Als 1998 der erste Erzählband der jungen Berliner Autorin Judith Hermann erschien, übertrafen sich die Kritiker gegenseitig an Lobeshymnen. „Ein fulminantes Debüt, das Anlass gibt zu großer Hoffnung“, schwärmte zum Beispiel Martin Lüdke im Oktober 1998 in der ,Zeit’ . Roman Bucheli von der ,Neuen Züricher Zeitung’ schrieb von einem „unwiderstehlichem Sog“, den die Erzählungen ausüben und pries die „subtile Kunst der ersten Sätze“, die „große Virtuosität“ und die Leichtigkeit der „hochartistischen“ Texte .
Doch der Durchbruch des Erstlings mit dem Titel ,Sommerhaus, später’ folgte erst einen Monat später, als Marcel Reich-Ranicki das Werk im ,literarischen Quartett’ besprach. Er bezeichnete Hermann als hervorragende Autorin und sagte ihr großen Erfolg voraus . Daraufhin stiegen die Verkaufszahlen explosionsartig an und Judith Hermann stürmte die Bestsellerlisten.
Das einzige Bild, das man zu dieser Zeit von der Autorin kannte, war ein Portraitfoto auf dem Umschlag ihres Buches. Es zeigt ein altertümlich wirkendes Madonnengesicht, eigentümlich schön, das melancholisch ins Leere blickt. Das Foto erregte Aufsehen, einerseits wegen dem ungewöhnlichen Aussehen der Autorin, andererseits, weil die Erzählungen und das Bild Judith Hermanns so eng miteinander verknüpft sind . Die Aura dieses Fotos entspricht exakt der Stimmung des Buches. Für die meisten Leser sahen die weiblichen Figuren der Geschichten aus wie die melancholische junge Frau auf dem Umschlag.
Im Folgenden soll untersucht werden, durch welche Mittel das Gefühl der Melancholie im Text erzeugt wird. Dazu wird es nötig sein, zuerst den Begriffsinhalt der Melancholie genau zu definieren. Daraufhin soll der Erzählband ,Sommerhaus, später’ auf sprachlicher, struktureller und inhaltlicher Ebene untersucht werden, um herauszufinden, wie die melancholische Grundstimmung des Buches entsteht.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Erfolgsgeschichte melancholischer Erzählungen von Judith Hermann
2. Melancholie als Grundstimmung in Judith Hermanns Erzählband ,Sommerhaus, später’
2.1 Allgemeiner Teil: Definition der Melancholie
2.1.1 Der Ursprung des Begriffs ,Melancholie’
2.1.2 Historische Ausdifferenzierung des Begriffs
2.1.3 Der englische Begriff ,blues’
2.2 Spezieller Teil: Analyse der Erzählungen
2.2.1 Motto
2.2.2 Sprachstil
2.2.2.1 Wiederholungen
2.2.2.2 Symbolik
2.2.2.3. Wörtliche Rede
2.2.3 Erzählweise
2.2.4 Figuren
2.2.5 Thematik
3. Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht, durch welche sprachlichen, strukturellen und inhaltlichen Mittel Judith Hermann in ihrem Erzählband "Sommerhaus, später" eine melancholische Grundstimmung erzeugt und wie diese die Wirkung der Texte auf den Leser beeinflusst.
- Historische und etymologische Herleitung des Melancholie-Begriffs.
- Analyse des Sprachstils unter besonderer Berücksichtigung von Wiederholungen und Farbsymbolik.
- Untersuchung der Erzählweise und der Kommunikationsstrukturen zwischen den Figuren.
- Interpretation der melancholischen Rückwärtsgewandtheit der Figuren als generationsübergreifendes Phänomen.
Auszug aus dem Buch
2.2.2.1 Wiederholungen
Vor allem im Bereich der Adjektive zeigt sich eine Reduktion auf wenige Wörter. Abgesehen von den Farbbezeichnungen ,blau’, ,rot’ und ,grün’, die später noch gesondert behandelt werden, kann anhand des Adjektivs ,schön’ Judith Hermanns Verfahren besonders gut demonstriert werden. Sie wählt generell sehr undifferenzierte Begriffe, was den vagen Umriss, den der Leser von den Figuren und geschilderten Situationen erhält, unterstützt. Schon in den ersten vier Seiten der ersten Erzählung finden sich „die hohen, schönen Häuser“ , „es klang schön“ , „etwas [...]Schönem“ und „Schönheit“ . In der Erzählung ,Sonja’ urteilt der Protagonist: „sie konnte herrlich sein und schön“, um eine Seite später zu behaupten: „Sie war überhaupt nicht schön. Sie war in diesem allerersten Moment alles andere als schön“. Nahezu alle Frauen-Figuren werden irgendwann als ,schön’ bezeichnet, genauso wie sie alle als mager, müde und rauchend dargestellt werden. Die ständigen Wiederholungen schaffen Kohärenz zwischen den einzelnen Erzählungen und transportieren somit auch ein Stück der Stimmung von einer zur anderen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Erfolgsgeschichte melancholischer Erzählungen von Judith Hermann: Einleitende Darstellung des literarischen Durchbruchs der Autorin und Definition der Forschungsfrage zur Untersuchung der melancholischen Stimmung.
2. Melancholie als Grundstimmung in Judith Hermanns Erzählband ,Sommerhaus, später’: Theoretische Herleitung des Begriffs Melancholie und detaillierte Analyse der Erzählungen auf sprachlicher, struktureller und inhaltlicher Ebene.
