Der Nil ist mit einer Länge von 6671 km der längste Fluß der Welt (vgl. RADY 1979:273). Er entspringt aus zwei hydrologischen Hauptsystemen. Der Weiße Nil fließt mit ganzjährig gleichmäßiger Wasserführung vom Victoriasee Richtung Norden und vereint sich bei Khartum im Sudan mit dem Blauen Nil, der im Hochland von Äthiopien entspringt.
Im Nordsudan und in Ägypten ist der Nil ein Fremdlingsfluß. 2700 km fließt er durch vollarides Klima ohne weitere Wasserzufuhr zu erfahren. Dabei sorgt das monsunale Klima im Hochland von Äthiopien für eine hohe Saisonalität der Wasserführung. 63% der jährlichen Wassermenge konzentrieren sich auf die drei Monate August bis Oktober.
Das Klima Ägyptens ist vollarid, so daß Landwirtschaft nur auf der Basis von Bewässerungswirt-schaft möglich ist. Diese hat in Ägypten eine lange Tradition. Von einer traditionellen Form der Beckenbewässerung gingen die Fellachen nach dem Bau des ersten Staudamms von Assuan 1902 vielfach zur Dauerbewässerung über. Schon in den 60er Jahren wurden 83,2% der landwirtschaftlichen Nutzfläche (LNF) ganzjährig bewässert (vgl. IBRAHIM 1996:56). Heute stellt sich die Situation wie folgt dar: „No country in the world, however, is more dependent on irrigated agriculture than Egypt, where all cropland (100 per cent) is irrigated“ (HULTIN 1995:32). Dabei stammen 95% des Wassers, das in Ägypten verbraucht wird aus dem Nil (vgl. WOLFF 1986:3).
99% der Bevölkerung Ägyptens leben im Niltal (vgl. KfW 1984:2). Oder wie HULTIN es ausgedrückt: „With 98% of the country being desert, the growing population is concentrated in 2% of the land.“ (ebd. 1995:31). Das hier angesprochene Bevölkerungswachstum stellt ein besonders Problem in Ägypten dar. Von 1960 bis 1985 verdoppelte sich die Bevölkerung Ägyptens von 26 Mio. auf über 50 Mio. Einwohner. 1999 betrug die Bevölkerung Ägyptens 67,3 Mio. bei einer Wachstumsrate von 1,82% (vgl. www.odci.gov/cia/publications/factbook/eg.htm).
Vor diesem Hintergrund war der Bau des Assuan-Hochdammes eine Maßnahme, die die Tragfähigkeit des Niltals erhöhen und die Nahrung für die Bevölkerung durch Erhöhung der Erträge und die Möglichkeit einer zweiten Ernte im Jahr sichern sollte.
Inhaltsverzeichnis
1. AUSGANGSSITUATION
1.1. Der Nil
1.2. Landwirtschaft und Bevölkerung in Ägypten
2. DIE AUFTAUE BEI ASSUAN
2.1. Der Staudamm von 1902
2.2. Sadd El Ali – der Hochdamm von Assuan (AHD)
2.2.1. Ziele des Hochdammbaus
2.2.2. Technische Daten
3. FOLGEN DES HOCHDAMMBAUS
3.1. Vorbemerkung
3.2. Ökonomische Auswirkungen
3.2.1. Folgen für die Landwirtschaft
3.2.2. Folgen für die Industrie
3.3. Ökologische Auswirkungen
3.3.1. Pedologische Effekte
3.3.2. Hydrologische Effekte
3.3.3. Geomorphologische Effekte
3.4. Soziokulturelle und medizinische Auswirkungen
4. VERSUCH EINER ABSCHLIEßENDEN BEURTEILUNG
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die komplexen Auswirkungen des Assuan-Hochdamms auf das Ökosystem, die ägyptische Landwirtschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. Dabei wird kritisch hinterfragt, inwiefern die angestrebten ökonomischen Ziele erreicht wurden und welche ökologischen sowie soziokulturellen Schattenseiten das Großprojekt hervorbrachte.
- Historische Entwicklung der Staudämme am Nil
- Ökonomische Bilanz: Landwirtschaftliche Ertragssteigerung vs. Importabhängigkeit
- Ökologische Folgen: Bodenversalzung, Sedimentverlust und Erosion
- Soziale Konsequenzen: Umsiedlung der Nubier und Verlust von Kulturgütern
- Medizinische Risiken: Ausbreitung von Bilharziose
Auszug aus dem Buch
3.2. Ökonomische Auswirkungen
Der Nutzten des Staudammprojekts für die Landwirtschaft Ägyptens ist einer der strittigsten Punkte in der Diskussion um den Sadd El Ali.
