Die Systemtheorie nähert sich dem Gegenstand Kommunikation unter einer spezifischen Leitfrage, und diese lautet: Wie ist Kommunikation möglich? Das ist eine ziemlich ungewöhlnliche Frage, denn wir wissen alle, dass Kommunikation möglich ist. Aber die Systemtheorie stellt diese Frage nicht unbedacht. Sie möchte die Bedingungen analysieren, die Konstellationen aufzeigen, die Faktoren untersuchen, die dazu beitragen, dass wir kommunizieren können.
Gesellschaft besteht aus Kommunikation. Nur durch Kommunikationsakte kommt sie zustande und setzt sich auch nur durch diese fort – das ist gemeint mit der Luhmannschen Formel von der Konstitution und Reproduktion der Gesellschaft durch Kommunikation. Würde die Kommunikation aufhören, wäre die Gesellschaft am Ende.
Kommunikation stellt mithin nicht die Übertragung von Informationen dar, sondern einen evolutionär sich entwickelnden Selektionsprozess, der beobachterabhängig beschrieben werden kann. Die Gesellschaft bildet damit „ein auf der Basis von Kommunikation operativ geschlossenes Sozialsystem“. Das grundlegende Kommunikationsmedium ist die Sprache. Sie ist binär kodiert – insofern als sie für alles, was gesagt wird, die Möglichkeit der Bejahung oder der Negation zur Verfügung stellt. Die Gesellschaft eröffnet sich damit einen Möglichkeitsraum für die beschleunigte Evolution, oder poetisch ausgedrückt: „Die Sprachcodierung ist die Muse der Gesellschaft“. Bejahung und Negation sind universelle Sprachmöglichkeiten und dürfen deshalb nicht mit der Unterscheidung guter und schlechter Nachrichten verwechselt werden.
Der erste Schritt zur Analyse gesellschaftlicher Kommunikationsprozesse ist die Analyse der Kommunikationsmedien. Dazu zählen Sprache, Schrift, Buchdruck, elektronische Medien. In einem gewissen Sinne gehören auch Religion und Moral als kommunikativer Kitt des sozialen Zusammenhalts dazu. Auf diesen einfachen Medien beruhen die komplexeren, symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien. Sie sind evolutionär spätere Produkte und bilden eine Art funktionales Äquivalent zur Moral.
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Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Luhmanns Modell der Kommunikation
- Systematik von Medien sozialer Systeme
- Sprache
- Schrift
- Buchdruck
- Massenmedien
- Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien
- Schlussbetrachtung
- Literaturverzeichnis
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die Hausarbeit befasst sich mit der Medienentwicklung und der Ausdifferenzierung der Gesellschaft aus systemtheoretischer Perspektive. Sie analysiert, wie sich Kommunikationsprozesse im Laufe der Zeit durch die Entwicklung neuer Medien verändert haben und welche Auswirkungen diese Veränderungen auf die Gesellschaft haben.
- Luhmanns Modell der Kommunikation
- Systematik von Medien sozialer Systeme
- Die Rolle von Sprache, Schrift und Buchdruck
- Die Entstehung und Bedeutung von Massenmedien
- Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einleitung führt in die Thematik der Medienentwicklung und der Ausdifferenzierung der Gesellschaft ein und stellt die zentrale Leitfrage der Systemtheorie vor: Wie ist Kommunikation möglich? Sie erläutert die Bedeutung von Kommunikation für die Konstitution und Reproduktion der Gesellschaft und stellt das grundlegende Kommunikationsmedium Sprache vor.
Das Kapitel "Luhmanns Modell der Kommunikation" analysiert den Begriff des Sinns in der Systemtheorie und erklärt, wie Sinn die Komplexität des Handelns und Erlebens reduziert und gleichzeitig auf andere Möglichkeiten verweist. Es wird die doppelte Kontingenz als Grundlage für die Entstehung sozialer Systeme erläutert.
Das Kapitel "Systematik von Medien sozialer Systeme" stellt verschiedene Kommunikationsmedien vor, darunter Sprache, Schrift, Buchdruck und elektronische Medien. Es wird die Unterscheidung zwischen einfachen und komplexen, symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien erläutert.
Häufig gestellte Fragen
Wie definiert die Systemtheorie nach Luhmann 'Gesellschaft'?
Gesellschaft besteht laut Luhmann ausschließlich aus Kommunikation. Nur durch Kommunikationsakte kommt sie zustande und setzt sich fort (Autopoiesis).
Was ist die Funktion von Sprache in der Systemtheorie?
Sprache ist das grundlegende Medium, das durch binäre Codierung (Ja/Nein) einen Möglichkeitsraum für die beschleunigte Evolution der Gesellschaft eröffnet.
Was sind 'symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien'?
Dies sind evolutionär später entstandene Medien wie Geld, Macht, Wahrheit oder Liebe, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Kommunikation trotz doppelter Kontingenz akzeptiert wird.
Welchen Einfluss hat der Buchdruck auf die Gesellschaft?
Der Buchdruck ermöglichte eine massive Ausweitung der Kommunikation und trug entscheidend zur funktionalen Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaft bei.
Was bedeutet 'doppelte Kontingenz'?
Es beschreibt das Grundproblem sozialer Systeme: "Ich tue, was du willst, wenn du tust, was ich will." Da beide Seiten unvorhersehbar sind, muss Kommunikation Strukturen bilden, um möglich zu sein.
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- Vadim Bolbat (Author), 2008, Medienentwicklung und Ausdifferenzierung der Gesellschaft - Systemtheorie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131355