Nicht nur Evo Morales selbst sah seine Wahl zum ersten Staatsoberhaupt indigener Herkunft in Lateinamerika als historisches Ereignis an, als er im Januar 2006 sein neues Amt als Präsident des mehrheitlich indigenen Bolivien antrat. Auch die internationale Presse überschlug sich mit bewundernden, aber teils auch unsicheren Bemerkungen über den ehemaligen Cocabauern, der selbst bei ausländischen Staatsempfängen seinen Chompa, den typischen Pullover der Andenbewohner, trägt.
Der Aufstieg von Evo Morales und seiner Partei, die eine Art Sammelbecken für indigene und soziale Bewegungen bildet, bedeutet nicht nur die anfangs gern von der Presse übernommene Vorstellung von Gerechtigkeit für die Indigenen nach „500 Jahren Unterdrückung“, oder die Tatsache, dass die Bevölkerungsmehrheit Boliviens zum ersten Mal von „einem der ihren“ vertreten wird. Die indigene Bewegung Boliviens hat einen langen Weg hinter sich, während der sich eine verschwommene Ideologie herausgebildet hat, die jetzt teilweise in die bolivianische Politik übergeht. Auch das Selbstbild der Indigenen hat sich grundlegend gewandelt, sowie die Ausdrucksformen von Widerstand und Zugehörigkeitsgefühle. Man kann deshalb von einer „Zweiten Revolution“ sprechen, nach der nationalen Revolution von 1952.
Diese Arbeit wird zuerst den Aufstieg der indigenen Bewegungen Boliviens im politischen und wirtschaftlichen Kontext beleuchten, um dann auf das „Indigene“ dieser Bewegung einzugehen, indem die Ideologie von Evo Morales und seiner Partei näher beleuchtet wird. Schließlich sollen die Probleme erörtert werden, die eine indigene Protestbewegung erfährt, wenn sie sich tatsächlich an der Macht befindet. Auch wird darauf eingegangen, wie sich die Indigenen Boliviens zu einer Stimme für alle Unterdrückten dieser Welt machen wollen, und wie eine "ethnische" Partei auch in einem "plurinationalen" Staat die Diffusionsbewegungen noch einmal drastisch verstärken kann.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Die Bevölkerungs- und Sozialstruktur Boliviens
- Bevölkerungsaufteilung
- Sozialstruktur und ethnische Identitäten
- Die Entwicklung der indigenen Bewegung
- Die Folgen der Revolution von 1952
- Indigener Nationalismus und Katarismus
- Der Beginn der „Zweiten Revolution Boliviens“
- Der Wasserkrieg von Cochabamba
- Der Aufstieg indigener Parteien
- Der „Movimiento al Socialismo“
- Sozialistische Prägung und Andenkapitalismus
- Anti-Imperialismus
- Coca-Anbau
- Plurinationale Verfassung
- Eine neue, kosmopolitische Indigenität?
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die Arbeit untersucht den Aufstieg von Evo Morales und der indigenen Bewegung Boliviens zur politischen Macht. Sie beleuchtet die Ursachen und Folgen der „Zweiten Revolution“, welche durch den Wahlsieg Morales im Jahr 2006 eingeleitet wurde.
- Die historische und soziale Entwicklung der indigenen Bewegung Boliviens
- Die Rolle des indigenen Nationalismus und Katarismus
- Die politische Ideologie des „Movimiento al Socialismo“
- Die Herausforderungen und Chancen einer indigenen Regierung
- Die Auswirkungen der „Zweiten Revolution“ auf die politische und soziale Landschaft Boliviens
Zusammenfassung der Kapitel
Die Arbeit beginnt mit einer Einführung in die historische und politische Situation Boliviens und stellt die Bedeutung des Wahlsiegs von Evo Morales heraus. Anschließend werden die Bevölkerungs- und Sozialstruktur Boliviens analysiert, wobei die ethnische Heterogenität des Landes hervorgehoben wird. Das dritte Kapitel befasst sich mit der Entwicklung der indigenen Bewegung, ihren Meilensteinen, der Entstehung des indigenen Nationalismus und dem Beginn der „Zweiten Revolution“. Der Aufstieg des „Movimiento al Socialismo“ und die politische Ideologie der Partei werden im vierten Kapitel untersucht. Dabei werden die Themen Sozialismus, Anti-Imperialismus, Coca-Anbau und die plurinationale Verfassung beleuchtet.
Schlüsselwörter
Die Arbeit befasst sich mit den zentralen Themen Indigenität, Politik, Sozialismus, Anti-Imperialismus, Nationalismus, Katarismus, Revolution, Macht, Bewegung, Ethnologie, Bolivien, Evo Morales, Movimiento al Socialismo und Plurinationale Verfassung.
Häufig gestellte Fragen
Was wird als „Boliviens zweite Revolution“ bezeichnet?
Damit ist der politische und soziale Wandel gemeint, der durch den Amtsantritt von Evo Morales, dem ersten indigenen Präsidenten Boliviens, im Jahr 2006 eingeleitet wurde.
Wer ist Evo Morales?
Morales ist ein ehemaliger Cocabauer und Anführer des „Movimiento al Socialismo“ (MAS), der die Interessen der indigenen Bevölkerungsmehrheit vertritt.
Welche Rolle spielt der Coca-Anbau in der bolivianischen Politik?
Der Coca-Anbau ist ein zentrales Thema der MAS-Ideologie, da er als kulturelles Erbe und wirtschaftliche Grundlage der Indigenen verteidigt wird.
Was ist ein „plurinationaler“ Staat?
Ein Staatsmodell, das die Existenz mehrerer Nationen (Völker) innerhalb eines Staatsgebiets anerkennt, wie es in der neuen bolivianischen Verfassung festgeschrieben wurde.
Was war der „Wasserkrieg von Cochabamba“?
Ein entscheidender Protest gegen die Privatisierung der Wasserversorgung, der den Aufstieg der sozialen und indigenen Bewegungen massiv beschleunigte.
Was bedeutet „Katarismus“?
Eine politische Strömung in Bolivien, die indigene Identität mit Klassenkampf verbindet und nach dem Rebellen Túpac Katari benannt ist.
- Citation du texte
- Andreas Keller (Auteur), 2010, Boliviens zweite Revolution, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157892