Die Themen Freizeit und Umwelt rückten erst spät in den Blickpunkt der Soziologie (vgl. Jäckel 2006, S. 15ff. und Diekmann und Preisendörfer 2001, S. 11) und haben daher eine kurze Forschungstradition. Bis zu einer wissenschaftlich neutralen Auseinandersetzung, und einer thematischen sowie begrifflichen Präzisierung in den 1970er Jahren waren die Standpunkte von unterschiedlichen voreingenommenen Wertungsschienen1 geprägt. Die soziologische Beschäftigung mit dem Thema Freizeit, die verstärkt nach dem zweiten Weltkrieg einsetzte, blieb lange Zeit überwiegend kulturkritisch und sozialkritisch getönt: Die Freizeit wurde gegenüber ihrem Referenzsprektrum, der Arbeit, als wenig ernsthafter Lebensbereich angesehen, der als unvermeidliche Restgröße anfiel (vgl. Elias und Dunning 1971, S. 28ff.). Ihr wurde lediglich die Funktion2 zugestanden, einen Raum für Erholung von den Zwängen des Arbeitslebens zu bieten, mit dem einzigen Zweck, die Kraftreserven für letzteres neu zu füllen (vgl. ebd. und Biggart 1994, S. 672). Der Tourismus hatte innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses von Anfang an einen schweren Stand: Laut Enzensberger3 gibt es nur wenige gesellschaftliche Phänomene, die „so kritisiert und verhöhnt” (vgl. Enzensberger 1962, S. 149) wurden. Insbesondere der aufkommende Massentourismus wurde angeprangert, da durch diesen die bis dato exklusive Reise zur unauthentischen Fließbandware verkommen wäre (vgl. ebd., S. 160f.). Die Kritik an der Freizeitindustrie speiste sich aus der vorherrschenden negativen Stigmatisierung des aufkommenden Massenkonsums und der zunehmenden Kommerzialisierung (vgl. Klein 1993, S. 144 und Biggart 1994, S. 679). Die Freizeitsoziologie und Umweltsoziologie gelten mittlerweile als eigenständige Teildisziplinen. Es gibt jedoch für keine dieser „Bindestrichsoziologien” eine, das jeweilige Gesamtbeziehungsgefüge, umfassende und allgemein gültige Theorie. Forschung und theoretische Fundierungen entwickeln sich stets im interdisziplinären Rahmen (vgl. Lüdemann 1997, S. 5; Diekmann und Preisendörfer 2001, S. 18; Egger und Hardin 2007, S. 3).
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Fragestellung und Aufbau der Arbeit
- Fragestellung der Studie
- Inhaltliche Gliederung
- Präzisierung der thematisch wichtigsten Grundbegriffe
- Der Klimawandel als globales Umweltproblem
- Die touristische Reise und der Familienurlaub
- Umweltbewusstsein und speziell klimaorientiertes Umweltbewusstsein
- Das Rational-Choice Erklärungsprogramm
- Die Komponenten des Paradigma rationalen Handelns
- Der metatheoretische Ansatz des methodologischen Individualismus
- Bausteine und Kernannahmen
- Zusatzannahmen
- Strategien zur empirischen Überprüfung von RC-Annahmen
- Das SEU-Modell
- Grundannahmen
- Formalisierte Darstellung
- Vorgehensweise beim empirischen Einsatz von SEU-Modellen
- Integration: Umweltschonendes Handeln und rationales Handeln
- Einsatz des Paradigma rationalen Handelns in der Umweltforschung
- Die Komponenten des Paradigma rationalen Handelns
- Studie von Diekmann und Preisendörfer: Persönliches Umweltverhalten
- Gegenstand und Messmethodik
- Zentrale Erkenntnisse
- Allgemeine Ergebnisse im kurzen Überblick
- Die Vielschichtigkeit des Umweltverhaltens
- Der Kostencharakter umweltrelevanten Handelns
- Resonanz auf die Studie Diekmanns und Preisendörfers
- Bedeutung für die Umweltforschung und Umweltpolitik
- Diskussion kritischer Einwände
- Forschungsstand im Überblick
- Eingrenzung relevanter Studien
- Die Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V. (F.U.R.)
