Mit Woyzecks Schicksal werden zeitlose moralische Problematiken zur Freiheit des Menschen aufgeworfen. Wenn der Mensch determiniert ist, kann er für seine Taten verantwortet werden, oder ist er nur Austräger seiner fremdbestimmten Taten? In der Germanistik wird diese Problematik stets behandelt und die Mehrheit der Wissenschaftler halten den Menschen im Rahmen von Woyzeck auch für unfrei. Die Lektüre „Woyzeck“ hat mich dazu animiert, mein Handeln zu hinterfragen und ich wollte in Erfahrung bringen, wie Büchner es literarisch bewerkstelligen konnte, einen Täter aufgrund der Darlegung der sozialen Ungerechtigkeit als Opfer darzustellen.
Ich möchte die Hypothese anstellen, dass insbesondere die sprachliche Gestaltung der Figuren die langlebige und transzendentale Resonanz Büchners Sozialkritik ermöglicht. Diese Arbeit beschäftigt sich damit, wie Büchner Sprache zu seinen Vermittlungszwecken instrumentalisiert, indem die literarischen Gestaltungsmittel zur Darstellung Woyzecks Unschuld als Folge der illustrierten Unterdrückung untersucht werden. Im Anschluss an die Wiedergabe der Dramenhandlung wird die Konzeption des Dramas untersucht. Als Vorlage der sprachlichen Instrumentalisierung wird Büchners Literaturbegriff erläutert und mit den dramentheoretischen Aspekten von „Woyzeck“ ausgeführt. Die Unterdrückung Woyzecks wird anschließend anhand seiner Sprachinkompetenz verdeutlicht, und die Ignoranz der Charaktere wird durch die monologische Kommunikation in Büchners Figurenkonzepts verkörpert. Daran anknüpfend wird das Gestaltungsmittel symbolischer Bedeutungen im Hinblick darauf, wie Büchner die Mordtat anhand von Symbolkomplexen und Intertextualitäten legitimiert, untersucht. Abschließend wird die von Büchner konzipierte Ausweglosigkeit Woyzecks anhand Meads Rollentheorie nachgewiesen. Meine Intention ist es, den hohen Wert der Sprache am Beispiel Büchners hervorzuheben, da sie als primäres Instrument zur persönlichen Mitteilung verstanden werden muss. Sprache gibt dem Menschen die Fähigkeit, sich - entgegen des Schicksals Woyzecks - durch aktive Beteiligung zu entfalten, und seine Rolle in einer gerechten Gesellschaft zu festigen.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Handlungswiedergabe
- Konzeption des Dramas
- Büchners Literaturverständnis
- Die offene Dramenform als vermittelnde Literaturform
- Die Bedeutung der Regieanweisungen und Szenentitel
- Konzeption der Figurensprache
- Büchners Rollenkonzept
- Sprachinkompetenz von Woyzeck
- Sprachperformanz der Figuren
- Woyzeck-Hauptmann
- Woyzeck-Doktor
- Woyzeck- Marie
- Woyzeck Andres
- Symbolische Bedeutungen oder synthetische Andeutungen?
- Leitmotive und Symbolkomplexe
- Intertextualität als allegorische Spiegelung
- Sprachliche Unterlegenheit als soziale Unterlegenheit nach Mead
- Fazit
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die Arbeit setzt sich zum Ziel, die sprachliche Gestaltung in Büchners „Woyzeck“ als Instrument zur Vermittlung seiner Sozialkritik zu untersuchen. Dabei soll die Unschuld Woyzecks als Folge seiner Unterdrückung mithilfe literarischer Mittel herausgearbeitet werden. Der Fokus liegt auf der Frage, wie Sprache im Drama dazu beiträgt, die sozialen Ungerechtigkeiten und ihre Auswirkungen auf den Protagonisten darzustellen.
