Der Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit bezieht sich auf das Wesen und die Struktur der Kurzgeschichte in der Zeit nach 1945. Die stoffliche Eingrenzung auf die Kurzgeschichte der Nachkriegszeit dient zunächst literaturtheoretischen Erfordernissen. Bei aller Verwandtschaft mit der short story hat die deutsche Kurzgeschichte eben doch ihre spezifischen Wesensmerkmale. Das gilt besonders für die Kurzgeschichte der Nachkriegszeit: Im Gehalt bemüht sie sich darum, Belastungen der Vergangenheit zu verarbeiten, um das Leben in Zukunft besser bewältigen zu können.
Es scheint zunächst sinnvoll mit einem kurzen historischen Überblick über die Kurzgeschichte zu beginnen (Kapitel 2). Zuerst wird die Wortgeschichte und Begriffsentwicklung der Kurzgeschichte dargestellt (Kapitel 2.1). Anschließend wird auf die historische Entwicklung der Kurzgeschichte seit dem 19. Jahrhundert eingegangen, da die Kurzgeschichte hier zunehmend an Bedeutung gewonnen hat (Kapitel 2.2) und dies die Entwicklung der Kurzgeschichte nach 1945 beeinflusst hat. Besonders wichtig ist mir nun eine ausführlichere Betrachtung der Entwicklung der Kurzgeschichte nach 1945 vorzunehmen (Kapitel 2.3). Dieser Zeitraum ist, wie schon erwähnt, als die Blütezeit der deutschen Kurzgeschichte anzusehen und hat sie besonders geprägt. Im Anschluss an die historische Entwicklung der Kurzgeschichte erscheint es sinnvoll auf die charakteristischen Merkmale der Kurzgeschichte nach 1945 einzugehen. Dabei soll die Kürze (Kapitel 3.1), der Stoff und Stil (Kapitel 3.2), die Figuren und der Raum (Kapitel 3.3), die Rolle des Erzählers (Kapitel 3.4), die Darstellung der Zeit (Kapitel 3.5) und der Anfang und der Schluss (Kapitel 3.6) in der Kurzgeschichte betrachtet werden. Dies soll in kurzer und zusammenfassender Form erfolgen. Es muss jedoch berücksichtigt werden, dass diese Merkmale zwar typisch sind für einen Großteil deutscher Kurzgeschichten nach 1945, sie jedoch nur in Teilen in den einzelnen Kurzgeschichten dieser Zeit auftreten. Es gibt wohl kaum eine Kurzgeschichte dieser Zeit, die all die angeführten Merkmale auf einmal beinhaltet. Zumal es bei den genannten Merkmalen auch unzählig verschiedene Variationen gibt.
In der Zusammenfassung (Kapitel 4) wird ein komprimierter Überblick über die gesamte Arbeit gegeben, wobei das Künstlerische in der Kurzgeschichte besonders hervorgehoben werden soll.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die historische Entwicklung der Kurzgeschichte
2.1 Wortgeschichte und Begriffsentwicklung der Kurzgeschichte
2.2 Die Entwicklung der Kurzgeschichte im ausgehenden 19. Jahrhundert
2.3 Die deutsche Kurzgeschichte seit 1945
3 Merkmale der Kurzgeschichte nach 1945
3.1 Die stoffbedingte Kürze der Kurzgeschichte
3.2 Der Stoff und Stil der Kurzgeschichte
3.3 Die Figuren und der Raum in der Kurzgeschichte
3.4 Die Rolle des Erzählers in der Kurzgeschichte
3.5 Die Darstellung der Zeit in der Kurzgeschichte
3.6 Anfang und Schluss der Kurzgeschichte
4 Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Wesen und die spezifische Struktur der deutschen Kurzgeschichte in der Zeit nach 1945. Dabei wird insbesondere analysiert, wie diese literarische Gattung dazu diente, die Belastungen der Vergangenheit zu verarbeiten und gesellschaftliche sowie existenzielle Fragestellungen in einer durch den Krieg zertrümmerten Welt abzubilden.
