Der Islam ist mittlerweile die am schnellsten wachsende Religion der Welt - bereits jeder fünfte Mensch auf der Erde ist Muslim. Obwohl der Islam große Bedeutung hat, ist das Wissen über das islamische Wirtschafts- und Gesellschaftsverständnis bisher nur wenig verbreitet. Vielmehr wird heute der politische Islam überbetont, wobei nicht berücksichtigt wird, dass die Sozial- und Wirtschaftsauffassung ein wichtiger Faktor in der politischen Orientierung islamisch geprägter Länder ist und hilft ihre gegenwärtige geopolitische Konstellation zu verstehen. Seit den 1970er Jahren gibt es eine Reislamisierungstendenz in vielen islamischen Ländern, die Wirtschaft und Gesellschaft wieder stärker in den normativen Rahmen der Religion einbinden will. Dies steht der westlichen Säkularisierungstendenz entgegen, für die der Islam fremd- bzw. andersartig erscheint. Allerdings sind heutige Zielvorstellungen bzw. Interpretationen der islamischen Wirtschafts- und Sozialordnung auch innerhalb der islamischen Welt nicht einheitlich, da sich z. B. lokale Sonderformen herausgebildet haben und die in den religiösen Quellen vorgegebenen wirtschaftsethischen Anweisungen kaum präzisiert sind.
Mit der vorliegenden Arbeit sollen einzelne Aspekte der islamischen Wirtschaftsethik, wie z. B. das Menschen- und Weltbild und die Einstellung zu Eigentum, näher beleuchtet werden. Eine große Partie wird den beiden charakteristischsten Merkmalen der islamischen Wirtschaftsordnung, der Zakāt und dem Zins- bzw. Wucherverbot, gewidmet sein. Zum Schluss soll der Blick auf das Islamic Banking gelenkt werden, ein Beispiel, wie in der Praxis mit dem islamischen Zinsverbot umgegangen wird, das offensichtlich gerade in der aktuellen Wirtschaftskrise seine Bewährung findet.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Religion und Wirtschaft
3. Islamische Wirtschaftsethik
3.1 Grundlagen
3.2 Welt- und Menschenbild
3.3 Eigentum
3.4 Arbeitsethik
3.5 Erlaubte und verbotene Tätigkeiten
4. Die konstituierenden Merkmale der islamischen Wirtschaftsordnung: Zakāt und Ribā-Verbot
4.1. Zakāt
4.1.1 Definition und Ursprung
4.1.2 Berechnung und Eintreibung
4.1.3 Wer erhält Zakāt?
4.1.4 Bedeutung
4.2. Ribā-Verbot
4.2.1 Definition und Ursprung
5 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die grundlegenden Prinzipien der islamischen Wirtschaftsethik und analysiert deren Einfluss auf wirtschaftliches Handeln sowie die gesellschaftliche Ordnung, insbesondere im Kontext der modernen globalen Finanzmärkte und der aktuellen Wirtschaftskrise.
- Wechselwirkung zwischen Religion und ökonomischen Wertvorstellungen
- Ethisches Menschen- und Weltbild im Islam
- Regulierung von Eigentum und Arbeitsethik
- Funktionsweise der Zakāt als soziale Vermögensabgabe
- Konzept des Ribā-Verbots (Zinsverbot) und dessen praktische Umsetzung im Islamic Banking
Auszug aus dem Buch
3.2 Welt- und Menschenbild
Im islamischen Weltbild ist Gott (Allah) der Schöpfer von allen Dingen auf der Erde und der Mensch ihr nutznießender Verwalter. Er wird von Gott als dessen Stellvertreter auf Erden eingesetzt und hat die Aufgabe Gott zu dienen, indem er Gottes Schöpfung verwaltet, nutzt und bewahrt. Diese Aufgabe zeigt sich in der arabischen Bezeichnung für einen islamischen Gläubigen, „Muslim“, was „der sich Gott Unterwerfende bzw. sich Hingebende“ bedeutet. Im Islam wird individuelle Freiheit mit einer Einladung zum Gehorsam gegenüber Koran und Sunna gleichgesetzt.
Die ihm von Gott gegebenen Fähigkeiten darf der Mensch jedoch nicht missbrauchen; er soll niemandem Schaden zufügen und stets soziale Gerechtigkeit üben. Des Weiteren ist der Gläubige dazu angehalten, wahrhaftig zu sein, also z. B. keinen Diebstahl zu begehen; er darf keine Schwüre brechen, keinen Alkohol konsumieren, keinen Ehebruch begehen, etc. Diese ethischen Verpflichtungen gelten sowohl gegenüber Muslimen, als auch Nichtmuslimen.
