In dieser Arbeit werden Überlegungen angestellt, inwieweit Wohlfahrtsstaatstypologien über Erklärkraft für die unterschiedlichen Ausprägungen von Kinderschutzsystemen verfügen. Hierbei erscheinen besonders Typologien geeignet, die sich auf den Grad an Staats- oder Familienorientierung (auch Familisierung versus Entfamilisierung) beziehen, also dahingehend ausgerichtet sind, inwieweit der Staat als verantwortlich für das Wohl von Familien angesehen wird. Deswegen lautet die Fragestellung, inwieweit die generelle familienpolitische Ausrichtung von Wohlfahrtsstaaten bezüglich ihres (Ent-)Familisierungsgrades die Unterschiedlichkeit von Kinderschutzsystem erklären kann. Da die vielleicht größte Herausforderung im Kinderschutz die Abwägung über die Notwendigkeit von Eingriffen in die Familien ist, wird sich darauf konzentriert, die Interventionsbereitschaft der Kinderschutzsysteme zu untersuchen. Die Hypothese ist dabei, dass in Staaten, die familienpolitisch staatsorientierter (entfamilisierter) sind, Kinderschutzsysteme auch eher zu Eingriffen neigen, als solche in Staaten, deren wohlfahrtsstaatliche Politik Verantwortung eher bei Familien lässt, welche also familisiert ausgerichtet ist.
Ziel der Arbeit ist es also, besser zu verstehen, worin sich und warum sich Kinderschutzsysteme in verschiedenen Ländern voneinander unterscheiden. Es wird das Maß der Interventionsbereitschaft des deutschen, schwedischen und tschechischen Systems bewertet und überprüft, ob dieses, wie in der Hypothese formuliert, dem Grad an Familisierung entspricht. Neben der Beantwortung dieser konkreten Frage werden weitergehend folgende Ziele verfolgt: Die (nicht ausreichende) Verwissenschaftlichung Sozialer Arbeit spielt eine wichtige Rolle in der Professionsdebatte und so soll mit dieser grundlagenorientierten Arbeit ein Beitrag zur Verwissenschaftlichung der Disziplin und somit auch zur Anerkennung der Sozialen Arbeit als Profession geleistet werden. Zum anderen können internationale Vergleichsarbeiten dazu beitragen, den engen Horizont nationalstaatlicher Konstruktionen und Traditionen Sozialer Arbeit zu überwinden und das Verstehen der eigenen Disziplin zu vertiefen. So möchte diese Arbeit auch eine Grundlage bieten, die deutsche sozialarbeiterische Praxis des Kinderschutzes zu reflektieren, neue Perspektiven zu eröffnen und alternative Problemlösungsstrategien kennenzulernen.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung
- 1.1 Problemstellung und Relevanz des Themas
- 1.2 Ziel der Arbeit
- 1.3 Vorgehensweise
- 1.4. Aufbau der Arbeit
- 2. Theoretische Grundlagen
- 2.1. (De)Familisierung als Kategorisierungsvariable von Wohlfahrtsstaaten und ihre Verknüpfung mit der Sozialen Arbeit
- 2.2. Kinderschutz
- 2.2.1. Begriffsklärung
- 2.2.2 Kinderschutz auf internationaler Ebene
- 3. Komparative Methodik
- 3.1. Darstellung der Methode
- 3.2. Begründung der Methodenauswahl
- 4. Kinderschutzsysteme in Deutschland, Schweden und Tschechien
- 4.1. Vergleichskriterien
- 4.2. Wohlfahrtsstaatskonzepte
- 4.3. Konzepte Sozialer Arbeit
- 4.4. Kinderschutzkonzepte
- 5. Diskussion
- 6. Fazit
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die Arbeit untersucht die Unterschiede in nationalen Kinderschutzsystemen und deren Zusammenhang mit politikwissenschaftlichen Wohlfahrtsstaatstypologien. Dabei wird Hantrais' (Ent-)Familisierungsmodell herangezogen, welches die staatliche Verantwortung für das Familienwohl in verschiedenen Wohlfahrtsstaatsmodellen beschreibt. Ziel ist es, zu analysieren, ob die Interventionsbereitschaft des deutschen, tschechischen und schwedischen Kinderschutzsystems mit dem Grad der (Ent-)Familisierung korreliert.
- Kinderschutz im internationalen Vergleich
- Wohlfahrtsstaatsmodelle und ihre Auswirkung auf Kinderschutzsysteme
- Das (Ent-)Familisierungsmodell von Hantrais
- Interventionsbereitschaft von Kinderschutzsystemen
- Vergleichende Analyse von Kinderschutzkonzepten in Deutschland, Schweden und Tschechien
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einleitung führt in das Thema ein und erläutert die Relevanz des Themas sowie die Zielsetzung der Arbeit. Die theoretischen Grundlagen liefern eine Definition von Kinderschutz und beleuchten das (Ent-)Familisierungsmodell als Kategorisierungsvariable von Wohlfahrtsstaaten. Kapitel 3 befasst sich mit der komparativen Methodik, die für die Untersuchung der Kinderschutzsysteme in Deutschland, Schweden und Tschechien verwendet wird. In Kapitel 4 werden die Kinderschutzsysteme der drei Länder anhand von Vergleichskriterien wie Melderegeln, Fallzahlen und personeller Ausstattung analysiert. Die Diskussion befasst sich mit den Ergebnissen und deren Bedeutung für die vergleichende Kinderschutzforschung.
Schlüsselwörter
Kinderschutz, Wohlfahrtsstaat, Familienpolitik, vergleichende Sozialarbeitswissenschaft, (Ent-)Familisierung, Interventionsbereitschaft, Deutschland, Schweden, Tschechien, Melderegeln, Fallzahlen, personelle Ausstattung.
Häufig gestellte Fragen
Wie beeinflussen Wohlfahrtsstaatstypologien den Kinderschutz?
Die Typologien bestimmen den Grad der Staats- oder Familienorientierung. In staatsorientierteren (entfamilisierten) Systemen neigt der Staat eher zu Eingriffen in die Familie als in familienorientierten Systemen.
Was bedeutet „Entfamilisierung“ im Kontext der Sozialen Arbeit?
Entfamilisierung beschreibt den Grad, in dem der Staat Verantwortung für das Wohl der Familien übernimmt und Dienstleistungen bereitstellt, die das Individuum von der Abhängigkeit von der Familie entlasten.
Welche Länder werden in der Studie verglichen?
Die Arbeit vergleicht die Kinderschutzsysteme von Deutschland, Schweden und Tschechien hinsichtlich ihrer Interventionsbereitschaft.
Was ist die zentrale Hypothese der Arbeit?
Die Hypothese besagt, dass Kinderschutzsysteme in staatsorientierten Ländern eher zu Interventionen neigen, während familienorientierte Staaten die Verantwortung stärker bei den Familien belassen.
Welche Kriterien werden für den internationalen Vergleich herangezogen?
Verglichen werden unter anderem Melderegeln bei Kindeswohlgefährdung, Fallzahlen und die personelle Ausstattung der Systeme.
Warum ist dieser internationale Vergleich für die deutsche Praxis wichtig?
Er hilft dabei, den nationalen Horizont zu überwinden, die eigene Praxis zu reflektieren und alternative Problemlösungsstrategien aus anderen Ländern kennenzulernen.
- Quote paper
- Jana Wagner (Author), 2020, Familien- versus Staatsorientierung von Wohlfahrtsstaaten. Kinderschutzkonzepte der Sozialen Arbeit im internationalen Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1365966