„Raum“ ist ein Begriff, der zunächst durch die Architektur definiert ist. Aber auch in der Musik ist von Räumen die Rede. Mitunter sind jeweils vollkommen andere Gebilde und folglich Phänomene gemeint. Ein Musikraum kann ein realer Raum sein, der bestimmte bauliche Eigenschaften aufweist. Es kann sich aber auch um einen Raum handeln, der in der Vorstellung generiert wurde, ein mentaler Raum.
Betrachten wir zunächst den realen Musikraum. Ein Raum kann beispielsweise durch die Verteilung von Klangquellen konzipiert werden beziehungsweise können akustische und architektonische Gegebenheiten in Bezug gestellt werden. Eine andere Interpretation meint die akustische Simulation bis hin zur artifiziellen Erschaffung einer Raumsituation. Und natürlich, als letztes, wird die Akustik (die physikalische Eigenschaft von Schall) bei der Bauplanung, also bei der Realisierung von realen Räumen berücksichtigt. Die andere Art von Musikräumen bezeichnet jene, die nur geistig existieren – Gefühlsräume. Sie können beim Hören von Musik entstehen, oder auch im Kopf des Komponisten, der ein Stück erdenkt.
Das Nachdenken über die mentale Komponente von Musikräumen kann erst aufkommen mit der Aufgabe der Tonalität Anfang des 20. Jahrhunderts. Edgard Varèse (1883-1965) ist einer der Protagonisten jener Tage der anfänglich durch die Lektüre Helmholtz’ Die Lehre von den Tonempfindungen als physiologische Grundlage für die Theorie der Musik zu Experimenten mit Sirenen inspiriert ist: „Bei Varèse hatten sie einer seiner wichtigsten Ideen, nämlich dass Musik nicht eine untergeordnete Reihe von Noten sei (…), sondern im Raum schwingende Materie. Mit zwei kleinen Handsirenen, die er auf dem Flohmarkt in Paris gekauft hatte, machte er selber solche Versuche und erzeugte damit ein wunderschönes (…) parabolisches und hyperbolisches Klanggeschehen, das ihm Phänomenen im visuellen Raum vergleichbar erschienen.“
Inhaltsverzeichnis
- 1 Einleitung
- 2 Edgard Varèse - Ein biografischer Überblick
- 3 Varèses Forderung: Die Befreiung des Klangs
- 4 Das Poème électronique - Musik ist Zeit und Raum, wie die Architektur
- 5 Resumee
- 6 Literatur
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Der Text untersucht das Konzept von Raum in der Musik, insbesondere im Werk von Edgard Varèse. Dabei werden die verschiedenen Dimensionen von Musikräumen beleuchtet, sowohl reale als auch mentale. Im Zentrum steht Varèses Forderung nach einer Befreiung des Klangs von traditionellen musikalischen Strukturen und die Suche nach neuen, elektronischen Möglichkeiten.
- Die verschiedenen Interpretationen von "Raum" in der Musik
- Varèses Einfluss durch Helmholtz' "Die Lehre von den Tonempfindungen"
- Die Verbindung von Musik und Architektur im "Poème électronique"
- Varèses innovative Herangehensweise an elektronische Musik
- Die Bedeutung von Raum und Klang in der Musik des 20. Jahrhunderts
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung
Dieses Kapitel führt den Leser in das Thema "Raum" in der Musik ein. Es definiert die verschiedenen Bedeutungen des Begriffs und skizziert die Unterscheidung zwischen realen und mentalen Musikräumen. Außerdem wird auf die Bedeutung der Tonalität und die Entstehung neuer musikalischer Konzepte im 20. Jahrhundert eingegangen.
2 Edgard Varèse - Ein biografischer Überblick
Dieses Kapitel bietet einen Überblick über das Leben und Werk von Edgard Varèse. Es beschreibt seine musikalische Entwicklung, seine frühen Werke und seine Suche nach neuen Klangmöglichkeiten. Es beleuchtet auch seine Rolle bei der Entwicklung der elektronischen Musik und seine Auseinandersetzung mit den technischen Möglichkeiten des 20. Jahrhunderts.
3 Varèses Forderung: Die Befreiung des Klangs
Dieses Kapitel beschäftigt sich mit Varèses Forderung nach einer Befreiung des Klangs von traditionellen musikalischen Strukturen. Es analysiert die Beschränkungen klassischer Instrumente und die Notwendigkeit, neue Klangmöglichkeiten zu erschließen. Varèses visionäre Ideen über die Zukunft der Musik werden in diesem Kapitel im Detail beleuchtet.
4 Das Poème électronique - Musik ist Zeit und Raum, wie die Architektur
Dieses Kapitel analysiert Varèses musikalische Komposition für den Philips-Pavillon auf der Weltausstellung 1958 in Brüssel. Es untersucht die Zusammenarbeit zwischen Varèse, Le Corbusier und Iannis Xenakis und die Verbindung von Architektur, Licht, Film und Musik. Außerdem werden die innovativen Klangtechniken und die räumliche Komposition des "Poème électronique" erläutert.
Schlüsselwörter
Die zentralen Begriffe des Textes sind Raum, Klang, Musik, Architektur, Edgard Varèse, elektronische Musik, "Poème électronique", Tonalität, Helmholtz, Le Corbusier und Iannis Xenakis. Der Text untersucht die Verbindung von Raum und Klang, insbesondere im Werk von Varèse, und analysiert seine innovative Herangehensweise an die Möglichkeiten elektronischer Musik.
Häufig gestellte Fragen
Wer war Edgard Varèse und was war sein Ziel?
Edgard Varèse war ein visionärer Komponist des 20. Jahrhunderts, der die „Befreiung des Klangs“ forderte. Er wollte Musik von traditionellen Strukturen lösen und Klänge als schwingende Materie im Raum begreifen.
Was ist das Besondere am „Poème électronique“?
Es ist eines der ersten großen Werke elektronischer Musik, das für den Philips-Pavillon auf der Weltausstellung 1958 in Brüssel komponiert wurde. Es verband Architektur, Licht, Film und räumlichen Klang zu einem Gesamtkunstwerk.
Wie hängen Musik und Architektur bei Varèse zusammen?
Varèse verstand Musik als Zeit und Raum. Für das „Poème électronique“ arbeitete er eng mit Le Corbusier und Iannis Xenakis zusammen, um den Klang direkt in die architektonische Struktur des Pavillons zu integrieren.
Was ist der Unterschied zwischen realem und mentalem Musikraum?
Ein realer Musikraum ist ein physisches Gebäude mit akustischen Eigenschaften. Ein mentaler Musikraum (Gefühlsraum) existiert nur in der Vorstellung des Komponisten oder Hörers.
Welchen Einfluss hatte Hermann von Helmholtz auf Varèse?
Varèse wurde durch Helmholtz’ Werk „Die Lehre von den Tonempfindungen“ zu Experimenten mit Sirenen inspiriert, was seine Idee von Musik als kontinuierlichem Klanggeschehen im Raum festigte.
Warum experimentierte Varèse mit Sirenen?
Sirenen ermöglichten es ihm, parabolische und hyperbolische Klangverläufe zu erzeugen, die mit herkömmlichen Instrumenten nicht möglich waren, und so die Grenzen der Tonalität zu überschreiten.
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- Alexandra Wolf (Author), 2010, "Poème eléctronique". Über Edgard Varèse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/156129