- Historische Herleitung und Begriffsentwicklung der Kurzgeschichte
- Analyse der spezifischen Merkmale deutscher Nachkriegskurzprosa
- Untersuchung von Erzähltechniken, Zeitgestaltung und Figurenkonstellationen
- Verhältnis der Kurzgeschichte zu ihrer gesellschaftlichen Funktion und dem Wahrheitsanspruch
Auszug aus dem Buch
3.4 Die Rolle des Erzählers in der Kurzgeschichte
Der Erzähler spielt in der Kurzgeschichte eine bedeutsame Rolle. Er offenbart dem Leser seine Welt und lässt ihn tief in seine eigene Wirklichkeit blicken. Er versucht zwar dem Leser einen Standort zu vermitteln, aber er kann ihm diesen Standort nicht vorgeben. Dies hat eine Begrenzung des Blickwinkels zur Folge. Der Erzähler provoziert Meinungen, ohne jedoch selbst eine Meinung zu äußern, er will den Leser über die Art und Beschaffenheit seiner Wirklichkeit belehren, ohne ihm jedoch eine eindeutige Wahrheit vermitteln zu können. Er verdeutlicht seine Erzählwirklichkeit, indem er sie kritisch hinterfragt und seine Fragen unbeantwortet lässt. Er entlässt den Leser ohne direkte Antwort und weist ihn in ein offenes Ende. Zudem bedient sich der Erzähler der Kurzgeschichte bestimmter erzähltechnischer Mittel, insbesondere der Aussparung des Erzählens, um den Leser zum Einfühlen und zum Mitdenken anzuregen. Somit entsteht ein Bündnis zwischen Erzähler und Leser, da der Erzähler dem Leser einen Teil seiner Arbeit überlässt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung definiert den Untersuchungsgegenstand der Kurzgeschichte nach 1945 und legt die methodische Herangehensweise dar, welche mit einer historischen Einordnung beginnt und anschließend die zentralen Gattungsmerkmale behandelt.
2 Die historische Entwicklung der Kurzgeschichte: Dieses Kapitel zeichnet die Wort- und Begriffsgeschichte der Kurzgeschichte nach und beleuchtet die Einflüsse internationaler Vorbilder sowie die Entwicklungslinien ab dem 19. Jahrhundert bis hin zur spezifischen Nachkriegsblüte.
3 Merkmale der Kurzgeschichte nach 1945: Hier werden die strukturellen und inhaltlichen Charakteristika analysiert, wobei Schwerpunkte auf der Kürze, dem Stil, der Figurenführung, dem Erzähler, der Zeitgestaltung sowie der speziellen Funktion von Anfang und Schluss liegen.
4 Zusammenfassung: Die Zusammenfassung bündelt die Erkenntnisse über die Rolle der Kurzgeschichte als Medium der existenziellen Aufarbeitung und verdeutlicht ihre künstlerische Konstruktion hinter der Fassade der Schlichtheit.
Schlüsselwörter
Kurzgeschichte, Nachkriegsliteratur, Literaturwissenschaft, Erzähltechnik, Kurzprosa, Stoffwahl, Zeitgestaltung, Gattungsmerkmale, Wolfgang Borchert, Heinrich Böll, Wolfdietrich Schnurre, Wirklichkeitsdarstellung, Literarische Form, Symbolik, Nachkriegszeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse der deutschen Kurzgeschichte in der unmittelbaren Nachkriegszeit, insbesondere hinsichtlich ihrer strukturellen Merkmale und ihrer Funktion als Medium zur Verarbeitung von Kriegsfolgen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Themenfelder umfassen die historische Herkunft der Gattung, die stilistischen Besonderheiten der Nachkriegsautoren sowie die Analyse literarischer Gestaltungsmittel wie Kürze, Zeitstruktur und Figurenkonstellationen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das Wesen der Kurzgeschichte nach 1945 zu bestimmen und aufzuzeigen, wie Autoren wie Borchert oder Böll durch bewusste künstlerische Mittel eine engagierte Literatur schufen, die den Leser zur Auseinandersetzung mit seiner Gegenwart zwang.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die auf etablierten Theorien zur Kurzgeschichte basiert und diese mit den spezifischen Texten der Nachkriegsautoren in Bezug setzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einordnung (Kapitel 2) und eine systematische Untersuchung der Gattungsmerkmale (Kapitel 3), darunter Erzählweise, Zeitdarstellung, Figurenkonzeption und die Bedeutung des offenen Endes.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Kurzgeschichte, Nachkriegsliteratur, Reduktion, Wirklichkeitsdarstellung, Gattungsprinzip und existenzielle Aufarbeitung.
Inwiefern beeinflussten amerikanische Vorbilder die deutsche Kurzgeschichte?
Die Arbeit verdeutlicht, dass amerikanische "Short Stories" (z.B. von Hemingway oder Faulkner) als Anstoß dienten, die deutsche Autoren jedoch einen eigenen, stärker auf das Menschliche fokussierten Stil entwickelten.
Wie wird das "offene Ende" in der Kurzgeschichte interpretiert?
Das offene Ende wird nicht als erzählerische Schwäche, sondern als bewusste Einladung an den Leser verstanden, das Dargestellte kritisch zu hinterfragen und den Sinnzusammenhang selbst zu vervollständigen.
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- Katja Diekmann (Author), 2002, Merkmale der deutschen Kurzgeschichte nach 1945, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134678