Als einer der größten Denker seiner Zeit hat Thomas von Aquin sich über fast alle theologischen und philosophischen Fragestellungen des Mittelalters geäußert. Wie viele Theologen seiner Zeit hat er sich auch Gedanken über die Juden gemacht. Auffallend ist jedoch, dass er nie ein Werk nach Art traditioneller Traktate „Contra Judaeos“ verfasst hat. Trotzdem hat er sich in einer Vielzahl seiner Arbeiten auch mit dem Judentum beschäftigt.
Anhand verschiedener Beispiele aus der Summa Theologiae und der Epistola ad ducissam Brabantiae soll die zwiespältige Position des Thomas von Aquin zum Judentum dargestellt werden. Neben seiner Hochschätzung der biblischen Juden als auserwähltes Volk Gottes kann man aus den genannten Beispielen auch seine Stellungnahme zum zeitgenössischen Judentum deutlich erkennen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Hauptteil
2.1 Allgemeine Aussagen des Thomas von Aquin zu den Juden
2.2 Das Zinsgeschäft der Juden
2.3 Die Juden zwischen Heiden und Ketzern
2.4 Servitus Judaeorum
2.5 Über die Kleiderordnung der Juden und ihren sozialen Status
3 Schlussfolgerung
4 Literatur- und Quellenangaben
4.1 Primärquellen
4.2 Sekundärquellen
4.3 Internetseiten
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die zwiespältige Position des mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin gegenüber dem Judentum. Dabei wird analysiert, wie Aquin einerseits die biblische Tradition wertschätzt, andererseits jedoch die soziale Ausgrenzung und Knechtschaft der zeitgenössischen Juden theologisch und gesellschaftlich legitimiert.
- Die differenzierte Haltung des Thomas von Aquin zum Judentum.
- Die Bewertung des jüdischen Zinsgeschäfts im Kontext christlicher Ethik.
- Die rechtliche Stellung der Juden als "Servitus Judaeorum".
- Die Bedeutung von Kleidungsvorschriften zur sozialen Distanzierung und zum Schutz der Christen.
Auszug aus dem Buch
2.2 Das Zinsgeschäft der Juden
Thomas von Aquin bereitet die Unterscheidung zwischen Binnen- und Außenmoral, so wie sie in der Thora verdeutlicht wird, Schwierigkeiten. Auf wirtschaftsethischem Gebiet ist diese Unterscheidung besonders augenfällig, besonders in Betreff auf das Verbot des Zinsnehmens. Im Deuteronomium heißt es: „Du darfst von deinem Bruder keine Zinsen nehmen: weder Zinsen für Geld noch Zinsen für Getreide noch Zinsen für sonst etwas, wofür man Zinsen nimmt. Von einem Ausländer darfst du Zinsen nehmen, von deinem Bruder darfst du keine Zinsen nehmen, damit der Herr, dein Gott, dich segnet in allem, was deine Hände schaffen, in dem Land, in das du hineinziehst, um es in Besitz zu nehmen“ (Deut. XXIII,20-21). Hier wird ganz klar unterschieden zwischen den Angehörigen des eigenen Volkes und den Fremden.
Anhand der Thora versucht Thomas nun die Allgemeinverbindlichkeit des Zinsverbotes zu beweisen. Wenn es verboten ist vom eigenen Bruder Zins zu verlangen, dann ist es allgemein widerrechtlich Zinsen zu fordern, da alle Menschen Brüder sind. Folglich ist das Zinsnehmen schlechthin böse und unrechtmäßig. Zwar ist es von staatlicher Seite her nicht verboten, jedoch aus christlich-theologischer Sicht sündhaft, da es gegen das Gebot der Nächstenliebe verstößt.
Thomas von Aquin spricht sich deutlich gegen die geldwirtschaftlichen Praktiken der Juden aus. Zins nehmen ist für ihn gleichbedeutend mit Raub. Man eignet sich sozusagen fremde Arbeit und Verdienstlichkeit an.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung stellt die problematische rechtliche und soziale Stellung der Juden im Mittelalter dar und skizziert die methodische Vorgehensweise der Analyse anhand der Werke von Thomas von Aquin.
2 Hauptteil: Der Hauptteil gliedert sich in fünf thematische Abschnitte, die von den theologischen Grundlagen über das Finanzgeschäft bis hin zu rechtlichen und sozialen Aspekten wie der Knechtschaft und Kleiderordnung reichen.
