„Wir stehen selbstverständlich zu der Regierung Hitler in der schärfsten Opposition, viel schärfer als zu der Regierung Papen und Schleicher“. Dieses Zitat des damaligen SPD-Vorstandsmitglieds Rudolf Breitscheid schildert die sozialdemokratische Reaktion auf die tags zuvor stattgefundene Ernennung Adolf Hitlers zum Kanzler durch Reichpräsident Hindenburg. Es entstammt einer vor dem Parteiausschuss gehaltenen Rede, die noch am selben Abend in etwas entschärfter Form in der Parteizeitung „Vorwärts“ veröffentlicht wurde.
Im Zentrum der vorliegenden Proseminararbeit steht die Frage, wie das Agieren der SPD-Führung in der ersten Phase der „Machtergreifung“ der NSDAP bis zu den Reichstagswahlen vom 5. März 1933 zu beurteilen ist: Welche Momente im Reichstagswahlkampf der Arbeiterpartei deuten also auf eine Art von Widerstand gegen das Kabinett um Hitler, Franz von Papen (Zentrum) und Alfred Hugenberg (DNVP) hin, wo lässt sich eher eine Haltung der Anpassung an die rasch um sich greifende NS-Repression feststellen, und wie ist der sozialdemokratische Kurs am Beginn der sich errichtenden nationalsozialistischen Diktatur insgesamt einzuordnen.
Zunächst bildet die unmittelbare „freie“ Reaktion der Parteispitze auf die Vereidigung des Hitler-Kabinetts am 30. Januar 1933 einen Schwerpunkt der Arbeit, da bereits mit dem 3. Februar eine nationalsozialistische Welle von Verboten und Notverordnungen nach Art. 48 Abs. 2 der Weimarer Reichsverfassung, gepaart mit einer Vielzahl an Terrorakten der SA, einsetzte, die den Aktionsradius der Arbeiterpartei im Wahlkampf zunehmend einschränkte. Im Bezug auf einzelne einschneidende, staatliche Maßnahmen, insbesondere die Reichstagsbrandverordnung vom 28. Februar, soll untersucht werden, inwieweit innerhalb der Partei der Wille zu aktivem Widerstand noch bestand. Anschließend wird die Bedeutung des Reichstagswahlergebnisses vom 5. März für die sozialdemokratische Entwicklung erörtert, bevor die Resultate dieser Hausarbeit im letzten Kapitel kurz zusammengefasst werden. Die Hauptliteratur, die für diese Proseminararbeit herangezogen wurde, sind Darstellungen von Lewis Joachim Edinger, Erich Matthias, Detlef Lehnert und Bärbel Hebel-Kunze.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Reaktion der SPD-Führung auf die Berufung Hitlers
2.1 „Bereit sein ist alles!“ - Die Rede Rudolf Breitscheids im Parteiausschuss
2.2 Parteiaufruf vom 2. Februar 1933
3. Taktieren der Parteispitze im Zuge der entstehenden NS-Repression
3.1 Die Reichstagsbrandverordnung als entscheidende Zäsur
4. Reichstagswahl vom 5. März 1933
5. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Handeln der SPD-Führung in der ersten Phase der nationalsozialistischen Machtergreifung. Im Fokus steht dabei die Frage, inwieweit die Parteispitze gegenüber dem wachsenden Druck und der Repression des Hitler-Regimes Widerstand leistete oder durch eine Politik der Anpassung und Legalitätsillusionen den Übergang in die Diktatur begünstigte.
- Reaktion der SPD auf die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler
- Die Rolle der „Eisernen Front“ und der innerparteiliche Konflikt zwischen Aktivismus und Zurückhaltung
- Auswirkungen staatlicher Repressionsmaßnahmen und Notverordnungen auf die SPD
- Interpretation des Reichstagswahlergebnisses vom 5. März 1933 durch die Parteiführung
Auszug aus dem Buch
3. Taktieren der Parteispitze im Zuge der entstehenden NS-Repression
Aufgrund des sozialdemokratischen Wahlaufrufs wurden einen Tag später der „Vorwärts“ und alle dazugehörigen Kopfblätter in Preußen auf vier Tage verboten. Kurz zuvor hatte der „Völkische Beobachter“, das Sprachrohr der NSDAP, viel sagend geunkt, dass dem „Vorwärts“ seine Sprache vermutlich nicht mehr lange gut tun werde. Am 4. Februar 1933 trat die „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des deutschen Volkes“ nach Art. 48 Abs. 2 der Weimarer Reichsverfassung in Kraft, die bereits ein wesentliches Repressionsinstrument im Hinblick auf Presse- und Versammlungsfreiheit darstellte. So legitimierte § 9 das Verbot von Tageszeitungen auf bis zu vier Wochen bzw. beim dritten Verbot innerhalb von drei Monaten auf bis zu sechs Monate, während die Paragraphen 1-6 die Realisierung von Versammlungen und Demonstrationen stark einschränkten. Diese Notverordnung trat eine deutschlandweite Verbotswelle über die sozialdemokratische Presse los, die auch vor den Provinzblättern nicht Halt machte.
