Die Finanzkrise, die im Jahr 2007 mit einer Immobilienkrise in den Vereinigten Staaten von Amerika begann, erreicht die Europäische Union in immer stärkerem Ausmaß. Am 9. April 2010 stufte die Ratingagentur Fitch die Kreditwürdigkeit Griechenlands auf BBB- herab und stellte Kredite an das Mitglied der Eurozone damit nahezu auf eine Stufe mit spekulativen Anlagen. Einem kurz darauf präsentierten gemeinsamen Rettungsplan gingen zweimonatige Verhandlungen voraus, in denen sich viele Stimmen insbesondere aus der deutschen Politik kritisch gegenüber zusätzlichen finanziellen Hilfen äußerten. Deutschland, so der ehemalige Bundesaußenminister Joschka Fischer, ziehe sich immer mehr als der Motor der europäischen Integration zurück und verfolge zunehmend seine engeren nationalen Interessen. Ohne diesen „Integrationsmotor“ seien jedoch eine fortschreitende Renationalisierung der Europäischen Union und damit ein „schwacher Staatenbund“ unvermeidlich. Der institutionell geschaffene Rahmen des Lissabonner Vertrages werde ohne Kooperationsbereitschaft „so unnötig wie ein Kropf.“ Besteht Anlass, diese Befürchtungen eines Scheiterns des europäischen Integrationsprozesses zu teilen? In der Tat scheinen seit Beginn der Finanzkrise zahlreiche Beispiele nationaler Alleingänge diese These zu bekräftigen. Andererseits hat sich den immer wiederkehrenden Renationalisierungsphänomenen zum trotz der Integrationsprozess der Europäischen Union in den beiden vergangenen Jahrzehnten stetig fortgesetzt. Folglich ist es interessant zu untersuchen, inwiefern einzelstaatliche Bestrebungen innerhalb der Europäischen Union wiederkehrende Reaktionen auf wirtschaftliche Krisensituationen darstellen und welche Auswirkungen diese Handlungsweisen auf Dauer und Ausmaß der bestehenden Probleme haben. Exemplarisch dafür kann die Krisenphase der EU von 1973 bis 1986 angesehen werden, die „Eurosklerose.“ Dieser Begriff steht sinnbildlich für eine Verhärtung der Strukturen und politischen Entscheidungsfähigkeit der Europäischen Union zur damaligen Zeit und wurde vom deutschen Volkswirt Herbert Giersch geprägt. Aufgrund der mit diesem Begriff verbundenen negativen Assoziationen, findet er jedoch bis in die Gegenwart Verwendung als Ausdruck festgefahrener EU-Strukturen, die der Situation bis zum Beschluss der Einheitlichen Europäischen Akte 1986 in mehr oder minder großem Maße ähneln.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. „Eurosklerose“ von 1973 bis 1986
2.1. Ursachen und Folgen der Eurosklerose
2.2. Erste Lösungsstrategien
2.3. Die Einheitliche Europäische Akte als Ausweg aus der Eurosklerose
3. Die gegenwärtiger EU-Politik im Licht der Eurosklerose
4. Die EU seit der Finanzkrise – droht eine „Eurosklerose 2.0“?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den europäischen Integrationsprozess während der Krisenphase von 1973 bis 1986, um die historischen Ursachen und Lösungsstrategien der sogenannten „Eurosklerose“ zu analysieren und deren Übertragbarkeit auf die aktuellen Herausforderungen der Europäischen Union infolge der Finanzkrise ab 2007 zu bewerten.
- Analyse der Eurosklerose als Phase stagnierender Integration
- Untersuchung der Rolle nationaler Alleingänge und wirtschaftlicher Krisen
- Evaluation der Einheitlichen Europäischen Akte als institutioneller Wendepunkt
- Vergleich der historischen Krisensituation mit aktuellen Problemfeldern der EU
- Beurteilung des Potenzials der EU-Institutionen zur Bewältigung heutiger Krisen
Auszug aus dem Buch
2.1. Ursachen und Folgen der Eurosklerose
Seit ihrer Gründung im Jahr 1957 hatte die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft zusammen mit dem fortschreitenden Integrationsprozess ein starkes wirtschaftliches Wachstum erfahren. Eine Vielzahl in- und externer Faktoren wirkte sich ab Beginn der 70er-Jahre jedoch negativ auf die europäische Wirtschaft aus. Hervorzuheben ist dabei der Zusammenbruch des Bretton Woods-Systems, das seit 1946 ein internationales System fester Wechselkurse darstellte. Dabei war ein fester, eintauschbarer Gold- Dollarstandard festgelegt worden, der sich allerdings auf Grund sinkender US-amerikanischer Goldreserven und steigender militärischer Ausgaben durch den Vietnamkrieg auf absehbare Zeit nicht mehr garantieren ließ.
