Sokrates: das Urbild des Philosophen. Mit seiner Überleitung „in das rationale Denken der Philosophie“ kann er zu Recht als Begründer der Moderne und der mit ihr verbundenen abendländischen Philosophie bezeichnet werden. Legendär ist nicht nur die Lehre seines Nichtwissens („ich weiß, daß ich nichts weiß“) sondern auch sein spektakulärer Prozeß im Jahre 399 vor Christus mit der Verurteilung zum Tode durch den Schierlingsbecher.
Mit diesem Prozeß will sich die hier vorliegende Arbeit befassen. Dabei sollen weniger historische Fakten als der Philosoph Sokrates im Mittelpunkt stehen.
Da von Sokrates selbst keine niedergeschriebene Lehre existiert, ist man auf die Zeugnisse seiner Zeitgenossen angewiesen, will man sich der Person Sokrates und seiner Philosophie nähern. Diese Arbeit wird dabei auf Platons „Apologie des Sokrates“ und Xenophons „Erinnerungen an Sokrates“ zurückgreifen. Diese beiden Dokumente sind als Antwort der Sokrates-Verehrer auf die um das Jahr 392 vor Christus erschienene Pamphlete des Redners und Politikers Polykrates anzusehen. Mit dieser als einer von Anytos vorgebrachten Anklagerede fingierten Polemik sollte gegen den wachsenden Einfluß der Sokrates’ Schüler vorgegangen werden. Diese machten ihren Widerspruch durch Werke wie Platons „Apologie“ und Xenophons „Erinnerungen“ deutlich. Bei der Analyse der Dokumente von Platon und Xenophon muß immer im Blick behalten werden, daß keine dieser Sokrates-Darstellungen mit dem historischen Sokrates identifiziert werden darf: viel zu unterschiedlich fallen die verschiedenen Berichte über Sokrates aus. Vor allem bei Platon bleibt ungewiß, inwieweit dieser seinem Lehrer und Vorbild Sokrates seine eigene Lehre in den Mund gelegt hat. Bei dem Schiftsteller und Historiker Xenophon ist deshalb eine größere Historizität zu vermuten, andererseits ist relativ sicher, daß er sich Werke anderer Sokrates-Autoren zum Vorbild genommen hat, gerade da er selbst zur Zeit des Prozesses gegen Sokrates nicht in Athen zugegen gewesen ist.
Ziel dieser Arbeit wird es sein, ein Bild des Philosophen Sokrates bezüglich seines Prozesses zu zeichnen. Die Darstellung Platons durch Sokrates’ Reden vor dem Gerichtshof sowie die Beurteilung der Anklage durch Xenophon bilden dabei den Schwerpunkt. Als Ergänzungen sollen eine Präsentation des historischen Rahmens und ein Vergleich der platonischen und xenophontischen Schilderungen dienen.
Inhaltsverzeichnis
1 VORWORT
2 DER PROZEß GEGEN SOKRATES – DER HISTORISCHE RAHMEN
3 PLATONS „APOLOGIE DES SOKRATES“
3.1 SOKRATES’ VERTEIDIGUNGSREDE
3.1.1 Verteidigungsstrategie
3.1.2 Tätigkeit als Philosoph
3.1.3 Verderbender Jugend
3.1.4 Gottesleugnung und Daimonion
3.2 SOKRATES VORSCHLAG ZUM STRAFMAß
3.2.1 Vorschläge zum Strafmaß
3.2.2 Todesauffassung
3.2.3 Philosophische Tätigkeit
3.3 SOKRATES REDE NACH SEINER VERURTEILUNG ZUM TODE
3.3.1 Überzeugungen zur Gerechtigkeit
3.3.2 Überlegungen zum Tod
4 XENOPHONS „ERINNERUNGEN AN SOKRATES“
4.1 BEURTEILUNG DER ANKLAGE GEGEN SOKRATES
4.1.1 Anklage der Asebie
4.1.2 Anklage wegen Verderbens der Jugend
4.2 DARSTELLUNG DES SOKRATES IM RAHMEN SEINES PROZESSES
5 VERGLEICH
6 SCHLUßBEMERKUNG
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, das Bild des Philosophen Sokrates im Kontext seines historischen Prozesses anhand der Schriften von Platon und Xenophon zu zeichnen, wobei der Fokus auf der Interpretation der Gerechtigkeit und der philosophischen Tätigkeit des Sokrates liegt.
- Historischer Rahmen des Prozesses gegen Sokrates
- Analyse der platonischen Apologie und der xenophontischen Erinnerungen
- Sokratisches Verständnis von Gerechtigkeit und philosophischer Mission
- Religiosität und das Daimonion im Spiegel der Anklagepunkte
- Vergleich der unterschiedlichen Darstellungsweisen und Zielsetzungen der Autoren
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Verteidigungsstrategie
Zweimal (am Beginn und am Ende) erklärt Sokrates explizit seine Art der Verteidigung. Dabei wird deutlich, daß es Sokrates darum geht, die Wahrheit zu sprechen, um seine Richter mit Argumenten und Beweisen von seiner Unschuld zu überzeugen.
