Die Kurzgeschichte 'Die Beerdigung findet in aller Stille statt' ist eine Form des Schaffens von Günter Kunert, dessen Werk laut Manfred Keune wie "eine laufende poetische Beobachtung, Reflexion und Kommentierung unserer Welt und ihren fundamentalen historischen, politischen und menschlichen Problemstellungen" ist.
Wie manifestiert sich die "poetische Beobachtung" Kunerts in dieser Kurzgeschichte? Wie vermittelt der Autor die menschlichen Problemstellungen? Aufschluss darüber soll eine Analyse der spezifischen Erzählperspektive und deren Funktion für die Wahrnehmung und die Betrachtungsweise des Lesers geben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Erzählperspektiven in der Kurzgeschichte ‚Die Beerdigung findet in aller Stille statt’
2.1. Die Perspektive
2.2. Der personale Erzähler
2.3 Der auktoriale Erzähler
3. Schluss
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit analysiert die Erzählperspektiven in Günter Kunerts Kurzgeschichte „Die Beerdigung findet in aller Stille statt“, um deren Funktion für die Wahrnehmung des Lesers und die Entschlüsselung menschlicher Problemstellungen zu demonstrieren. Die zentrale Forschungsfrage untersucht, wie die gezielte Symbiose aus personaler und auktorialer Erzählweise zur moralischen Charakterisierung der Hauptfigur beiträgt.
- Untersuchung der Erzählsituationen (personal vs. auktorial) und deren Wirkung auf die epische Distanz.
- Analyse der sprachlichen Gestaltung als Mittel der Charakterisierung von Konrad Schöngar.
- Deutung der ironischen und kritischen Haltung des auktorialen Erzählers gegenüber den Handlungen der Figuren.
- Erarbeitung des Zusammenspiels von Leser, Erzähler und Erzähltem zur Aufdeckung einer moralischen Pointe.
Auszug aus dem Buch
2.3 Der auktoriale Erzähler
In der Kurzgeschichte ‚Die Beerdigung findet in aller Stille statt’ existiert neben Schöngar, seiner Ehefrau und seiner Geliebten eine weitere Person. Diese Person ist der auktoriale Erzähler: Aber: Dulcinea residiert als Sachbearbeiterin im gleichen Gebäude. Zwar. nie am gleichen Tisch mit ihr zur Mittagszeit in der Kantine, nie gleichzeitig am Pförtner vorbei, weder abends noch morgens. Und: nie nebeneinander bei Betriebsferien. Aber: miteinander telefoniert. Unbedacht, auch wenn man sich verschwörerisch nur mit der Apparatnummer ansprach. Hier 83. Heute abend nicht. Heute abend nach sieben. Heute abend um acht. Hier 11. Hier 83. Bis später. Und trafen einander, armer Konrad, holde Anita, nach zufälliger Begegnung, nach Einleitung, Vorspiel, Prolog des Dramas vor Monden, Honigmonden, in einem Wäschegeschäft, bitte Büstenhalter Größe sieben, in der Öffentlichkeit außerhalb des Amtes niemals mehr wieder. Sektionsleiter Schöngar, ein verpacktes Nachthemd für die noch lebende Gattin unter dem Arm, öffnet Anita höflich die Ladentür: Bitte sehr. Anita kannte Schöngar wie er sie: vom Sehen. Nun wechselte man erste Worte. Sachbearbeiterin in der Wasserstraßenverwaltung, das sei sie, sei es seit zwei Monaten, sei es eine Treppe unter Schöngars abgeschabten Schreibtischfüßen.
