Am 24. September 2017 zog die Alternative für Deutschland (AfD) mit 12,6% der Stimmen und 94 Sitzen in den 19. Deutschen Bundestag ein. Dies war eine politische Zäsur, denn erstmals nach dem 2. Weltkrieg wurde eine rechtsnationale und rechtspopulistische Partei in den Bundestag gewählt. Eine solche Partei in einem europäischen Parlament war zu dieser Zeit jedoch längst kein Einzelfall mehr.
Der Rechtspopulismus erlangte eine neue politische Blütezeit. Das Erstarken von Rechtspopulisten (D. Trump, B. Johnson, M. Le Pen, G. Meloni, A. Weidel und T. Chrupalla, …) sowie ihrer Parteien (Republikaner in den USA, Conservative Party in GB, Front National in Frankreich, Fratelli d’Italia in Italien, der AfD in Deutschland, …) stellt die Wahlforschung vor neue Fragen, welche nicht mehr hinreichend von der politischen Rechts-Links-Ordnung beantwortet werden kann. Die Aushandlung von Gleichheit und Freiheit spielt sich nicht mehr nur auf der ökonomischen Ebene ab. Soziokulturelle Fragen von Anerkennung, Teilhabe, Integration, Diversität, Ökologie, Individualrechte und Chancengleichheit dominieren den politischen Alltag.
Die Wahlerfolge von Parteien können von zahlreichen Faktoren abhängen, wie beispielsweise das Themen- und Kandidat:innenangebot der Parteien, langfristige Parteiidentifikationen, kurzfristige Schwankungen der Beliebtheitswerte einzelner Kandidat:innen sowie externe Schocks und Krisen. Wenn aber in einer größeren Anzahl von Ländern zu einem ähnlichen Zeitpunkt inhaltsnahe Parteien über einen längeren Zeitraum entstehen bzw. erstarken, was zu einer dauerhaften Veränderung von Parteisystemen führt, ist eine Neustrukturierung politischer Hauptkonfliktlinien zu erkennen.
Deshalb entstanden in Bezugnahme auf die Cleavage-Theorie von LIPSET und ROKKAN (1967) in den letzten Jahren neue Cleavage-Theorien, welche sich dem Phänomen des Aufstiegs rechtspopulistischer Parteien widmen. Eine der populärsten in Deutschland ist die von MERKEL und ZÜRN, welche den neuen Cleavage unter Kosmopolit:innen und Kommunitarist:innen ausmachen. Diese Theorie steht im Zentrum dieser Arbeit.
Gliederung
1. Einleitung
2. Die Cleavage-Theorie von Lipset und Rokkan (1967)
2.1 Das AGIL-Schema als Basis für die Cleavage-Theorie - eine kurze Einführung
2.2 Die vier formulierten Cleavages von Lipset und Rokkan
2.3 Modernisierung der Cleavages
3. Grundannahmen der Arbeit und zu untersuchende Hypothese
4. Kosmopolitismus und Kommunitarismus
5. Die Alternative für Deutschland (AfD)
6. Die AfD und der Kommunitarismus
6.1 Das ideelle Element
6.2 Das strukturelle Element
6.3 Das organisatorische Element
7. Protest, Enttäuschung und Angst statt Überzeugung?
8. Schlussfolgerungen
Häufig gestellte Fragen
Was ist die Cleavage-Theorie?
Ein von Lipset und Rokkan entwickeltes Modell, das Parteiensysteme durch dauerhafte gesellschaftliche Konfliktlinien (z.B. Arbeit vs. Kapital) erklärt.
Ist die AfD Ausdruck eines neuen gesellschaftlichen Cleavages?
Die Arbeit untersucht, ob die AfD den Konflikt zwischen Kosmopolitismus (Weltoffenheit) und Kommunitarismus (Heimatverbundenheit/Abgrenzung) repräsentiert.
Was unterscheidet Kosmopoliten von Kommunitaristen?
Kosmopoliten befürworten Globalisierung und Diversität, während Kommunitaristen den Schutz nationaler Grenzen und traditioneller Werte betonen.
Warum verliert die klassische Rechts-Links-Ordnung an Bedeutung?
Soziokulturelle Fragen wie Integration, Ökologie und Individualrechte dominieren zunehmend den politischen Alltag gegenüber rein ökonomischen Fragen.
Wählen AfD-Wähler aus Überzeugung oder Protest?
Die Arbeit analysiert, inwieweit Protest, Enttäuschung und Angst im Vergleich zu einer tiefen ideologischen Überzeugung für den Erfolg der AfD verantwortlich sind.
- Quote paper
- Fabian Hirschfeld (Author), 2023, Ist die AfD Ausdruck des neuen gesellschaftlichen Cleavages? Kosmopolitismus, Kommunitarismus und die AfD, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1341622