Zu Beginn seiner Verteidigungsrede spricht Sokrates seine Bewunderung für die Sprache der Ankläger aus, merkt aber an, daß diese „schönen“ Worte nicht der Wahrheit entsprochen hätten. Demgegenüber stellt er die Sprache seiner eigenen Rede, die in „unausgesuchten Ausdrücken“ bestehen würde, dafür aber die Wahrheit enthalten würde. Aufgrund seiner Fremdheit und Unerfahrenheit mit der Gerichtssprache - insbesondere da er zum ersten Male vor Gericht steht - benutzt Sokrates die normale Alltagssprache.
Hier zeigt sich mir der für Sokrates übliche Kontrast von Schein und Sein: Äußerlichkeiten spielen für Sokrates keine entscheidende Rolle, viel wichtiger ist der Inhalt. Seinem häßlichen Aussehen entspricht damit auch seine gewöhnliche – für das Gericht unübliche – Sprache. Mit seinem guten Innern korrespondiert der wahre Inhalt seiner Rede. Die formal-schöne Rede seiner Ankläger dagegen kann nicht über ihre inhaltliche Unwahrheit hinwegtäuschen.
Am Ende seiner Verteidigungsrede kommt Sokrates wiederum auf die Art seiner Verteidigung zurück. Er gibt selbst an, daß seine Verteidigung dem Üblichen widerspreche. Der Normalität des athenischen Gerichtswesens entspricht es, daß die Angeklagten versuchen, Mitleid bei ihren Richtern hervorzurufen. Zu diesem Zweck werden viele Tränen vergossen, möglichst viele Angehörige mitgebracht und die Richter mit Bitten überhäuft. Sokrates erscheint dies als „Schande“, begründet seine Ablehnung des Üblichen aber vor allem mit der „Idee des Gerechten und der Gerechtigkeit selbst“. Für Sokrates soll ein Angeklagter zu seiner Verteidigung „beweisen und überzeugen“, so daß auch die Richter nach dem Maßstab der Gerechtigkeit den Fall beurteilen können.
Zusammenfassung der Kapitel
1 VORWORT: Einleitung in die Bedeutung des Sokrates als Begründer des rationalen Denkens und Vorstellung der primären Quellen für die Arbeit.
2 DER PROZEß GEGEN SOKRATES – DER HISTORISCHE RAHMEN: Darstellung der historischen Umstände, der Anklage und des juristischen Verfahrens im Athen des Jahres 399 v. Chr.
3 PLATONS „APOLOGIE DES SOKRATES“: Detaillierte Untersuchung von Platons Werk, unterteilt in die Verteidigungsrede, den Strafmaßantrag und die abschließende Stellungnahme.
4 XENOPHONS „ERINNERUNGEN AN SOKRATES“: Analyse von Xenophons Schilderungen als Gegendarstellung zur Anklage mit Fokus auf Tugendhaftigkeit und Religiosität.
5 VERGLEICH: Kontrastierung der unterschiedlichen Schwerpunkte und philosophischen Intentionen bei Platon und Xenophon.
6 SCHLUßBEMERKUNG: Resümee der Arbeit und Fazit zur Bedeutung des Sokrates für die Entwicklung des rationalen Denkens.
Schlüsselwörter
Sokrates, Platon, Xenophon, Apologie, Prozeß, Gerechtigkeit, Philosophie, Asebie, Daimonion, Verteidigungsrede, Rationalität, Ethik, tugendhaft, Athen, Historizität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem historischen Prozess gegen Sokrates im Jahr 399 vor Christus und analysiert, wie dieser durch die Schriften von Platon und Xenophon überliefert und interpretiert wird.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zentral sind die Verteidigungsstrategie des Sokrates, seine Auffassung von Gerechtigkeit und Philosophie sowie die Auseinandersetzung mit den Vorwürfen der Asebie (Gottesleugnung) und der Verführung der Jugend.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, ein differenziertes Bild des Philosophen Sokrates während seines Prozesses zu zeichnen und die philosophischen Grundtendenzen in den Darstellungen von Platon und Xenophon herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es handelt sich um eine textanalytische Untersuchung, die auf Basis der Quellen (Platon und Xenophon) sowie sekundärliterarischer Interpretationen die sokratische Argumentationsweise rekonstruiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Analyse der platonischen Apologie, die Darstellung der Anklage bei Xenophon und einen direkten Vergleich der beiden Perspektiven.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Sokrates, Apologie, Gerechtigkeit, Daimonion, Asebie, philosophische Tätigkeit und der Vergleich der antiken Autoren.
Wie bewertet Sokrates in Platons Apologie die Forderung nach einem Strafmaß?
Sokrates provoziert mit seinem Antrag, da er auf Basis seiner Unschuld eine Belohnung (Freitisch im Prytaneion) fordert, was seine Überzeugung von der moralischen Richtigkeit seines Tuns unterstreicht.
Warum spielt das Daimonion eine so wichtige Rolle für die Verteidigung?
Das Daimonion dient als Beleg für die Religiosität des Sokrates; es wird als Zeichen göttlicher Führung interpretiert, das seine philosophische Mission legitimiert, statt sie als atheistische Neuerung erscheinen zu lassen.
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- M.A. Andrea Frohleiks (Author), 2002, Der Prozeß gegen Sokrates , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145404