Die vorliegenden Arbeit behandelt einen konkreten Aspekt karolingischer Schriftkultur,
nämlich die Bewahrung, Nutzung und Verbreitung von antikem Wissen innerhalb einer auf
christlichen Erlösung ausgerichteten mittelalterlichen Gesellschaft. Dies scheint
widersprüchlich, und es kann definitiv festgehalten werden, dass die Bewahrung antiker Texte
sicher nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit karolingischer Gelehrter stand. Zunächst erfolgt
deshalb eine Einführung in die karolingische Kultur; insbesondere finden die kulturellen
Reformen, welche in der Herrschaftszeit Karls des Großen ihre Höhepunkte erreichten und
unter dem Begriff „karolingische Renaissance“ zusammengefasst werden, ihre
Berücksichtigung. Im Anschluss werden deren Inhalt und Voraussetzungen erläutert und ihre
weitreichenden Folgen für den Schriftgebrauch sowie letztlich auch die Skript- und
Buchproduktion aufgezeigt.
Konkret stelle ich dazu im 3. Kapitel heraus, inwieweit die Schriftkultur der Karolinger für
die Erschließung und Vermittlung von Wissen bedeutsam war. Speziell wird dazu die
Überlieferung antiker nichtchristlicher Texte behandelt werden, deren Kopien uns
hauptsächlich aus der Zeit (nach) der karolingischen Herrschaft vorliegen bzw. uns dank
dieser erhalten geblieben sind. Bei den meisten dieser Werke handelt es sich um fundierende
Texte, auf die sich der moderne Literatur- und Wissenschaftsbetrieb stützt, was deren
Überlieferung umso wichtiger und folgenreicher macht.
Das 4. Kapitel bildet die Zusammenfassung der Arbeit; die Überlieferung antiker Werke vom
Mittelalter bis in die Neuzeit wird dabei ebenfalls thematisiert werden.
Da sich eben die Kernfrage auf die Überlieferung antiker Texte- und nicht etwa auf die
anderer Dokumenttypen wie z.B. Gesetzesurkunden- konzentriert, kann der Schriftgebrauch
innerhalb 'weltlicher' Angelegenheiten nur sehr oberflächlich angesprochen werden.
Desgleichen werden im Rahmen der Arbeit konkrete Aspekte der Schriftpraxis wie z.B. die
Übernahme und Entwicklung von Schriftarten, Herkunft und Details der Schrift, die
Textanordnung, Beschaffenheit des verwendeten Schreibmaterials etc. nicht weiter
ausgeführt. Selbiges gilt für die Herkunft der Karolinger sowie Details zum Leben und Werk
Karls des Großen. Näher eingegangen wird dagegen auf die karolingische Kultur als solche,
d.h. ausdrücklich auf die politischen und gesellschaftlichen Bedingungen, die eine Steigerung
kultureller Aktivität ermöglichten. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Besonderheiten karolingischer Schriftkultur
2.1 Kulturelle Reformen als Grundvoraussetzungen der karolingischen Schriftkultur
2.2 Die Kirchenreform und deren Einfluss auf die karolingische Schriftkultur
3 Die Verbreitung und Vervielfältigung von antiken Handschriften im Karolingerreich
3.1 Organisation der Bildung: Skriptorien und ihre Schreiber
3.2 Materielle Voraussetzungen: Schrift und Schreibmaterial, Kosten der Skript- und Buchproduktion
3.3 Geistige Voraussetzungen: zum Inhalt der Handschriften
3.4 Sonderfall: die antike lateinische Literatur
4 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle der karolingischen Schriftkultur bei der Bewahrung und Verbreitung antiken Wissens innerhalb der christlich geprägten mittelalterlichen Gesellschaft. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich mit dem Einfluss politischer und kultureller Reformen auf die Organisation der Skriptorien sowie die materielle und geistige Produktion von Handschriften.
- Kulturelle und religiöse Reformen während der Herrschaft Karls des Großen
- Organisation und Arbeitsweise klösterlicher Skriptorien
- Materielle Aspekte der Buchproduktion und Kostenstrukturen
- Kanonbildung und Wissenssystematisierung
- Überlieferungsgeschichte antiker lateinischer Texte im Mittelalter
Auszug aus dem Buch
3.4 Sonderfall: die antike lateinische Literatur
Die meisten Kopien klassischer und spätantiker Texte, die uns heute noch vorliegen, wurden im 9.JHD gefertigt. Dazu zählen etliche wertvolle theologische, biblische, grammatische, gesetzliche, wissenschaftliche und philosophische Texte. (McKitterick 1989, S. 153f) Doch wie kam es zu deren Überlieferung?