- Büchners Literaturbegriff und die Rolle der Sprache als Mittel der Aufklärung
- Die offene Dramenform als Werkzeug zur Darstellung der sozialen Wirklichkeit
- Die Sprachinkompetenz Woyzecks als Ausdruck seiner sozialen Unterdrückung
- Symbolische Bedeutungen und Intertextualität als Mittel zur Legitimierung der Mordtat
- Meads Rollentheorie als Analysewerkzeug für die Ausweglosigkeit Woyzecks
Zusammenfassung der Kapitel
Das erste Kapitel der Arbeit führt in die Thematik der Sozialkritik in Büchners „Woyzeck“ ein und beleuchtet die Frage nach der Verantwortung des Menschen für seine Taten im Kontext sozialer Determinierung. Die Handlungswiedergabe im zweiten Kapitel stellt den Protagonisten Woyzeck als Opfer seiner gesellschaftlichen Unterdrückung dar und veranschaulicht seinen Weg in die Isolation und schließlich zur Mordtat. Das dritte Kapitel untersucht die Dramenkonzeption Büchners und beleuchtet dessen Literaturverständnis, die offene Dramenform und die Bedeutung der Regieanweisungen. Im vierten Kapitel wird die Figurensprache analysiert, wobei die Sprachinkompetenz Woyzecks als Folge seiner Unterdrückung und die Sprachperformanz der anderen Figuren im Vergleich dazu betrachtet wird. Der fünfte Abschnitt analysiert die Verwendung symbolischer Bedeutungen und Intertextualität in „Woyzeck“ und untersucht, wie Büchner die Mordtat durch diese Mittel legitimiert. Das sechste Kapitel greift Meads Rollentheorie auf, um die von Büchner dargestellte Ausweglosigkeit Woyzecks zu erklären.
Schlüsselwörter
Die wichtigsten Schlüsselwörter, die in dieser Arbeit behandelt werden, sind: Sozialkritik, Sprache, Unterdrückung, Dramenkonzeption, Figurensprache, Sprachinkompetenz, Symbolismus, Intertextualität, Rollentheorie. Der Fokus liegt dabei auf der Analyse der sprachlichen Mittel, die Büchner einsetzt, um die soziale Ungerechtigkeit und ihre Auswirkungen auf Woyzeck darzustellen.
Häufig gestellte Fragen
Inwiefern instrumentalisiert Büchner die Sprache in "Woyzeck"?
Büchner nutzt Sprache, um soziale Hierarchien aufzuzeigen. Woyzecks Sprachinkompetenz verdeutlicht seine Unterdrückung, während die eloquente Sprache von Doktor und Hauptmann deren ignorante Machtposition markiert.
Ist Woyzeck Täter oder Opfer?
Büchner stellt Woyzeck aufgrund der sozialen Ungerechtigkeit und Determination als Opfer dar. Die Mordtat erscheint als Folge einer ausweglosen Unterdrückung, nicht als freie Entscheidung.
Welche Rolle spielt Meads Rollentheorie in der Analyse?
Mithilfe der Rollentheorie lässt sich nachweisen, dass Woyzecks Identität durch die Fremdbestimmung und das Fehlen einer aktiven Teilhabe an der Kommunikation zerstört wird, was in der Katastrophe endet.
Was bedeutet "offene Dramenform" bei Büchner?
Die offene Form ermöglicht es, die soziale Wirklichkeit in fragmentierten Szenen darzustellen, die den Fokus auf die determinierenden Umstände statt auf eine geschlossene Handlung legen.
Wie legitimiert Büchner die Mordtat literarisch?
Durch Symbolkomplexe, Leitmotive und Intertextualität wird der Mord als unvermeidliche Konsequenz einer kranken Gesellschaft gerahmt, was die moralische Schuld des Einzelnen relativiert.
- Quote paper
- Sophie Pachmann (Author), 2021, Inwiefern instrumentalisiert Büchner Sprache zur Vermittlung seiner Sozialkritik in "Woyzeck"?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1389742