Die Pluralisierung von Lebensentwürfen und Wahrheitsansprüchen wird nicht nur in Deutschland, sondern weltweit bewusster und damit bedeutsamer. Für Individuen und komplette Gesellschaften wird die Differenz der eigenen Lebenspraxis und Wahrheit zu Alternativen immer deutlicher und das Gefühl einer existentiellen Entwurzelung und Orientierungslosigkeit stärker. Dieses, von manchen Autoren als Postmoderne bezeichnete Phänomen, beschäftigt sowohl die Philosophie als auch die Religionen: Beide Disziplinen stehen in Form einer "Wahrheitskonkurrenz" zueinander, da sie das Ziel einer Selbstverständigung angesichts dessen, was wir über die Welt – und über uns und unsere Lebenswelt als Entitäten in der Welt – wissen verfolgen.
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In den Nachwirkungen einer vernunftzentrierten und Universalität anpreisenden Aufklärung verweigerte die Philosophie allerdings lange Zeit einen gleichberechtigten und inhaltsbezogenen Austausch mit der Religion. Die Säkularisierungsthese, stand Patron für eine Nicht-Beschäftigung mit der Religion. Erst in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts beschäftigten sich Philosophen erneut mit dem Phänomen der Religion. Das Verhältnis, in dem Religion und Philosophie zueinander stehen, wie sie sich von einander abgrenzen und miteinander koexistieren können, ist allerdings keinesfalls geklärt.
In Anbetracht der Größe dieser Aufgabe erscheint es sinnvoll, in der Philosophiegeschichte nach einem Orientierungspunkt zur Verhältnisbestimmung von Philosophie und Religion zu suchen. Der spätantike Kirchenvater Anicius Manlius Severinus Boethius bietet sich hierfür in mehrfacher Hinsicht als Untersuchungsgegenstand an: Er selbst schrieb zur Epochenwende der Spätantike hin zum Mittelalter, einer Zeit, in der der Austausch zwischen griechischer Philosophie und heidnischer sowie christlicher Theologie sehr aktiv betrieben wurde. Zusätzlich fühlte er sich beiden Disziplinen verpflichtet. Inwieweit kann Boethius Verständnis des Verhältnisses von Philosophie und Religion auch heute noch helfen, diese miteinander zu versöhnen?
Inhaltsverzeichnis
- 1.0 Einleitung
- 2.0 Philosophiegeschichtliche und methodische Überlegungen
- 3.0 Boethius - ein christlicher Philosoph?
- 3.1 Die zeitgenössische Gedankenwelt des Boethius
- 3.2 Boethius Verhältnis von Philosophie und Religion
- 3.2.1 Die Theologischen Traktate
- 3.2.3 Der Trost der Philosophie
- 3.2.4 Die menschliche Erkenntnisbegrenzung in Bezug auf Gott
- 4. Boethius Geltungsanspruch in der heutigen Zeit
- 5. Fazit
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Arbeit untersucht die Relevanz des Denkens des spätantiken Philosophen Boethius im Kontext des heutigen Pluralismus von Lebensentwürfen und Wahrheitsansprüchen. Sie beleuchtet, inwiefern Boethius' Verständnis des Verhältnisses zwischen Philosophie und Religion als Orientierungspunkt für eine Versöhnung dieser beiden Disziplinen im 21. Jahrhundert dienen kann.
- Der Pluralismus von Lebensentwürfen und Wahrheitsansprüchen in der heutigen Zeit
- Die Rolle von Philosophie und Religion im Angesicht des Pluralismus
- Boethius' Leben und Werk im Kontext der Spätantike
- Boethius' Verhältnis von Philosophie und Religion
- Die mögliche Relevanz von Boethius' Denken für die heutige Zeit
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einleitung beleuchtet die aktuelle Situation des Pluralismus und die daraus resultierenden Herausforderungen für Individuen und Gesellschaften. Sie stellt die Frage, wie sich Philosophie und Religion in diesem Kontext zueinander verhalten können.
Kapitel 2 befasst sich mit den philosophiegeschichtlichen und methodischen Überlegungen, die für die Untersuchung des Verhältnisses von Philosophie und Religion relevant sind.
Kapitel 3 widmet sich der Person Boethius. Es untersucht seine zeitgenössische Gedankenwelt und analysiert sein Verhältnis von Philosophie und Religion anhand seiner Schriften, insbesondere der „Theologischen Traktate“ und des „Trostes der Philosophie“.
Kapitel 4 behandelt die Frage, inwieweit Boethius' Denkweise für die heutige Zeit relevant ist.
Schlüsselwörter
Pluralismus, Philosophie, Religion, Boethius, Spätantike, „Theologische Traktate“, „Der Trost der Philosophie“, Wahrheitsanspruch, Lebensentwurf, Säkularisierungsthese, Orientierungspunkt.
Häufig gestellte Fragen
Warum ist Boethius heute noch relevant?
Boethius lebte in einer Zeit des Umbruchs und versuchte, antike Philosophie mit christlichem Glauben zu versöhnen – ein wichtiger Orientierungspunkt für den heutigen Pluralismus.
Was ist das Hauptthema von 'Der Trost der Philosophie'?
Boethius untersucht im Angesicht seines Todes die Frage nach dem Glück, dem Schicksal und der göttlichen Vorsehung durch den Dialog mit der personifizierten Philosophie.
Wie verhalten sich Philosophie und Religion zueinander?
Beide Disziplinen stehen oft in einer 'Wahrheitskonkurrenz', können aber laut Boethius koexistieren, wenn sie als unterschiedliche Wege zur Selbsterkenntnis verstanden werden.
Was bedeutet 'existenzielle Entwurzelung' in der Postmoderne?
Es beschreibt das Gefühl der Orientierungslosigkeit, das durch die Vielzahl widersprüchlicher Lebensentwürfe und Wahrheitsansprüche in modernen Gesellschaften entsteht.
Können Vernunft und Glaube miteinander versöhnt werden?
Die Arbeit analysiert Boethius' Ansatz, wonach die menschliche Vernunft an ihre Grenzen stößt und der Glaube eine notwendige Ergänzung zum Verständnis Gottes darstellt.
- Quote paper
- Gereon Arntz (Author), 2021, Boethius im Zeitalter des Pluralismus. Zur heutigen Relevanz des boethischen Verhältnisses von Philosophie und Religion, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1240267