer Republik, Bildung, geschichtliche Wirklichkeit, Theorie, Praxis, pädagogischer Bezug.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet eine fundierte Einführung in die geisteswissenschaftliche Pädagogik (GWP), wobei ihre Entstehungsgeschichte, ihre philosophischen Wurzeln bei Wilhelm Dilthey und ihre methodische Ausrichtung im Zentrum stehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Wissenschaftsverständnis von Dilthey, der Entstehungszusammenhang der GWP während der Weimarer Republik, die Bedeutung der Hermeneutik als Methode sowie die Abgrenzung zu anderen erziehungswissenschaftlichen Strömungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, das Verständnis für die hermeneutische Arbeitsweise in der Erziehungswissenschaft zu vertiefen und die theoretischen Hintergründe der GWP transparent zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt als zentrale Methode die hermeneutische Analyse, die darauf ausgerichtet ist, die Bedeutung von Erziehungswirklichkeiten durch Sinnverstehen zu erschließen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erörtert die historische Einbettung der Pädagogik, die theoretische Grundlegung durch Diltheys Lebensphilosophie und die methodologische Anwendung der Hermeneutik, illustriert an praktischen Beispielen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Charakteristische Schlüsselwörter sind unter anderem Geisteswissenschaftliche Pädagogik, Hermeneutik, Sinnverstehen, Wilhelm Dilthey und Erziehungswirklichkeit.
Wie wird das aggressive Verhalten eines Kindes aus Sicht der GWP interpretiert?
Im Gegensatz zu naturwissenschaftlichen Erklärungsmodellen versucht die GWP, das aggressive Verhalten nicht kausal zu erklären, sondern dessen Sinn in einem sozialen Kontext – etwa als Akzeptanzsuche – zu verstehen.
Welche Kritikpunkte führen andere Strömungen gegen die GWP an?
Kritiker monieren vor allem die unscharfe Begrifflichkeit, das Fehlen einer fundierten Theorie der Gesellschaft sowie das Fehlen eines kritischen Instrumentariums zur Analyse und Veränderung bestehender gesellschaftlicher Verhältnisse.
- Arbeit zitieren
- Marcus Erben (Autor:in), 2003, Geisteswissenschaftliche Pädagogik - Entstehungszusammenhang, geistige Verwurzelung, Methodik und Kritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18026