Trotz dieser massiven Beschneidung verfassungsmäßiger Grundrechte und der Worte Breitscheids über den entscheidenden Moment des Verfassungsbruchs sah sich die Parteispitze nicht dazu veranlasst, der Anhängerschaft, die ihren Widerstandswillen durch punktuelle Demonstrationen weiter bezeugte, konkrete Protestanweisungen mitzuteilen. Wie Hebel-Kunze schlussfolgert, habe keiner der sozialdemokratischen Funktionäre erkannt, dass es angesichts der pseudolegalen Notverordnungspraxis kaum möglich gewesen sei, außerparlamentarische Aktionen mit einem Verfassungsbruch zu rechtfertigen. Dem ist jedoch zumindest entgegenzusetzen, dass die Sozialdemokraten die Vorgehensweise des Kabinetts für verfassungswidrig erklärten, als der Erlass zur „Wiederherstellung normaler Regierungsbedingungen in Preußen“ ihnen am 6. Februar die letzten dort verbliebenen Machtbefugnisse nahm.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Fragestellung nach dem Verhalten der SPD-Führung gegenüber der beginnenden NS-Diktatur im Zeitraum vom 30. Januar bis zum 5. März 1933 vor.
2. Reaktion der SPD-Führung auf die Berufung Hitlers: Das Kapitel analysiert die abwartende Haltung der Parteiführung und den internen Konflikt zwischen dem Wunsch nach außerparlamentarischem Widerstand und dem Festhalten an der Verfassung.
2.1 „Bereit sein ist alles!“ - Die Rede Rudolf Breitscheids im Parteiausschuss: Hier wird die Rede Breitscheids untersucht, in der er die Parteibasis zur Disziplin aufrief und aktiven Widerstand zunächst ablehnte.
2.2 Parteiaufruf vom 2. Februar 1933: Dieser Abschnitt behandelt den Wahlaufruf der SPD, der eine Kombination aus verbaler Schärfe und dem Festhalten an parlamentarischen Wegen darstellte.
3. Taktieren der Parteispitze im Zuge der entstehenden NS-Repression: Das Kapitel beschreibt den Umgang der SPD mit staatlichen Verboten und der Terrorwelle durch die SA, bei der die Partei zunehmend in die Defensive geriet.
3.1 Die Reichstagsbrandverordnung als entscheidende Zäsur: Hier wird der Einfluss der Reichstagsbrandverordnung auf die weitere Unterdrückung der SPD und das Schwinden der Hoffnung auf einen legalen Fortbestand der Partei thematisiert.
4. Reichstagswahl vom 5. März 1933: Dieses Kapitel betrachtet die Auswirkungen des Wahlkampfs und die unterschiedlichen Interpretationen des Wahlergebnisses durch die Sozialdemokratie.
5. Fazit: Das Fazit resümiert das Handeln der SPD-Führung und kommt zu dem Schluss, dass die Partei an legalistischen Illusionen festhielt, anstatt den aktiven Widerstand gegen die NS-Diktatur zu organisieren.
Schlüsselwörter
SPD, Nationalsozialismus, Machtergreifung, Rudolf Breitscheid, Eiserne Front, Weimarer Reichsverfassung, Reichstagsbrand, NS-Repression, Wahlkampf 1933, Parlamentarismus, Widerstand, Legalitätsillusionen, Reichspräsident, Faschismus, Arbeiterpartei.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht das Agieren und den politischen Kurs der SPD-Führung zwischen der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Januar 1933 und den Reichstagswahlen im März 1933.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Reaktionen der Partei auf die nationalsozialistische „Machtergreifung“, der Umgang mit staatlicher Repression, die Rolle der Eisernen Front sowie die Wahlkampfstrategie der Sozialdemokratie.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, wie das Agieren der SPD-Führung in dieser frühen Phase der Diktatur zu bewerten ist und ob Anzeichen für Widerstand oder eine Haltung der Anpassung überwogen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine Proseminararbeit, die auf einer fundierten Auswertung von Sekundärliteratur und historischen Quellen basiert, um die strategischen Entscheidungen der SPD nachzuvollziehen.
Was behandelt der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil analysiert die internen Debatten innerhalb der SPD, die Auswirkungen der Notverordnungen und des SA-Terrors sowie die verhängnisvolle Fehlinterpretation des Wahlergebnisses vom 5. März.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem die „Machtergreifung“, der „Verfassungsbruch“, „Legalitätsillusionen“ und die „Eiserne Front“ als Organisation des außerparlamentarischen Widerstandswillens.
Wie reagierte die SPD konkret auf den Reichstagsbrand?
Der Parteivorstand wies die Anschuldigungen der Mittäterschaft entrüstet zurück und erklärte die Maßnahmen der Regierung für verfassungswidrig, sah sich jedoch nicht zu einer aktiven Auflehnung imstande.
Warum blieb der erwartete Widerstand der SPD aus?
Die Parteiführung war auf einen aktiven Widerstand nicht vorbereitet und sah in der Kanzlerschaft Hitlers – trotz der Repression – nicht genug Anlass für einen gewaltsamen Umsturz, da sie weiterhin auf Rechtsstaatlichkeit hoffte.
Welchen Einfluss hatte das Wahlergebnis vom 5. März auf die SPD?
Das relativ konstante Wahlergebnis von 18,3 % bestärkte weite Teile der Parteiführung in ihrer Überzeugung, dass der Parlamentarismus fortbestehen würde, was zu einer gefährlichen Fehleinschätzung der Lage führte.
- Arbeit zitieren
- Johann-Christoph Glöckner (Autor:in), 2010, Anpassung oder Widerstand? - Politischer Kurs der SPD in der ersten Phase der "Machtergeifung" bis zur Reichstagswahl am 5. März 1933, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151303