Bereits nachdem Kleists Penthesilea 1808 erschien, sorgte es für Aufruhr unter den Lesern. Besonders Goethe ist viel zitiert, denn seine harmonischen Vorstellungen von Antike werden im Stück nicht erfüllt, die beschriebene Brutalität ent-setzte ihn. Auch die heutige Fachliteratur benutzt Begriffe wie Skandal, Grausamkeit und Orgie , der Rezipient scheint überfordert zu sein. Nachvollziehbar wird dies vor allem in der Vielschichtigkeit des Dramas, die Problematiken wie Gewalt, Sexualität, Geschlechterrollen, Politik und Souveränität im Zusammen-hang aufwirft und diese mit der „Kategorie des Dritten“ zudem übersteigt.
So wie die Figuren im Theaterstück selbst, weiß der Leser mit diesem „Dritten“ kaum etwas anzufangen. Dass es sich hierbei nicht nur um ein drittes Geschlecht handelt, wie es auf den ersten Blick erscheinen könnte, sondern viel tiefgründiger angesetzt wurde, soll im Folgenden analysiert werden. Auch soll geklärt werden, inwiefern diese „Kategorie des Dritten“ möglich und überlebensfähig sein könnte.
2. Über „das Dritte“
Um die Problematik und den Skandal des Dritten zu verstehen, muss in erster Linie geklärt werden, worum es sich dabei überhaupt handelt. Benannt wird es konkret durch Odysseus, der im ersten Auftritt folgende Aussage trifft: „Soviel ich weiß, gibt es in der Natur/ Kraft bloß und ihren Widerstand, nichts Drittes.“ Die Gleichung lautet also:
Kraft + Widerstand = Natur
Natur ≠ Drittes
Der Zustand des Dritten ist demnach nicht natürlich und verstößt gegen die Natur-gesetze. Diese Vorüberlegung muss getroffen werden, um den Konflikt und den daraus resultierenden Umgang mit allem Dritten nachvollziehen zu können.
Nach Oliver Jahraus ist „das Dritte [...] dasjenige, das von einem Schema, das zwischen zwei Seiten unterscheidet, nicht mehr erfaßt [sic!] werden kann!“
Das Dritte ist nicht die Synthese; das Genuine am Dritten ist die Tatsache, daß [sic!] es sowohl das Erste als auch das Zweite gleichermaßen negiert [...]
Im Drama konstituiert sich dies zuerst anhand der Amazonen, die nicht nur die Problematik eines dritten Geschlechts („Zwitterwesen“ ) implizieren, sondern auch eine andere Gesellschaftsform, anders als die der Griechen und Trojaner, aufweisen. Im kriegerischen Konflikt zwischen Trojanern und Griechen stellen sie eine dritte Kraft dar, die im Bezug zum Helenraub keine Position einnehmen...
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Über das Dritte“
- Geschlechterdiskurs
- Die Protagonisten
- Die Kategorie des Paradoxen
- Über die Möglichkeit des Dritten
- Amazonengesetz
- Toleranz
- Über die Unmöglichkeit des Dritten
- Gesetz vs. Gesetz
- Spiel im Spiel
- Individuum vs. Gesetz
- Penthesileas Tod
- Zum Verständnis des Paradoxen
- Gesetz vs. Gesetz
- Resümee
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Das Seminar widmet sich der Analyse von Kleists Penthesilea und untersucht die darin aufgeworfene Problematik des „Dritten“. Die Arbeit beleuchtet die vielschichtigen Kontexte, die Kleist in seinem Werk verknüpft, wie beispielsweise Gewalt, Sexualität, Geschlechterrollen und die Frage der Macht.
- Die Problematik des „Dritten“ als Überschreitung gesellschaftlicher Normen und natürlicher Gesetze.
- Die Amazonen als Beispiel für ein drittes Geschlecht und eine alternative Gesellschaftsform.
- Das Paradox der Protagonisten Penthesilea und Achill, die gleichzeitig den Gesetzen ihrer Welt folgen und diese gleichzeitig überschreiten.
- Die Frage, ob das „Dritte“ möglich und überlebensfähig ist.
- Der Einfluss des „Dritten“ auf die Darstellung von Macht und Gewalt im Drama.
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einleitung stellt die Problematik des Dramas vor und setzt den Rahmen für die Analyse des „Dritten“. Kapitel 2 erläutert den Begriff des „Dritten“ und analysiert seine Bedeutung im Kontext des Geschlechterdiskurses und der Darstellung der Protagonisten Penthesilea und Achill. Kapitel 3 befasst sich mit der Frage, ob das „Dritte“ überhaupt möglich und überlebensfähig sein könnte, während Kapitel 4 die Unmöglichkeit des „Dritten“ im Hinblick auf die Konflikte zwischen individueller Freiheit und den Gesetzen der Gesellschaft beleuchtet.
Schlüsselwörter
Die Arbeit konzentriert sich auf die Begriffe des „Dritten“, Geschlechterdiskurs, Paradox, Naturgesetz, Amazonen, Penthesilea, Achill, Gewalt, Sexualität, Macht und Politik. Insbesondere die Überschreitung gesellschaftlicher Normen und die Frage nach der Überlebensfähigkeit von Andersartigkeit stehen im Mittelpunkt der Analyse.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das "Dritte" in Kleists Penthesilea?
Es bezeichnet eine Kategorie, die über das duale Schema von "Kraft und Widerstand" hinausgeht und gesellschaftliche sowie natürliche Normen (wie Geschlechterrollen) sprengt.
Warum sorgte das Stück 1808 für einen Skandal?
Die extreme Brutalität und die Darstellung von Sexualität und Gewalt verletzten die harmonischen Antike-Vorstellungen der Zeit, insbesondere die von Goethe.
Inwiefern repräsentieren die Amazonen das "Dritte"?
Die Amazonen bilden eine alternative Gesellschaftsform außerhalb der Ordnung von Griechen und Trojanern und werden oft als "Zwitterwesen" jenseits klassischer Geschlechterrollen gesehen.
Ist das "Dritte" laut Kleist überlebensfähig?
Die Arbeit untersucht die Unmöglichkeit des Dritten im Konflikt zwischen individuellem Gesetz (Penthesilea) und dem Gesetz der Gesellschaft, was letztlich zum Tod führt.
Was bedeutet "Kraft + Widerstand = Natur"?
Dies ist eine Formel von Odysseus, die besagt, dass alles, was nicht in dieses duale System passt (das Dritte), gegen die Naturgesetze verstößt.
Welche Rolle spielt das Paradoxon in der Arbeit?
Die Protagonisten Penthesilea und Achill befinden sich in einem paradoxen Zustand, da sie versuchen, ihre individuellen Gefühle mit den unerbittlichen Gesetzen ihrer Welten zu vereinen.
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- Elisabeth Werdermann (Author), 2011, Penthesila - Die Problematik des Dritten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172367