- Gegenstand und Methodik der Studie: Akzeptanz klimaschonender Verhaltensweisen im Urlaub
- Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse
- Kritik an der Auswertung und Ergebnisinterpretation
- Darstellung der Untersuchungshypothesen
- Hypothesen zum klimaschonenden Reiseverhalten
- Hypothesen im Rahmen des SEU-Modells
- Hypothesen zur Einstellungs- und Wissens-Verhaltens-Relation
- Die Low-Cost-These des Verhaltens
- Luxusgutthese
- Hypothesen zum klimaschonenden Reiseverhalten
- Konzept und Methodik der Studie: Reiseverhalten von Münchner Familien (mit Kindern im Grundschulalter)
- Untersuchungsplan und Datenerhebung
- Begründung der Untersuchungspopulation
- Stichprobenverfahren und Stichprobengröße
- Forschungsdesign und Erhebungsinstrument
- Messung der allgemeinen Reiseaktivitäten der Familien
- Exkurs: Methoden zur Messung des Umweltverhaltens
- Die konventionelle Methode
- Die ökologistische Methode
- Konstruktion der Indizes
- Messung des klimaschonenden Reiseverhaltens (KR)
- Messung des klimaorientierten Umweltbewusstseins (KU)
- Messung des Klimaschutzwissens (KW)
- Messung des Rationalitätskonflikts
- Messung der SEU-Annahmen im Rahmen der Reiseverkehrsmittelwahl
- Untersuchungsplan und Datenerhebung
- Deskriptive Datenanalyse
- Überprüfung der Untersuchungshypothesen
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Arbeit untersucht das Reiseverhalten von Münchner Familien mit Kindern im Grundschulalter, insbesondere im Hinblick auf klimaorientiertes Umweltbewusstsein und klimaschonendes Reiseverhalten. Ziel ist es, die Zusammenhänge zwischen Einstellungen, Wissen, und tatsächlichem Reiseverhalten zu analysieren.
- Klimaorientiertes Umweltbewusstsein von Familien
- Klimaschonendes Reiseverhalten von Familien
- Zusammenhang zwischen Wissen, Einstellung und Handeln
- Anwendung des Rational-Choice-Modells
- Kosten-Nutzen-Analyse von Reiseentscheidungen
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einleitung führt in die Thematik ein und beschreibt den Aufbau der Arbeit. Die Kapitel zur Präzisierung der Grundbegriffe beleuchten den Klimawandel, Tourismus und Umweltbewusstsein. Das Kapitel zum Rational-Choice-Modell erläutert das zugrundeliegende theoretische Framework. Die Darstellung der Untersuchungshypothesen fasst die zentralen Fragen der Studie zusammen. Die Kapitel zur Methodik beschreiben das Forschungsdesign, die Datenerhebung und die verwendeten Messinstrumente. Die deskriptive Datenanalyse präsentiert erste Ergebnisse zum Reiseverhalten der untersuchten Familien.
Schlüsselwörter
Reiseverhalten, Familien, Kinder, Klimawandel, Umweltbewusstsein, Klimaschutz, Rational-Choice-Modell, SEU-Modell, Kosten-Nutzen-Analyse, Reiseverkehrsmittel, Umweltverhalten.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das Ziel der Studie zum Reiseverhalten Münchner Familien?
Die Studie untersucht den Zusammenhang zwischen klimaorientiertem Umweltbewusstsein, Klimaschutzwissen und dem tatsächlichen Reiseverhalten von Familien mit Grundschulkindern.
Was besagt das Rational-Choice-Modell (RC) in der Umweltforschung?
Das RC-Modell geht davon aus, dass Individuen Entscheidungen (z.B. die Wahl des Verkehrsmittels) auf Basis einer Kosten-Nutzen-Abwägung treffen, wobei auch soziale und ökologische Kosten eine Rolle spielen können.
Was ist die "Low-Cost-These" des Verhaltens?
Diese These besagt, dass Menschen eher bereit sind, sich umweltfreundlich zu verhalten, wenn damit geringe Kosten oder nur kleine persönliche Einschränkungen verbunden sind.
Wie wird klimaschonendes Reiseverhalten (KR) gemessen?
Das Verhalten wird über Indizes gemessen, die Faktoren wie die Wahl des Verkehrsmittels (Zug vs. Flugzeug), die Reisedistanz und die Häufigkeit von Urlauben berücksichtigen.
Warum wurde die Zielgruppe "Münchner Familien" gewählt?
Diese Population ermöglicht die Untersuchung einer Gruppe mit oft hohem Bildungsstand und Umweltbewusstsein in einer städtischen Umgebung, die gleichzeitig spezifische Anforderungen an den Familienurlaub stellt.
Welchen Einfluss hat Wissen auf das Umweltverhalten?
Die Arbeit analysiert die Einstellungs-Wissens-Verhaltens-Relation, um zu prüfen, ob ein hohes Klimaschutzwissen tatsächlich zu ökologischeren Reiseentscheidungen führt oder ob andere Faktoren überwiegen.
- Quote paper
- Stephanie Koch (Author), 2008, Studie zum Reiseverhalten von Münchner Familien mit Kindern im Grundschulalter, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122568