In dieser Arbeit soll untersucht werden, ob es sich bei „Momo“ ganz und gar um ein „Kunstmärchen“ handeln könnte und ob es sich damit direkt neben etablierte Kunstmärchen wie beispielsweise die eines Tiecks oder Hofmannsthals in eine Reihe stellen kann. Die Idee, dieses Werk Michael Endes als Kunstmärchen zu betrachten, ist nicht abwegig – das wird die folgende Darstellung zeigen, die sich an der von Paul-Wolfgang Wührl entworfenen Poetologie des Kunstmärchens orientiert.
Dabei wird das Augenmerk zunächst auf das Arsenal des Wunderbaren, das Personal, Konstellationen und Schauplätze desselben zu richten sein. Definitorische Annäherungen bezüglich Begriffen wie dem des Wunderbaren, Phantastischen oder des Kunstmärchens selbst sind dabei unabkömmlich, wenngleich jetzt schon festgestellt werden kann, dass es die Definition dieser Begriffe nicht gibt und nicht geben kann.
Die Idee von „Momo“ als Kunstmärchen ist wie gesagt nicht abwegig, dennoch verschließt sich die Literaturwissenschaft bislang der genaueren Betrachtung von Michael Endes Werk und damit der Auseinandersetzung mit dem Bestseller, der 1973 erschien und recht bald darauf sehr erfolgreich verfilmt wurde.
Inhaltsverzeichnis
0. Einführung
1. Das Wunderbare: Zur Poetologie „Momos“
1.1 Zur Wirklichkeitsauffassung Michael Endes
1.2 Das Arsenal des Wunderbaren
1.2.1 Die Textur
1.2.2 Raum und Zeit
1.3 Personal und Konstellationen des Wunderbaren
1.4 Schauplätze des Wunderbaren
2. „Momo“ als phantastische Erzählung
2.1 Pro phantastische Erzählung
2.2 Contra phantastische Erzählung
3. Ergebnisse
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, Michael Endes Werk „Momo“ unter Anwendung der Poetologie des Kunstmärchens nach Paul-Wolfgang Wührl zu analysieren, um zu bestimmen, ob das Werk als Kunstmärchen klassifiziert werden kann und inwiefern es sich von der Gattung der phantastischen Erzählung abgrenzt.
- Analyse der Wirklichkeitsauffassung bei Michael Ende
- Untersuchung des „Arsenals des Wunderbaren“ (Textur, Raum, Zeit)
- Bewertung von Personal, Konstellationen und Schauplätzen
- Kritische Auseinandersetzung mit der Gattungszuordnung als phantastische Erzählung
- Betrachtung von Initiationsstrukturen im Erzählverlauf
Auszug aus dem Buch
1.2.2 Raum und Zeit
Ein herausragender Aspekt der Kunstmärchengattung ist für Paul-Wolfgang Wührl ein Prinzip, das „die Kohärenz von Raum und Zeit [verändert], die Schwerkraft und die Kausalität auf[hebt] und das Unbelebte [belebt]“29. Diesem Prinzip folgt Michael Ende, wie auch Dietrich Steinbach herausstellt: „Raum und Zeit, die entscheidenden Kategorien der Wirklichkeitswahrnehmung, verlieren ihre Eindeutigkeit und empirische Verlässlichkeit“30. Um dies zu belegen, muss zunächst nach der Darstellung von Zeit in „Momo“ gefragt werden.
Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit. (Momo, S. 61)
Die Zeit ist das zentrale Thema in diesem Werk, es wird als hoher Wert vermittelt (als Vermögen), als Wertmaßstab von sozialen Bindungen (die Eltern haben keine Zeit mehr für ihre Kinder) und schließlich auch als Grund für ontologische Fragen (Momo fragt danach, was die Zeit überhaupt ist). Michael Endes literarische Antwort ist ein Antagonismus; indem er nämlich „Zeit-Diebe“, die Mitarbeiter einer „Zeit-Spar-Kasse“ installiert und Momo gegenüberstellt. Erst indem den Menschen das hohe Gut geraubt wird, sich eine Enteignung vollzieht, findet beim Leser eine eigene Bewertung der Zeit als solche statt. Ende lässt die Erwachsenen in seiner Geschichte zu Verhandlungspartnern der „grauen Herren“ werden, die Kinder hingegen eine Revolution gegen die Zeit-Diebe anzetteln – allen voran Momo, deren Wunsch aus der Not erwächst; sie trachtet nach dem Rückgewinn der geraubten Zeit. Und wie schon angedeutet evoziert der Wunsch das Wunderbare (Vgl. S. 6).