Als endgültiger Zusammenbruch von Bretton Woods werden im wissenschaftlichen Diskurs verschiedene Zeitpunkte angenommen. Sowohl die Auflösung des US-Goldpools im März 1968 als auch die Aufhebung der formalen Einlösungspflicht für den Dollar in Gold durch US-Präsident Richard Nixon am 15. August 1971 bildeten einschneidende Punkte in der weltweiten Fiskalpolitik. Spätestens mit dem 1. März 1973 kann das Bretton Woods-System als gescheitert angesehen werden, da nun auch eine Vielzahl europäischer Länder auf Grund des entstandenen wirtschaftlichen Drucks dem US-amerikanischen Beispiel folgten und zum „Floaten“, also zu flexiblen, nicht fest an materielle Reserven gebundenen Wechselkursen, übergingen. Diese „freien Wechselkurse“ wurden insbesondere in der zeitgenössischen deutschen Politik expressis verbis abgelehnt, wirtschaftspolitisch aber bereits als unvermeidbar angesehen. Diese ökonomischen Gegebenheiten erschwerten die innereuropäische finanzpolitische Zusammenarbeit der sechs Gründungsmitglieder, die sich zwar 1972 auf eine maximale Fluktuation von 2,5% des Wechselkurses einigen konnten, durch die realpolitischen Gegebenheiten jedoch zu wiederholten Anpassungen ihrer fiskalpolitischen Strategie gezwungen waren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Thematik der europäischen Finanzkrise ein und hinterfragt, ob nationale Alleingänge den europäischen Integrationsprozess gefährden.
2. „Eurosklerose“ von 1973 bis 1986: Dieses Kapitel analysiert die stagnierende Integrationsphase der 70er und 80er Jahre, deren Ursachen sowie die Ansätze zur Überwindung durch institutionelle Reformen wie die Einheitliche Europäische Akte.
3. Die gegenwärtiger EU-Politik im Licht der Eurosklerose: Hier wird der aktuelle Handlungsbedarf in der EU-Politik infolge der Finanzkrise vor dem Hintergrund historischer Lehren untersucht.
4. Die EU seit der Finanzkrise – droht eine „Eurosklerose 2.0“?: Das Fazit bewertet die institutionelle Handlungsfähigkeit der heutigen EU unter den neuen Verträgen und diskutiert das Potenzial neuer politischer Ämter für eine zukünftige Integration.
Schlüsselwörter
Eurosklerose, Europäische Integration, Finanzkrise, Renationalisierung, Bretton Woods, Einheitliche Europäische Akte, Binnenmarkt, Lissabonner Vertrag, institutionelle Reformen, Europäische Union, wirtschaftliche Stagnation, Protektionismus, EU-Rat, Währungspolitik, Krisenmanagement.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Phänomen der „Eurosklerose“ der 1970er und 1980er Jahre und prüft, ob die aktuellen Probleme der Europäischen Union seit der Finanzkrise 2007 eine vergleichbare Entwicklung widerspiegeln.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind der europäische Integrationsprozess, die wirtschaftlichen Auswirkungen internationaler Krisen auf die EU sowie der Einfluss institutioneller Reformen auf die Handlungsfähigkeit der Gemeinschaft.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel besteht darin, aus den historischen Lösungsstrategien der Ära 1973–1986 Erkenntnisse für die Bewältigung der aktuellen, durch die Finanzkrise ausgelösten EU-Krisen zu gewinnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine politikwissenschaftliche Analyse, die historische Literatur sowie aktuelle Berichte und Analysen zur europäischen Wirtschaftspolitik vergleichend auswertet.
Welche inhaltlichen Aspekte stehen im Hauptteil im Fokus?
Im Hauptteil werden zunächst die Ursachen und Folgen der Eurosklerose sowie die Gegenmaßnahmen (wie die EEA) behandelt. Anschließend wird die Übertragbarkeit dieser Erkenntnisse auf die aktuelle Lage nach 2007 untersucht.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Eurosklerose, Renationalisierung, Binnenmarkt und institutioneller Wandel charakterisiert.
Warum spielt der „Britenrabatt“ eine Rolle in der Argumentation?
Das Fallbeispiel des Britenrabatts wird genutzt, um zu verdeutlichen, dass eine nationale Krisenpolitik zwar den Integrationsprozess zeitweise lähmen kann, aber unter supranationaler Kontrolle auch Kompromisslösungen hervorbringen kann.
Welche Rolle spielen die neuen EU-Ämter bei der Krisenbewältigung?
Der Autor argumentiert, dass die Ämter des Präsidenten des Europäischen Rates und des Hohen Vertreters für Außen- und Sicherheitspolitik das Potenzial besitzen, die notwendige integrationsfördernde Zusammenarbeit auch in Krisenzeiten gezielt zu steuern.
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- Peer Klüßendorf (Author), 2010, „Eurosklerose“ in politischen Krisenzeiten?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150723