Die Arbeit behandelt die Motive autobiographischen Schreibens in Annes Tagebüchern. Dabei wird Bezug genommen auf Philippe Lejeunes Autobiographischen Pakt.
Fast hätte die Welt von Anne Franks Tagebüchern und damit auch von ihrem wichtigen Erbe niemals erfahren. Das Tagebuch war – kontextbedingt – sehr nah an Anne Franks Leben und dem Zeitgeschehen angesiedelt. Es stellt sich nun die Frage, wie Anne über das Tagebuch-Schreiben referiert hat und welche Eindrücke davon sie während des Schreibprozesses selbst bewegt haben. Auch gilt herauszuarbeiten, inwiefern Tagebücher und Autobiographien Schnittmengen aufweisen und ob sie bei Anne Franks Tagebuch aufzufinden sind, hierbei werden explizit Philippe Lejeunes Thesen im „Autobiographischen Pakt“ für die Betrachtung herangezogen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Tagebücher als autographienahe Gattungen
3 Anne Franks Tagebücher
3.1 Das Tagebuch als Zeugenbericht
3.2 Referenzielles Schreiben in Anne Franks Tagebüchern
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Motive des autobiographischen Schreibens in den Tagebüchern von Anne Frank, analysiert dabei die gattungstheoretischen Einordnungen nach Philippe Lejeune und beleuchtet die Funktion des Tagebuchs als Zeitzeugendokument sowie als Medium der Selbstreflexion einer Jugendlichen unter den Bedingungen des Verstecks im Hinterhaus.
- Gattungstheoretische Analyse von Tagebuch und Autobiographie
- Untersuchung der Entstehungsbedingungen und Überarbeitung des Tagebuchs
- Anne Frank als Zeitzeugin und ihr Einfluss auf die Erinnerungskultur
- Die Funktion des Schreibprozesses und die Adressatenausrichtung (fiktive Freundin Kitty)
- Vergleichende Aspekte zu anderen Tagebuchaufzeichnungen in der Zeit des Nationalsozialismus
Auszug aus dem Buch
3.2 Referenzielles Schreiben in Anne Franks Tagebüchern
Der initiale Grund dafür, dass die Verfasserin zu schreiben begann, lässt sich in ihrem ersten Eintrag vermuten. „Ich werde, hoffe ich, dir alles anvertrauen können, wie ich es noch bei niemandem gekonnt habe, und ich hoffe, du wirst mir eine große Stütze sein“ (AT: 11), so lautet einer ihrer ersten Einträge in das geschenkte Tagebuch, kurz nach ihrem 13. Geburtstag. Wie bereits erwähnt wurde, hatte Anne Frank zwar Bekannte und auch Freunde, allerdings sah sie sich auch innerhalb ihrer Familie als eine Art Sonderling, weil sie oft aneckte (AT: 295). Dieser Zustand wurde durch die Beengtheit im Hinterhaus und die Probleme mit der Familie van Pels, sowie ihrem Zimmerkamerad Fritz Pfeffer noch befeuert.
Die Frage, an wen genau sich die Einträge letztendlich richteten, ist sicher auch folglich eine dreigeteilte Antwort, die näherer Betrachtung bedarf. Durch ihre ersten Einträge und ihre Beschreibungen der wenigen Wochen vor dem Umzug ins Hinterhaus, erhält der Leser einen kurzen Einblick, wie die Person Anne Frank vor dem Untertauchen gewesen sein muss. Sie legt deutlich klar, wer das erzählende Ich ist, immer wieder eingestreute, selbstreflektierte Bemerkungen lassen gar keine anderen Rückschlüsse zu, als dass Anne auch zu ihrer eigenen Person eine sehr reflektive Haltung einnimmt. Zunächst mag es also logisch erscheinen, dass ein Tagebuch natürlich die Verfasserin selbst als Adressatin sieht, die eben innerhalb der Einträge auf sich selbst Bezug nimmt, zumindest, wenn man die konventionelle Sicht auf Tagebücher heranzieht.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einführung erläutert die Entdeckung der Tagebücher von Anne Frank, ihren historischen Kontext im Hinterhaus während des Nationalsozialismus sowie Annes ursprüngliche Intention, Autorin zu werden.
2 Tagebücher als autographienahe Gattungen: Dieses Kapitel definiert den Begriff Autobiographie und setzt ihn anhand der Kriterien von Philippe Lejeune in Bezug zu Tagebüchern, die als "autographienahe" Gattungen eingestuft werden.
3 Anne Franks Tagebücher: Dieser Abschnitt analysiert das Tagebuch als wichtiges zeitgenössisches Dokument, wobei besonders die Funktion als Zeugenbericht und die Entwicklung des referenziellen Schreibens der Autorin im Fokus stehen.
4 Fazit: Das Fazit stellt fest, dass das Tagebuch trotz gattungstheoretischer Abgrenzungen zur klassischen Autobiografie eine zentrale Rolle als Zeitzeugenbericht spielt, der nachfolgende Generationen zur Auseinandersetzung mit der Shoah anregt.
Schlüsselwörter
Anne Frank, Tagebuch, Autobiographie, Philippe Lejeune, Holocaust, Zeitzeugenbericht, Hinterhaus, Nationalsozialismus, Kitty, Referenzielles Schreiben, Erinnerungskultur, Identität, Untertauchen, Literaturanalyse, Schreibprozess.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Motive des Schreibens in Anne Franks Tagebüchern und analysiert diese im Kontext ihrer gattungstheoretischen Einordnung sowie ihrer Wirkung als historisches Zeitzeugendokument.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den zentralen Themen gehören die Gattungsproblematik (Tagebuch vs. Autobiographie), die Analyse der Arbeitsweise von Anne Frank an ihren Texten sowie die Rezeption des Werks als mahnendes Zeugnis des Holocaust.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Anne Frank den Schreibprozess nutzte, inwieweit das Tagebuch autoreferenziell auf ihr Leben bezogen ist und warum es trotz seiner Entstehung als privates Dokument eine solch hohe Bedeutung für die Erinnerungskultur erlangt hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Untersuchung herangezogen?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, wobei insbesondere die Thesen von Philippe Lejeune zum "autobiographischen Pakt" angewandt werden, um die Gattung der Tagebücher bei Anne Frank zu bewerten.
Welche inhaltlichen Schwerpunkte werden im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Funktion des Tagebuchs als Zeugenbericht sowie auf dem "referenziellen Schreiben", bei dem die Autorin zunehmend ihre eigene Rolle als Schreiberin und spätere Publizistin reflektierte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Anne Frank, Tagebuch, Autobiographie, Zeitzeugenbericht, Holocaust, Erinnerungskultur und den autobiographischen Pakt nach Lejeune geprägt.
Inwieweit spielte die fiktive Freundin "Kitty" für den Schreibprozess eine Rolle?
Kitty diente als adressierte Gesprächspartnerin, durch die Anne Frank ihre Gedanken strukturieren und ihr Leben im Versteck in einer Form präsentieren konnte, die für eine spätere Veröffentlichung oder Verarbeitung geeignet erschien.
Welchen Einfluss hatte die spätere Überarbeitung auf den Charakter des Tagebuchs?
Die bewussten Ergänzungen und Anmerkungen von Anne Frank zeigen, dass sie eine klare literarische Anspruchshaltung entwickelte und ihr Tagebuch gezielt als Grundlage für eine spätere Veröffentlichung, wie ihre geplante Arbeit "Das Hinterhaus", vorbereitete.
- Arbeit zitieren
- Melanie Galfe (Autor:in), 2022, Motive des autobiographischen Schreibens in Anne Franks Tagebüchern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1251382