Unter dem Begriff des Doppelgängers versteht man das rätselhafte Pendant eines Menschen, welches in dessen gewohnter Alltagsumgebung in Erscheinung tritt. Bisweilen wirkt dieses Pendant wie von einem unbewussten Automatismus her geleitet - es scheint ihm eine höhere Intelligenz innezuwohnen. Dabei hat jeder Mensch einen unbewussten Schattenbereich, der wesenhaft durch einen Doppelgänger geprägt wird. Er ist ein Wesen, das uns unter Umständen quält oder in den Wahnsinn treibt. Mancher Mensch spürt dessen unbehagliche Nähe und empfindet seinen Doppelgänger als geistige Realität. Dabei wird lediglich ein Teil des eigenen Ichs auf das Feindbild projiziert. Denn es sind Teile von uns selbst, die unsere Abgründe verkörpern, seien sie positiv oder negativ. Wirkt der Doppelgänger auf den ersten Blick furchterregend, so kann er uns jedoch in vielen Bereichen des Lebens unterstützen.
Berichte über Doppelgänger sind in der Literatur häufig anzutreffen. Die fremde Seite nimmt dabei verschiedenste Manifestationen an: Mal ist es der Schatten, der einen verfolgt, mal das zwillingshafte Ebenbild, manchmal auch nur eine flüsternde Stimme. Dabei stelle
"der Schatten [...] immer die 'andere Seite' des Ich dar und verkörpert meistens gerade diejenigen Eigenschaften, die man an anderen Leuten am meisten hasst."1
Die Doppelung findet also in uns selbst statt, und die Erkenntnis unserer scheinbar gegensätzlichen Seite kann dazu dienen, sinnvoll mit ihr umzugehen. Denn ohne diese Seite wären wir nur ein ′′halber′′ Mensch.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung: Der Doppelgänger und Freuds Psychanalyse
II. Hauptteil:
The Tell-Tale Heart und die Unterdrückung der Libido
William Wilson und der Kampf gegen das Gewissen
III. Schluss: Das geteilte Ich
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die psychologische Dynamik der Doppelgänger-Motivik in ausgewählten Kurzgeschichten von Edgar Allan Poe unter Anwendung freudscher und jungscher psychoanalytischer Ansätze.
- Psychoanalytische Interpretation von Poes Kurzgeschichten
- Die Rolle des Doppelgängers als Projektion des Unbewussten
- Konflikt zwischen Es, Ich und Über-Ich
- Thematisierung von Selbstzerstörung und moralischen Gewissenskonflikten
- Vergleich von The Tell-Tale Heart und William Wilson
Auszug aus dem Buch
William Wilson und der Kampf gegen das Gewissen
Auch in William Wilson werden wir Zeuge, wie ein Mensch eine ihm bedrohlich erscheinende seelische Instanz vernichtet. Doch hier fühlt sich der Protagonist nicht von seinem Es, sondern von seinem Über-Ich bedroht. Mit der völligen Verweigerung des "implicit belief in my assertions, and submission to my will," (101) und der Tatsache, dass dieser Protagonist als junger Mann kontinuierlich versucht, "to frustrate those schemes, or to disturb those actions, which, if fully carried out, might have resulted in bitter mischief" (114), zeigt Poe einmal mehr, was passieren kann, wenn man sein wahres Naturell unterdrückt.
William Wilson ist eine Doppelgänger-Geschichte, die verschiedenartig zu interpretieren ist. Bereits der Name ist ein typisches Verwirrungselement: 1.) Die Initialen W kann man als "Double-You" lesen; 2.) Wilson ist die Kurzform von Williamson, bedeutet also "Williams Sohn"; 3.) Vor- und Zuname sind durch die Alliterationen im Klang sehr ähnlich - es entsteht ein Echo-Effekt; 4.) In beiden Namensteilen steckt das Wort will, was soviel wie "Wille" bedeutet (S.97: "I was left to the guidance of my own will"); 5.) außerdem lässt sich der Name in "Will I am Wilson" zerlegen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Der Doppelgänger und Freuds Psychanalyse: Einführung in die literarische Bedeutung des Doppelgängers sowie Erläuterung der psychologischen Grundlagen durch Freud, insbesondere der Instanzenlehre.
II. Hauptteil: Analyse der internen psychischen Kämpfe der Protagonisten in den Kurzgeschichten Poes unter Berücksichtigung von Triebunterdrückung und Gewissenskonflikten.
III. Schluss: Das geteilte Ich: Zusammenfassende Betrachtung der Unmöglichkeit, die eigene Psyche zu verleugnen, und Fazit zur Notwendigkeit einer ausgewogenen Integration der Persönlichkeit.
Schlüsselwörter
Edgar Allan Poe, Doppelgänger, Psychoanalyse, Freud, Jung, Es, Ich, Über-Ich, Schizophrenie, Triebunterdrückung, Gewissenskonflikt, Selbstzerstörung, Projektion, Literaturanalyse, Perversion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert ausgewählte Kurzgeschichten von Edgar Allan Poe unter einem tiefenpsychologischen Aspekt, um die psychische Fragmentierung und den Kampf zwischen verschiedenen Instanzen der Psyche aufzuzeigen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen das Doppelgänger-Motiv, die Psychoanalyse nach Sigmund Freud und C.G. Jung, sowie die Themenbereiche Schuld, Wahnsinn und die Unterdrückung der Libido.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, den "Kampf der Seelen" in Poes Erzählungen zu deuten und aufzuzeigen, wie die Protagonisten durch die Negierung ihrer dunklen Seite in die Selbstzerstörung getrieben werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine psychoanalytische Textinterpretation angewandt, die Begriffe wie Über-Ich, Es, Projektion und Individuationsprozess zur Deutung der literarischen Handlung nutzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich detailliert den Geschichten "The Tell-Tale Heart" und "William Wilson" und beleuchtet die unterschiedlichen Arten, wie die Protagonisten mit ihrem inneren Gewissensdruck und ihrer Triebnatur umgehen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Doppelgänger, Psychoanalyse, Freud, Es, Über-Ich, Schizophrenie und Selbstzerstörung.
Warum wird der "alte Mann" in "The Tell-Tale Heart" als Projektion interpretiert?
Aufgrund der Unschärfe der Person und der symbolischen Bedeutung, die der Erzähler ihr zuschreibt, wird der alte Mann als Spiegelbild der triebhaften Seite des Erzählers gedeutet, die er im Zustand der Angst "beseitigen" will.
Welche Rolle spielt der Spiegel im Finale von "William Wilson"?
Der Spiegel fungiert als endgültige Offenbarung: Wilson erkennt in der finalen Auseinandersetzung, dass er seinen Doppelgänger – und damit sich selbst – bekämpft hat, was das Scheitern seiner Identitätsverleugnung besiegelt.
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- Anja Einhorn (Author), 2003, Die Doppelgängergeschichten "The Tell-Tale Heart" und "William Wilson" von Edgar Allan Poe, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13235