Hier gewinnt man den Eindruck, dass eine außenstehende Person über die Geschehnisse zwischen Konrad Schöngar und seiner Geliebten Anita berichtet. Laut Stanzel kann man die „Anwesenheit eines persönlichen, sich in Einmengungen und Kommentaren zum Erzählten kundgebenden Erzählers“ spüren. Die Spuren eines sich distanzierenden auktorialen Erzählers sind in diesem Textabschnitt deutlich hörbar bzw. sichtbar. Zunächst gestaltet sich diese Passage mehr als ein Erzählerbericht als eine Szene, wie sie zumeist in der personalen Erzählsituation vorzufinden ist. Der Erzähler berichtet knapp und zeitraffend die Begebenheiten von mehreren Tagen, die die Phase des Kennenlernens und der fortführenden Verabredungen einschließen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in das Werk von Günter Kunert ein und erläutert das Ziel der Analyse, die spezifische Erzählsituation und deren Wirkung auf die Wahrnehmung des Lesers zu untersuchen.
2. Die Erzählperspektiven in der Kurzgeschichte ‚Die Beerdigung findet in aller Stille statt’: Dieser Abschnitt stellt die theoretischen Grundlagen der Erzählanalyse dar und differenziert zwischen personaler, auktorialer und Ich-Erzählsituation.
2.1. Die Perspektive: Hier werden die theoretischen Voraussetzungen beleuchtet, die notwendig sind, um die Beziehungen zwischen Erzähler, Leser und Erzählung zu bestimmen.
2.2. Der personale Erzähler: Dieser Teil zeigt auf, wie durch die Figurenperspektive und die Verwendung der erlebten Rede eine Unmittelbarkeit erzeugt wird, die Konrad Schöngar als emotionslosen Bürokraten enthüllt.
2.3 Der auktoriale Erzähler: Es wird analysiert, wie der Erzähler durch ironische Kommentare und distanzierte Berichterstattung die moralische Bewertung der Affäre durch den Leser steuert.
3. Schluss: Das Fazit fasst zusammen, wie das Zusammenspiel der Erzählweisen den Leser zur moralischen Wertung herausfordert und die Authentizität der Erzählung festigt.
Schlüsselwörter
Günter Kunert, Kurzgeschichte, Erzählperspektive, personaler Erzähler, auktorialer Erzähler, Erzählanalyse, Konrad Schöngar, Literaturwissenschaft, Epische Distanz, Ironie, Moralische Wertung, Realitätsausschnitt, Figurenperspektive, Erlebte Rede, Fiktionaler Bruch.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der erzähltechnischen Untersuchung der Kurzgeschichte „Die Beerdigung findet in aller Stille statt“ von Günter Kunert unter besonderer Berücksichtigung der eingesetzten Perspektiven.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Analyse konzentriert sich auf das Verhältnis zwischen Erzähler, Leser und der Romanfigur sowie auf die sprachliche Konstituierung von moralischen Werten innerhalb einer fiktionalen Erzählung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Erzählperspektiven dazu beitragen, den Leser in den Erzählprozess einzubinden und ihn zur kritischen Auseinandersetzung mit der Amoralität der Hauptfigur zu bewegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Verfasser nutzt eine literaturwissenschaftliche Erzählanalyse, die durch theoretische Ansätze von Autoren wie Jochen Vogt, Robert Scholes und Karl Franz Stanzel gestützt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des personalen Erzählers, der durch Figurenperspektive Unmittelbarkeit erzeugt, und des auktorialen Erzählers, der durch Ironie und Kommentierung moralische Instanz ausübt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen die personale sowie auktoriale Erzählsituation, die epische Distanz, die erlebte Rede und die moralische Bewertung von Figuren.
Welche Rolle spielt die Figur des Konrad Schöngar für die Erzählweise?
Schöngar dient als Protagonist, dessen Emotionslosigkeit und Bürokratisierung durch den personalen Erzähler offengelegt wird, während der auktoriale Erzähler die moralische Distanz zur Figur etabliert.
Wie beeinflusst die Ironie des auktorialen Erzählers den Leser?
Die Ironie bricht die Fiktionalität auf, distanziert den Leser von Schöngar und zwingt ihn durch das Aufzeigen von moralischen Diskrepanzen zur eigenen Beurteilung des Geschehens.
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- Mag. Medienwissenschaft Holger Koch (Author), 2002, Erzählperspektiven in Günter Kunerts Kurzgeschichte "Die Beerdigung findet in aller Stille statt" - eine Funktionsanalyse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17390