2.1 Allgemeiner Teil: Definition der Melancholie: Wissenschaftliche Einordnung des Begriffs Melancholie von der antiken Viersäftelehre bis zur modernen Psychologie und der englischen Entsprechung "blues".
2.1.1 Der Ursprung des Begriffs ,Melancholie’: Erläuterung der etymologischen Wurzeln und der medizinischen Entstehungsgeschichte des Begriffs in der Antike.
2.1.2 Historische Ausdifferenzierung des Begriffs: Darstellung der Begriffsgeschichte vom religiösen Aspekt im Mittelalter bis hin zur Verbindung mit dem Geniekult und dem Erinnern.
2.1.3 Der englische Begriff ,blues’: Analyse der semantischen Nuancen des englischen Begriffs "blues" im Kontext der Melancholie.
2.2 Spezieller Teil: Analyse der Erzählungen: Praktische Anwendung der gewonnenen Erkenntnisse auf das konkrete Werk von Judith Hermann.
2.2.1 Motto: Untersuchung der Bedeutung des vorangestellten Tom-Waits-Zitats für die Stimmung des Buches.
2.2.2 Sprachstil: Analyse der kargen, unprätentiösen Sprache, die als primärer Stimmungsträger fungiert.
2.2.2.1 Wiederholungen: Untersuchung der Reduktion auf wenige Adjektive und die Funktion von Wort- sowie Phrasenwiederholungen für die Kohärenz des Textes.
2.2.2.2 Symbolik: Analyse der Symbolik von Gegenständen, Farben und Witterungen im Kontext der Melancholie.
2.2.2.3. Wörtliche Rede: Untersuchung der Kommunikationsschwierigkeiten der Figuren durch den sparsamen Einsatz wörtlicher Rede.
2.2.3 Erzählweise: Analyse der distanzierten Erzählperspektive und der szenischen Darstellung der Handlung.
2.2.4 Figuren: Charakterisierung der Protagonisten als Melancholiker, die durch Passivität und Unfähigkeit zur Kommunikation geprägt sind.
2.2.5 Thematik: Zusammenfassung der zentralen Thematik, die das bewusste Erleben verpasster Möglichkeiten und den Verlust von Idealen umfasst.
3. Zusammenfassung: Abschließende Synthese der Ergebnisse, die bestätigt, dass die Melancholie durch die Kombination aus kargem Stil, zyklischer Struktur und passiven Figurenkonstellationen generiert wird.
Schlüsselwörter
Judith Hermann, Sommerhaus später, Melancholie, Erzähltheorie, Sprachstil, Literarische Analyse, Generationserfahrung, Symbolik, Identitätsverlust, Kommunikationslosigkeit, Wiederholung, Erinnerung, Postmoderne Literatur, Depression, Passivität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das literarische Debüt von Judith Hermann "Sommerhaus, später" und analysiert, durch welche spezifischen textuellen Mittel die durchgehende melancholische Stimmung des Buches erzeugt wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind die wissenschaftliche Begriffsbestimmung von Melancholie, die Analyse des kargen Sprachstils, die Symbolik der Gegenstände und Wetterverhältnisse sowie die Psychologie der passiven, kommunikationsunfähigen Figuren.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Judith Hermann durch eine bewusste Kombination aus Stilistik, erzählerischer Distanz und thematischer Fokussierung das Gefühl von Wehmut und "Nicht-weiter-kommen" beim Leser evoziert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die sich auf theoretische Begriffsbestimmungen (Psychoanalyse, Philosophie) stützt und diese auf die sprachlichen und inhaltlichen Strukturen der Erzählungen anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst der Begriff "Melancholie" definiert, das Motto interpretiert und anschließend der Sprachstil, die Erzählweise, die Figurenkonstellation und die zentrale Thematik des Erzählbandes detailliert untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den wichtigsten Schlüsselwörtern gehören: Melancholie, Judith Hermann, "Sommerhaus, später", Sprachstil, Symbolik, Identitätsverlust und Generationserfahrung.
Welche Bedeutung hat das Motto für das Werk?
Das Motto aus einem Lied von Tom Waits dient als Selbstbekenntnis zur Melancholie und bereitet den Leser bereits vorab darauf vor, dass es keinen äußeren Grund für die Traurigkeit der Figuren gibt.
Warum spielt die Farbsymbolik eine so wichtige Rolle?
Farben wie Blau, Rot und Grün werden gezielt eingesetzt, wobei insbesondere das "Blau" durch seine englische Entsprechung "blue" (melancholisch) direkt die Stimmung der Erzählungen unterstützt.
Wie kommunizieren die Figuren in den Erzählungen?
Die Kommunikation ist geprägt von einem massiven Scheitern; Figuren kommunizieren oft indirekt über Briefe, Gesten oder bleiben gänzlich stumm, was die allgemeine depressive Stimmung unterstreicht.
Welche Rolle spielt die Vergangenheit für die Figuren?
Die Figuren sind rückwärtsgewandt und in Erinnerungen gefangen. Das ständige Kreisen um ein verlorenes Objekt oder eine verpasste Möglichkeit macht die Unfähigkeit der Charaktere deutlich, in der Gegenwart zu handeln.
- Quote paper
- Franziska Knogl (Author), 2004, Das Motiv der Melancholie in Judith Hermanns Erzählband "Sommerhaus", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157295