IBRAHIM (ebd. 1996:60) bestreitet vehement, daß es durch den Bau des Hochdamms zu einer Ausdehnung der Kulturfläche kam. Er geht sogar noch weiter und stellt fest, daß sich die Ackerfläche im Zeitraum von 1970 bis 1990 von 2,843 Mio. ha auf 2,448 Mio. ha reduziert hat, da immer mehr Flächen durch die Negativfolgen zu intensiver Bewirtschaftung und Bewässerung verloren gingen. Offiziellen Angaben zufolge betrug die Ausdehnung der LNF durch Neulandgewinnungen bis 1988 600 000 ha. Zu bedenken bleibt allerdings das starke Bevölkerungswachstum, das die verfügbare Ackerfläche pro Kopf sinken ließ (vgl. SAUER 1996:37). Zudem trifft die Größe der gewonnenen Neulandfläche keine Aussage über die Größe der kultivierten Fläche.
Einig sind sich Kritiker und Befürworter des Hochdamms was die Folgen für die Umstellung von Beckenbewässerung auf Dauerbewässerung betrifft. Hier wurde das gesteckte Ziel erreicht und die Bewässerung auf 360 000 ha der Nutzfläche (das entsprach 1960 rund 12% der LNF) umgestellt (vgl. HARTUNG 1978:16). Dadurch wurden bis zu drei Ernten pro Jahr möglich, was die gesamte Agrarproduktion erhöhen konnte. Die Nahrungsmittelerzeugung konnte somit von 1979 bis 1987 um 28% gesteigert werden. Diese wurde jedoch in den Folgejahren mehr und mehr durch die steigende Zahl der Konsumenten und eine Veränderung der Ernährungsgewohnheiten der Bevölkerung aufgezehrt, so daß der Grad der Selbstversorgung wieder abnahm.
Zusammenfassung der Kapitel
1. AUSGANGSSITUATION: Einleitende Darstellung der hydrologischen Gegebenheiten des Nils und der demographischen sowie landwirtschaftlichen Abhängigkeiten Ägyptens.
2. DIE AUFTAUE BEI ASSUAN: Chronologische Analyse der Baugeschichte vom Staudamm 1902 bis zum Sadd El Ali sowie Erläuterung der technischen Ziele.
3. FOLGEN DES HOCHDAMMBAUS: Detaillierte Untersuchung der ökonomischen, ökologischen, medizinischen und soziokulturellen Auswirkungen des Großprojektes.
4. VERSUCH EINER ABSCHLIEßENDEN BEURTEILUNG: Kritische Reflexion der vorliegenden Datenlage und Bewertung des Spannungsfeldes zwischen technischem Fortschritt und ökologischen Kosten.
Schlüsselwörter
Assuan-Hochdamm, Nil, Ägypten, Landwirtschaft, Dauerbewässerung, Bodenversalzung, Sedimente, Nasser-See, Bevölkerungswachstum, Soziokultur, Bilharziose, Wasserwirtschaft, Industrialisierung, Technikfolgenabschätzung, Umweltschutz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert das Staudammprojekt bei Assuan, Ägypten, unter besonderer Berücksichtigung der damit verbundenen ökonomischen, ökologischen und sozialen Auswirkungen auf das Niltal.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die Bewässerungswirtschaft, die Energieerzeugung, die langfristigen ökologischen Schäden durch ausbleibende Sedimentfracht sowie die sozialen Folgen für die betroffene Bevölkerung.
Was ist das primäre Ziel?
Das Ziel ist es, die kontroversen Auswirkungen des Hochdammbaus aufzuzeigen und zu prüfen, ob der erhoffte Fortschritt die ökologischen und sozialen Folgekosten rechtfertigt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine geographische Analyse, die auf einer intensiven Auswertung von Fachliteratur, wissenschaftlichen Studien und aktuellen Statistiken basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die technologischen Hintergründe, die wirtschaftlichen Konsequenzen für Landwirtschaft und Industrie sowie eine detaillierte Aufarbeitung der ökologischen Veränderungen und soziokulturellen Folgen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Assuan-Hochdamm, Bodenversalzung, Dauerbewässerung, Wasserwirtschaft und Technikfolgenabschätzung definieren.
Welche Rolle spielt die Bilharziose in der Analyse?
Bilharziose wird als medizinisches Folgeproblem diskutiert, da sich die übertragenden Schnecken in den neu geschaffenen stehenden Gewässern des Nasser-Sees stark ausbreiten konnten.
Wie bewertet der Autor den Sicherheitsaspekt?
Der Autor weist auf die existenzielle Gefahr hin, die bei einem möglichen Dammbruch infolge von Erdbeben oder kriegerischen Einwirkungen für die gesamte Nilbevölkerung bestehen würde.
- Quote paper
- Anonym (Author), 2000, Die Aufstaue des Nils bei Assuan und seine Wirkungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14309