2.1 Allgemeine Aussagen des Thomas von Aquin zu den Juden: Thomas unterscheidet zwischen dem alttestamentarischen Volk Gottes und den zeitgenössischen Juden, wobei er Letztere als für den Tod Christi verantwortlich einstuft.
2.2 Das Zinsgeschäft der Juden: Hier wird die ethische Ablehnung des Zinsnehmens durch Thomas thematisiert, die er als Verstoß gegen die Nächstenliebe wertet, während er gleichzeitig die wirtschaftliche Notlage der Juden anerkennt.
2.3 Die Juden zwischen Heiden und Ketzern: Dieses Kapitel erläutert die scholastische Einordnung der Juden innerhalb der Ungläubigen und plädiert gegen Zwangstaufen, jedoch für eine klare Absonderung vom christlichen Glaubensleben.
2.4 Servitus Judaeorum: Das Kapitel behandelt die Lehre der "Servitus Judaeorum", die die Juden als "Knechte" der christlichen Fürsten oder der Kirche interpretiert, dabei aber zu einer gewissen Maßhaltung aufruft.
2.5 Über die Kleiderordnung der Juden und ihren sozialen Status: Es wird analysiert, wie Kleidungsvorschriften als pastorale Maßnahme dienten, um Christen vor "verführerischem" Umgang mit Andersgläubigen zu schützen.
3 Schlussfolgerung: Das Fazit fasst das ambivalente Verhältnis zusammen, in dem Thomas zwar die Juden als Teil der Heilsgeschichte respektiert, sie aber gleichzeitig als sozial untergeordnete und potenziell gefährliche Minderheit betrachtet.
4 Literatur- und Quellenangaben: Dieses Kapitel listet alle verwendeten Primärquellen, Sekundärliteratur sowie Internetressourcen auf, die der Untersuchung zugrunde liegen.
Schlüsselwörter
Thomas von Aquin, Judentum, Servitus Judaeorum, Zinsverbot, Nächstenliebe, Laterankonzil, christliche Sozialordnung, Antijudaismus, Scholastik, Kleiderordnung, soziale Ausgrenzung, Mittelalter, Theologie, Heilsgeschichte, Schuldfrage.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Thomas von Aquin zum Judentum und analysiert, wie er die Rolle der Juden im mittelalterlichen Kontext theologisch begründet und rechtlich bewertet.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen das jüdische Zinsgeschäft, die theologische Einordnung der Juden im Vergleich zu Heiden und Ketzern, die Lehre der Servitus Judaeorum sowie die Kleiderordnung.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin mit dieser Arbeit?
Ziel ist es, die "zwiespältige Position" des Thomas von Aquin aufzuzeigen, der zwischen der Hochschätzung der biblischen Juden und der Abwertung zeitgenössischer Juden differenziert.
Welche wissenschaftliche Methode wird hier angewendet?
Es handelt sich um eine textanalytische Untersuchung, die sich vornehmlich auf die "Summa Theologiae" sowie die "Epistola ad ducissam brabantiae" stützt und diese mit kirchenrechtlichen Dokumenten wie den Dekreten des 4. Laterankonzils abgleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit inhaltlich behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Einstellung Aquins zu Finanzfragen, seine dogmatische Begründung für den sozialen Status der Juden und die Funktion von Unterscheidungsmerkmalen wie der Kleidung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Zentrale Begriffe sind die "Servitus Judaeorum", das Zinsverbot, die Absonderung vom christlichen Glauben sowie die Einordnung der Juden in die christliche Heilsgeschichte.
Wie bewertet Thomas von Aquin das Zinsgeschäft der Juden?
Aquin lehnt das Zinsnehmen als sündhaft und raubähnlich ab, erkennt jedoch an, dass Juden aufgrund ihrer wirtschaftlichen Ausgrenzung oft auf dieses Geschäft angewiesen sind, weshalb er von Fürsten Humanität fordert.
Welche Rolle spielt das 4. Laterankonzil für die Argumentation des Autors?
Thomas stützt sich maßgeblich auf die Kanones 67 bis 70 des Konzils, um sowohl die Notwendigkeit der sozialen Distanzierung durch Kleidung als auch die rechtliche Knechtschaft der Juden zu legitimieren.
Warum wird die Zwangstaufe von Aquin abgelehnt?
Thomas lehnt die Zwangstaufe aus naturrechtlichen und theologischen Gründen ab, da der Glaube eine freie Willensentscheidung sein müsse und weltliche Autoritäten keine Befugnis zur Taufe hätten.
- Quote paper
- Isabelle Schleich (Author), 2009, Thomas von Aquin und die Juden, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137548