Die Beziehung zwischen Menschen und ihrer Umwelt, insbesondere ihren natürlichen Ressourcen, ist im Zuge globaler Erwärmung, Klimakatastrophen und Sorgen um unsere jetzige und zukünftige Energiezufuhr besonders aktuell und Thema zahlreicher öffentlicher und wissenschaftlicher Debatten. Hiermit verbunden sind stets auch politisch- gesellschaftliche Konflikte auf nationaler, aber insbesondere auch internationaler Ebene. Es geht vor allem um Zugang und Kontrolle über Ressourcen, wie Erdöl, Ergas, Wasser, Land, aber auch Fauna und Flora. Das Amazonasgebiet wird in diesem Kontext auch oft behandelt und wird vor allem in Zusammenhang gebracht mit der Abholzung des Regenwaldes, dem Fördern und Verschmutzen von Lebensräumen durch Erdöl, sowie den Kampf der indigenen Bevölkerung um ihr traditionelles Territorium und die für ihre Subsistenz darauf befindlichen Ressourcen. Auch in unserer industrialisierten und kapitalistischen Gesellschaft müssen wir uns selbst zunehmend fragen inwieweit wir in die Vorgänge der Natur eingreifen dürfen bzw. schon eingegriffen haben. Bis heute ist in dieser Diskussion ein dualistisches Verständnis der Beziehung Mensch- Umwelt vorherrschend, welches sich in der problematischen Dichotomie Natur- Kultur ausdrückt.
„The nature/culture dualism has provided the baseline for the greater part of scientific thinking throughout this century and has strong, often unrecognized, methodological and epistemological implications for research, including the separation of the natural from the social sciences, both institutionally and intellectually. New ecological research is engaged in the difficult, challenging process of finding practical ways of bridging this divide, and anthropology, which has always worked on both sides of the nature/culture fence, is strategically situated to contribute to this effort.” (Little 1999: 257)
Insbesondere die Ethnologie wird mit diesem dualistischen Konzept immer wieder konfrontiert und herausgefordert in dem Sinne, dass in anderen Völkern, wie z.B. bei den Tukano Natur und Kultur keine binäre Opposition darstellen, sondern Manifestationen ein und derselben Lebensenergie sind.Um dieses Denken bei den Tukanovölkern des Amazonas zu beschreiben hat man sich unterschiedlicher Methoden und Modelle bedient, die versuchen kosmologische und ontologische Vorstellungen und praktisches Wissen über die natürliche Umwelt darzustellen.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung
- 2. Hauptteil
- 2.1. Reichel-Dolmatoffs Modell der ökologischen Kosmologie der Tukano
- 2.2. Luis Cayón: ökologisches Handeln und kosmologische Vorstellungen bei den Makuna
- 2.3. Die Ökosophie bei den Makuna nach Kaj Århem
- 3. Schlussbemerkung
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Arbeit untersucht verschiedene ethnologische Modelle, die das Verhältnis zwischen den Tukano-Völkern des Amazonas und ihrer Umwelt beschreiben. Sie analysiert die Konzepte der Ökokosmologie und Ökosophie bei den Tukano und vergleicht verschiedene Ansätze, um ein umfassenderes Verständnis ihrer ökologischen Praktiken und kosmologischen Vorstellungen zu entwickeln.
- Reichel-Dolmatoffs Modell der geschlossenen ökologischen Kosmologie der Tukano
- Cayóns Kritik an Reichel-Dolmatoffs Modell und sein alternativer Ansatz
- Århems Perspektive auf die Ökosophie der Makuna
- Der Vergleich verschiedener ethnologischer Interpretationen indigener ökologischer Konzepte
- Die Bedeutung der Beziehung zwischen Mensch und Natur im Kontext des Amazonasgebiets
Zusammenfassung der Kapitel
Kapitel 1: Einleitung Die Einleitung stellt die aktuelle Relevanz des Themas der Beziehung zwischen Mensch und Umwelt im Kontext globaler Herausforderungen heraus und führt in die Problematik des Natur-Kultur-Dualismus ein. Sie kündigt die Vorstellung verschiedener ethnologischer Modelle zur Beschreibung der ökologischen Kosmologie der Tukano an.
Kapitel 2.1: Reichel-Dolmatoffs Modell Dieses Kapitel beschreibt das Modell von Gerardo Reichel-Dolmatoff, das die ökologische Kosmologie der Tukano als ein geschlossenes Energiesystem darstellt, in dem ein Gleichgewicht zwischen den Ressourcen und den Bedürfnissen der Bevölkerung durch kosmologische Vorstellungen und soziale Regeln aufrechterhalten wird. Die Rolle des Schamanen und des "Padre Sol" im Energiehaushalt wird erläutert.
Kapitel 2.2: Luis Cayón Dieses Kapitel präsentiert die Kritik von Luis Cayón an Reichel-Dolmatoffs Modell und beschreibt dessen komplexeren und offeneren Ansatz zur Ökokosmologie der Tukano.
Kapitel 2.3: Kaj Århem Das Kapitel behandelt Kaj Århems Gedanken zur Ökosophie der Makuna und stellt diese im Vergleich zu den vorangegangenen Modellen dar.
Schlüsselwörter
Tukano, Amazonas, Ökokosmologie, Ökosophie, Reichel-Dolmatoff, Cayón, Århem, indigene Ökologien, Natur-Kultur-Dualismus, Ressourcenmanagement, kosmologische Vorstellungen, Schamanismus, Energiehaushalt, Schöpfungsmythos.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet "Ökosophie" bei den Tukano-Völkern?
Ökosophie beschreibt ein Weltbild, in dem Natur und Kultur keine Gegensätze sind, sondern als Manifestationen derselben Lebensenergie betrachtet werden.
Wie funktioniert das ökologische Modell von Reichel-Dolmatoff?
Er beschreibt die Kosmologie der Tukano als ein geschlossenes Energiesystem, in dem Schamanen das Gleichgewicht zwischen Ressourcenverbrauch und Natur erhalten.
Was kritisiert Luis Cayón an bisherigen Modellen?
Cayón plädiert für einen offeneren Ansatz, der die Komplexität des indigenen Handelns über starre Gleichgewichtsmodelle hinaus besser abbildet.
Welche Rolle spielt der Schamanismus für die Umwelt im Amazonas?
Schamanen fungieren als Vermittler, die durch Rituale und Regeln den Zugriff auf Fauna und Flora steuern, um die Subsistenz der Gemeinschaft zu sichern.
Warum ist der Natur-Kultur-Dualismus problematisch?
In der westlichen Wissenschaft trennt dieser Dualismus Soziales von Natürlichem, während indigene Völker wie die Makuna eine integrierte Sichtweise pflegen.
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- Nathalie Solis Pérez (Author), 2009, Ökosophie und Ökokosmologie bei den Tukano-Völkern im Nordwest-Amazonas, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123816