Die Umma, die Gemeinschaft der Gläubigen, ist das höchste Gut in der islamischen Philosophie, dem sich der Einzelne unterzuordnen hat. So liegt auch der individuelle Anreiz zu Gewinn und Wachstum darin, einen moralisch höherwertigen Gewinn für die ganze Gemeinschaft zu erzielen. Dieses gemeinschaftsorientierte Verhalten des Einzelnen wird auch als „islamic efficiency“ oder „Islamische Rationalität“ bezeichnet. Der Einzelne hat zwar individuelle, aber keine absoluten Rechte, denn er steht immer in der Pflicht gegenüber der Gesellschaft.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einführung erläutert die wachsende Bedeutung des Islams, die Notwendigkeit einer tieferen wirtschaftsethischen Betrachtung und die Zielsetzung der Arbeit bezüglich der Analyse von Zakāt, Zinsverbot und Islamic Banking.
2 Religion und Wirtschaft: Das Kapitel beleuchtet das gegenseitige Beeinflussungsverhältnis von religiösen Wertvorstellungen und ökonomischen Aktivitäten sowie die Ambivalenz von Religion in der modernen Wirtschaft.
3. Islamische Wirtschaftsethik: Es werden die religiösen Grundlagen wie Koran und Sunna, das islamische Menschen- und Weltbild sowie die spezifischen Vorstellungen zu Eigentum, Arbeitsethik und zulässigen Handlungen dargelegt.
4. Die konstituierenden Merkmale der islamischen Wirtschaftsordnung: Zakāt und Ribā-Verbot: Dieses zentrale Kapitel analysiert die Funktion der Zakāt als Sozialsteuer sowie das Zinsverbot und dessen praktische Ausgestaltung im Islamic Banking unter Berücksichtigung verschiedener Finanzinstrumente.
5 Zusammenfassung: Die Schlussbetrachtung resümiert die allumfassende Rolle des Islams im Wirtschaftsleben und hebt die potenzielle Bedeutung der islamischen Wirtschaftsmodelle in Krisenzeiten hervor.
Schlüsselwörter
Islam, Wirtschaftsethik, Scharia, Zakāt, Ribā-Verbot, Islamic Banking, Umma, Eigentum, Arbeitsethik, Finanzkrise, Halal, Haram, Menschenbild, soziale Gerechtigkeit, Religion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Grundlagen der islamischen Wirtschaftsethik und untersucht, wie religiöse Normen die wirtschaftliche Ordnung, das Eigentumsverständnis und die Finanzpraxis in islamisch geprägten Ländern beeinflussen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen umfassen das islamische Welt- und Menschenbild, die Konzepte der Zakāt (Sozialabgabe), das Ribā-Verbot (Zinsverbot) sowie die praktische Umsetzung dieser Prinzipien im Islamic Banking.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, ein tieferes Verständnis für das islamische Wirtschaftsverständnis zu schaffen und zu beleuchten, wie diese normativen Ansätze eine Alternative oder Ergänzung zu westlichen Wirtschaftsmodellen in der Praxis darstellen können.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, die religiöse Quellen (Koran, Sunna) mit wirtschaftswissenschaftlichen Ansätzen interdisziplinär verknüpft, um die wirtschaftsethischen Konzepte zu systematisieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der theoretischen Grundlagen der islamischen Ethik sowie eine detaillierte Analyse der beiden Hauptsäulen Zakāt und Zinsverbot, ergänzt um Fallbeispiele aus der Praxis des modernen Islamic Banking.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Islam, Wirtschaftsethik, Zakāt, Ribā-Verbot, Islamic Banking, Umma und soziale Gerechtigkeit maßgeblich charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die islamische Sicht auf Eigentum vom westlichen Verständnis?
Im Islam gilt Gott als der absolute Eigentümer aller Dinge; der Mensch ist lediglich ein „Eigentümer auf Zeit“, der verpflichtet ist, Güter zum Wohle der Gemeinschaft einzusetzen und nicht zu horten.
Warum wird das Ribā-Verbot im Kontext der modernen Wirtschaftskrise diskutiert?
Da das Islamic Banking auf dem Verbot spekulativer Finanzgeschäfte und der Kopplung an reale Vermögenswerte basiert, wird diskutiert, ob dieses Modell eine stabilisierende Wirkung haben könnte, von der die westliche Finanzwelt in Krisenzeiten profitieren könnte.
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- Cornelia Steinigen (Author), 2009, Wie eine Religion die Wirtschaft prägt: Grundlagen der islamischen Wirtschaftsethik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129857