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einführung: Vorstellung des Werkes „Momo“ und Darlegung der Zielsetzung, das Werk gattungstheoretisch als Kunstmärchen einzuordnen.
1. Das Wunderbare: Zur Poetologie „Momos“: Untersuchung der theoretischen Grundlagen des „Wunderbaren“ und deren Anwendung auf Endes literarisches Konzept von Wirklichkeit.
1.1 Zur Wirklichkeitsauffassung Michael Endes: Analyse der philosophischen Sichtweise Endes auf Realität, Imagination und die Rolle der Vorstellungskraft.
1.2 Das Arsenal des Wunderbaren: Überprüfung zentraler Elemente wie Textur sowie Raum-Zeit-Struktur anhand des Katalogs von Wührl.
1.2.1 Die Textur: Diskussion der komplexen Erzählstruktur und der Mischformen im Text als Merkmal des Kunstmärchens.
1.2.2 Raum und Zeit: Analyse der Bedeutung der Zeit als zentrales Motiv und der spezifischen Raumkonzepte in „Momo“.
1.3 Personal und Konstellationen des Wunderbaren: Charakterisierung der Hauptfigur Momo und der funktionalen Rollen der weiteren Akteure.
1.4 Schauplätze des Wunderbaren: Untersuchung der Handlungsorte als Erfahrungsrealität oder phantastische Gegenwirklichkeit.
2. „Momo“ als phantastische Erzählung: Kritische Diskussion der Hypothese, dass „Momo“ eher der phantastischen Erzählung zuzurechnen sei.
2.1 Pro phantastische Erzählung: Darlegung der Argumente, die eine Einordnung als phantastische Erzählung stützen könnten.
2.2 Contra phantastische Erzählung: Gegenargumentation unter Einbeziehung von Initiationsstrukturen und der Definition des Wunderbaren.
3. Ergebnisse: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfrage und Bestätigung der Einordnung von „Momo“ als Kunstmärchen.
Schlüsselwörter
Momo, Michael Ende, Kunstmärchen, Phantastische Erzählung, Zeit, Wunderbares, Wirklichkeit, Poetologie, Paul-Wolfgang Wührl, Initiation, Zeit-Diebe, Literaturwissenschaft, Märchenroman, Raumstruktur, Imagination.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Michael Endes Roman „Momo“ auf seine gattungstheoretische Verortung und prüft, ob das Werk als Kunstmärchen eingeordnet werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Poetologie des Kunstmärchens, die Bedeutung von Zeit, die Wirklichkeitsauffassung des Autors sowie die Abgrenzung zwischen Kunstmärchen und phantastischer Erzählung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die literaturwissenschaftliche Analyse von „Momo“ unter Anwendung der Definitionen von Paul-Wolfgang Wührl, um das Werk präzise zu kategorisieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die sich auf fachspezifische Poetologie-Modelle und Begriffsdefinitionen stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert das „Arsenal des Wunderbaren“ inklusive Textur, Raum und Zeit, die Rollen des Personals sowie die Schauplätze des Geschehens.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Kunstmärchen, Zeit-Diebe, Initiation, Wirklichkeitsauffassung und Michael Ende charakterisiert.
Welche Rolle spielt der „Meister Hora“ in der Argumentation?
Meister Hora fungiert als zentraler Funktionsträger, der das Kind Momo auf die notwendige Suchwanderung führt und somit die gelingende Initiation ermöglicht, was für die Einordnung als Kunstmärchen entscheidend ist.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen Kunstmärchen und phantastischer Erzählung?
Die Arbeit nutzt unter anderem das Kriterium der Initiation: Während die phantastische Erzählung eine misslingende Initiation darstellt, ist sie im Kunstmärchen laut der herangezogenen Theorie als gelingend definiert.
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- René Ferchland (Author), 2008, Michael Endes "Momo" - ein Kunstmärchen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133582