Bildung sollte sowohl göttlichen als auch weltlichen Bezug haben. Zwar dominierten geistliche Texte, doch waren auch grammatikalische Texte sowie Wörterbücher und Enzyklopädien in Gebrauch. Von den heidnischen Klassikern waren dagegen höchstens einige wenige vertreten. Die solide Basis christlicher Bildung, bestehend aus biblischen Texten wie etwa den Psalmen, wurde gleichwertig durch das Studium der septem artes liberales ergänzt, den sieben freien Künsten, denen ebenfalls ein hoher Stellenwert in der Ausbildung eingeräumt wurde. Denn diese antiken Disziplinen galten als die Grundvoraussetzung zum exakten Studium der Bibel. Das Christentum entwickelte nie ein eigenes Schulwesen, sondern stützte sich in seinen Grundlagen stets auf antikes Wissen, benötigte dazu also auch antike Texte. Eine ablehnende Haltung findet sich trotzdem das gesamte Mittelalter hindurch. Sie entspringt dem Gedanken, christliche Literatur sei der heidnischen überlegen, da sie das Wort Gottes und somit die Wahrheit verkünde, während heidnische Literatur auf falschen moralisch-theologischen Vorstellungen basiere. Trotzdem findet sich keine konsequente Behinderung antiker Literatur, da führende Köpfe sie entweder formaler oder inhaltlicher Art zu schätzen wussten. Immerhin lieferte sie ihnen auch Argumente für die Verbreitung der christlichen Lehre als eine Art Gegenpol bzw. als Beweis oder Beleg für die Irrtümer der Heiden in ethischen und theologischen Fragen. Andererseits konnten heidnische Texte auch zu Trägern christlicher Lehre werden, indem man sie im christlichen Sinne interpretierte
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung umreißt das Ziel der Arbeit, die Bedeutung der karolingischen Schriftkultur für die Bewahrung antiken Wissens zu analysieren und den Rahmen der Untersuchung festzulegen.
2 Die Besonderheiten karolingischer Schriftkultur: Dieses Kapitel erläutert den Einfluss kultureller Reformen und der Kirchenreform auf die Entwicklung der Schriftkultur im Karolingerreich.
3 Die Verbreitung und Vervielfältigung von antiken Handschriften im Karolingerreich: Hier werden die organisatorischen, materiellen und inhaltlichen Rahmenbedingungen sowie die Rolle der lateinischen Antike bei der Buchproduktion detailliert betrachtet.
4 Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert die Bedeutung der karolingischen Bemühungen für die Entstehung und Bewahrung der alteuropäischen Schriftkultur.
Schlüsselwörter
Karolinger, Schriftkultur, Buchproduktion, Skriptorien, Karl der Große, Antike, Handschriften, Reformen, Literalität, Latein, Überlieferungsgeschichte, Pergament, Kodex, Kirchenreform, Bildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Bewahrung und Verbreitung von antikem Wissen und dessen Handschriften während der karolingischen Herrschaftsepoche im Mittelalter.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Schwerpunkte liegen auf den kulturellen und kirchlichen Reformen, der Arbeitsweise von Skriptorien, den materiellen Kosten der Buchproduktion und der Rolle antiker lateinischer Literatur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie karolingische Reformbemühungen die Rahmenbedingungen für die Erschließung und Vermittlung von Wissen schufen und so zum Erhalt antiker Texte beitrugen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturanalyse und historische Quellenbetrachtung, um den Einfluss politischer und gesellschaftlicher Bedingungen auf die Schriftkultur zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Organisation des Bildungswesens, die technischen Voraussetzungen der Buchherstellung, die Systematisierung des Wissens in Katalogen und der Umgang mit heidnischer Antike behandelt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Karolingische Renaissance, Skriptorien, Pergamentkodex, christliche Bildung und Überlieferung antiker Texte.
Wie wurde die Finanzierung der aufwändigen Buchproduktion im Karolingerreich geregelt?
Die Buchproduktion war ein integraler Bestandteil der Ökonomie, unterstützt durch die Gönnerschaft der Herrscher und den Wohlstand der Klöster, wobei Ressourcen wie Pergament oft über Zulieferer beschafft wurden.
Welche Bedeutung hatten Palimpseste für die Überlieferung antiker Texte?
Palimpseste sind für die Überlieferung bedeutsam, da durch das Überschreiben mit neuen Texten ältere, als überflüssig erachtete Werke konserviert wurden, die heute mit modernen Methoden wieder lesbar gemacht werden können.
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- Dipl.Sozialpädagogin Melanie Völl (Author), 2008, Die Verbreitung und Vervielfältigung antiker Handschriften im Karolingerreich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119137