Angst kennt jeder. Jeder hat schon in diversen Situationen seines
Lebens Angst gehabt und sie auch schon mehrfach thematisiert. Diese
Emotion ist schon seit langem Gegenstand der öffentlichen
Kommunikation und sie hat auch in die Psychoanalyse Eingang gefunden.
Doch Angst war nicht immer opportun. Wenn man eine Emotion in der
mittelhochdeutschen Literatur betrachtet, muss man davon ausgehen,
dass sie anders wahrgenommen, geäußert und bewertet wurde. Es ist
nötig, sie als „historische Kategorie“ zu verstehen, „die abhängig ist von den jeweiligen epochenspezifischen sozialen und kulturellen
Gegebenheiten und sich mit deren Veränderungen wandelt.“ Ängste in
der Literatur kommentieren, spiegeln und antizipieren das Geschehen und den Handlungsverlauf und sind ihm inhärent. Diese Emotion wird hier nur selten zerlegt und analysiert, denn sie hat topischen Charakter und tritt in bestimmten Lebenslagen und –krisen auf.
Die grundsätzliche Frage, die ich mir in dieser Arbeit stelle, ist wie die Männlichkeit und somit das Heldenideal im Nibelungenlied über die Angstemotion bzw. über das Fehlen der Angstemotion konstruiert wird.
Zunächst möchte ich die Emotion Angst theoretisch betrachten und
anschließend das Wortfeld angest und seine Synonyme erschließen. Sie
sollen zum besseren Verständnis dienen. Anschließend soll allgemein
dargestellt werden, in welchen Situationen der ideale Held Angst
empfindet oder auch nicht. In diesem Zusammenhang werde ich auf die
Hauptfiguren eingehen und ihr Verhalten interpretieren. Insbesondere soll hier auf Siegfried, Hagen, Gunther, Gernot und Rüdeger eingegangen werden. Außerdem ist es an dieser Stelle auch wichtig darzustellen, wie die Helden ihre Gegner durch Schmähung als Feiglinge diffamieren und sie so zum kämpfen bewegen. Im letzten Teil der Arbeit werde ich auf den Genderaspekt eingehen. Hier soll näher betrachtet werden, wie sich die Helden gegenüber den beiden weiblichen Protagonistinnen verhalten. Ich stelle die These auf, dass die Männer hier Angst vor der starken Frau haben bzw. die Frau als Platzhalter für andere Ängste der Männer eingesetzt wird, um die Männer nicht negativ zu besetzen und das Heldenideal aufrecht zu erhalten. Diesbezüglich soll auf die Entmachtung und Unterwerfung von Brünhild und Kriemhild besonders eingegangen werden.
Inhaltsverzeichnis
- Das ängstliche Gender? Zur Konstruktion des männlichen Helden im Nibelungenlied
- Theoretische Betrachtung der Angstemotion aus moderner Sicht
- Wortfeld angest und Synonyme
- Konstruktion des idealen Helden
- Siegfried Angstfreiheit als Gefahr
- Hagen - Angst vor dem Angstverdacht
- Gunther Die Lizenz zur Angst
- Gernôt - Determiniertheit durch das Schicksal
- Rüdeger Vorbildlicher Held mit Gottvertrauen
- Feinde und Gegner - Provokation durch Schmähung
- Die Angst des Mannes vor der starken Frau?
- Werbung um Brünhilde
- Entmachtung der Frau durch Entziehung des materiellen Besitzes
- Fazit
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Arbeit untersucht, wie das Heldenideal im Nibelungenlied über die Emotion Angst bzw. das Fehlen derselben konstruiert wird. Sie analysiert die Konstruktion des männlichen Helden und seine Reaktion auf Angst in verschiedenen Situationen.
- Theoretische Betrachtung der Angstemotion
- Analyse des Wortfeldes „angest“ und seiner Synonyme
- Untersuchung des idealen Heldenbildes und dessen Verhältnis zur Angst
- Behandlung der Angstthematik bei verschiedenen Heldenfiguren (Siegfried, Hagen, Gunther, Gernot, Rüdeger)
- Analyse des Genderaspekts und der Rolle der Frau im Kontext der Angstemotion
Zusammenfassung der Kapitel
Das erste Kapitel widmet sich der Definition von Angst aus moderner psychologischer Sicht, während Kapitel 2 das Wortfeld „angest“ und seine Synonyme im Kontext der mittelhochdeutschen Literatur beleuchtet. Kapitel 3 untersucht die Konstruktion des idealen Helden im Nibelungenlied und analysiert das Verhalten von Siegfried, Hagen, Gunther, Gernot und Rüdeger in Bezug auf die Angstemotion. Kapitel 4 befasst sich mit der Darstellung von Feinden und Gegnern und deren Provokation durch Schmähung. Schließlich beleuchtet Kapitel 5 den Genderaspekt und analysiert das Verhalten der männlichen Helden gegenüber Brünhild und Kriemhild im Hinblick auf mögliche Ängste vor der starken Frau.
Schlüsselwörter
Die Arbeit konzentriert sich auf die Themen Angstemotion, Heldenideal, Männlichkeit, Nibelungenlied, Gender, Angstbewältigung, starke Frau, Entmachtung, Brünhild, Kriemhild.
Häufig gestellte Fragen
Wie wird Männlichkeit im Nibelungenlied definiert?
Männlichkeit wird primär über Heldenmut, Stärke und die Abwesenheit von Angst in lebensgefährlichen Situationen konstruiert.
Haben die Helden im Nibelungenlied Angst?
Während Siegfried als furchtlos gilt, zeigen Figuren wie Gunther menschliche Schwächen, und Hagen hat vor allem Angst vor dem Verdacht der Feigheit.
Was bedeutet der Genderaspekt bei der Angst im Epos?
Die Arbeit stellt die These auf, dass Männer Angst vor starken Frauen (Brünhild, Kriemhild) haben und diese durch Entmachtung zu kontrollieren suchen.
Warum wird Brünhild entmachtet?
Ihre übermenschliche Kraft bedroht das männliche Heldenideal, weshalb sie durch Unterwerfung und Entzug ihres Besitzes in eine traditionelle Rolle gezwungen wird.
Was ist das Wortfeld „angest“ im Mittelhochdeutschen?
Das Wort "angest" beschreibt im Mittelalter oft eher eine äußere Bedrängnis oder Gefahr als einen rein inneren psychischen Zustand.
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- Veronika Luther (Author), 2009, Das ängstliche Gender?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167277