Das Liquiditätsrisiko ist das typischste aller Risiken eines Kreditinstitutes, das derzeit wieder zunehmend an Bedeutung gewinnt. In jüngster Vergangenheit hat sich durch die aufsichtsrechtlichen Anforderungen im Rahmen von Basel II zur Kapitalausstattung das Hauptaugenmerk der Kreditinstitute verstärkt auf die Gegenpartei- und Marktrisiken gerichtet.
Liquiditätsrisiken standen hingegen lange Zeit im Hintergrund der Betrachtung bankbetrieblicher Risiken. Liquidität galt als jederzeit verfügbar und die These „Die Liquidität folgt der Rentabilität beziehungsweise der Bonität“ 1 war weit verbreitet.
Wollte man dieser These Glauben schenken, wäre die jederzeitige Zahlungsbereitschaft für ertragreiche Kreditinstitute sichergestellt. Die jüngsten Turbulenzen an internationalen Kapitalmärkten – mit besonderem Blick auf die Subprime-Krise2 – haben gezeigt, dass die Gültigkeit dieser These in Frage zu stellen ist. Die Subprime-Krise brachte weltweit einen Vertrauensverlust mit sich und viele Banken hatten plötzlich Probleme bei der Beschaffung der benötigten Liquidität.
Die gestiegene Sensibilität für die Liquiditätsrisiken ist jedoch nicht nur auf die Turbulenzen an den internationalen Kapitalmärkten zurückzuführen. Eine entscheidende Rolle spielen auch die methodischen Fortschritte, die eine genauere Quantifizierung und effizientere Steuerung der Liquiditätsrisiken ermöglichen, sowie die gestiegenen aufsichtsrechtlichen Anforderungen.
Die Mindestanforderungen an das Risikomanagement (MaRisk), die seit dem 1. Januar 2008 verbindlich von allen Kreditinstituten einzuhalten sind, enthalten neben generellen Vorgaben zum Risikomanagement in Kreditinstituten detaillierte Vorschriften für das Management von Liquiditätsrisiken. Als weiteres Regelwerk ist die zum 1. Januar 2007 in Kraft getretene Umwandlung des Grundsatzes II3 in die Verordnung über die Liquidität der Kreditinstitute (Liquiditätsverordnung) hervorzuheben.
Inhaltsverzeichnis
1 Problemstellung und Vorgehensweise
2 Bezugsrahmen
2.1 Bankbetriebliche Risiken
2.2 Liquiditätsrisiken in Banken
3 Liquiditätsrisikosteuerung als Teil der Gesamtbanksteuerung
3.1 Ziele der Gesamtbanksteuerung und Liquiditätsrisikosteuerung
3.2 Aufsichtsrechtliche Behandlung des Liquiditätsrisikos
3.2.1 Empfehlungen des Baseler Ausschusses zur Liquiditätssteuerung
3.2.2 Liquiditätsrisiken in Zusammenhang mit MaRisk
3.2.3 Liquiditätsverordnung
3.3 Messung und Steuerung von Liquiditätsrisiken
3.3.1 Klassische Ansätze
3.3.2 Neuere Konzepte
3.3.3 Bewertung der Liquiditätssteuerung in der Praxis
3.4 Funding und Liquiditätsausgleich von Banken im Finanzverbund
3.4.1 Liquiditätsrisikosteuerung im genossenschaftlichen Finanzverbund
3.4.2 Liquiditätsrisikosteuerung in der Sparkassen-Finanzgruppe
3.5 Zusammenfassung
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht die wachsende Bedeutung des Liquiditätsrisikos für Banken und analysiert aktuelle aufsichtsrechtliche Anforderungen sowie moderne Methoden zu dessen Messung und Steuerung in der bankbetrieblichen Praxis.
- Grundlagen bankbetrieblicher Risiken und Einordnung des Liquiditätsrisikos
- Aufsichtsrechtliche Rahmenbedingungen (MaRisk, Liquiditätsverordnung, Baseler Empfehlungen)
- Methoden der Liquiditätsmessung und -steuerung (Liquiditätsablaufbilanz, LaR, LVar)
- Liquiditätsrisikomanagement in Finanzverbünden und Sparkassen-Finanzgruppen
Auszug aus dem Buch
3.3.2 Neuere Konzepte
Die Ansprüche an das Liquiditätsmanagement sind in den letzten Jahren gestiegen, was zur Folge hatte, dass auch die Konzepte zur Messung erweitert und verfeinert werden mussten.
Der Liquidity at Risk (LaR) dient der kurzfristigen Liquiditätssteuerung einer Bank und stellt den erwarteten Nettofinanzierungsbedarf aus allen Zahlungen einer Bank dar, die mit einer festgelegten Wahrscheinlichkeit in einem bestimmten Zeitraum nicht überschritten werden. Ziel ist, aufgrund der in der Vergangenheit beobachteten täglichen Zahlungsein- und -ausgänge eine statistische Modellierung vorzunehmen und eine Verteilungsfunktion zu bestimmen. Er gilt als Indikator für das dispositive Liquiditätsrisiko.
Beim LaR wird, um potenzielle vorher nicht vorhandene Nettofinanzierungsbedarfe zu schätzen, das Liquiditätsrisiko direkt aus den Zu- und Abflüssen der Zentralbankgelder eines Institutes hergeleitet. Die aufwendige Suche nach Verteilungsannahmen für alle Konten des Institutes wird im Gegensatz zur Liquiditätsablaufbilanz vermieden.
Im Konzept des LaR findet die Extremwertstatistik in Form der Peaks-Over-Threshold (POT)-Methode Anwendung. Dies ist die einzige Methode, mit der bisher noch nicht eingetretenen Risikowerten eine Eintrittswahrscheinlichkeit zugeordnet werden kann. Dieses Verfahren hat folgende Vorteile: Aussagen über Wahrscheinlichkeiten von Extremereignissen sind auch über die vergangenheitsbezogenen Daten hinaus möglich und die Unterstellung von zu geringen Wahrscheinlichkeiten für Ereignisse, die sich in den Verteilungsrändern befinden, kann vermieden werden. Die POT-Methode wird von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich besonders hervorgehoben.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Problemstellung und Vorgehensweise: Einleitung in die Relevanz des Liquiditätsrisikos und Darstellung des Ziels der Arbeit, aufsichtsrechtliche Anforderungen sowie Methoden zur Messung und Steuerung zu beleuchten.
2 Bezugsrahmen: Definition des Risikobegriffs und Kategorisierung bankbetrieblicher Risiken, wobei ein besonderer Fokus auf das Liquiditätsrisiko und dessen spezifische Entstehung aus Fristen- und Losgrößentransformation liegt.
3 Liquiditätsrisikosteuerung als Teil der Gesamtbanksteuerung: Detaillierte Analyse der Zielsetzungen, der aufsichtsrechtlichen Anforderungen durch MaRisk und Liquiditätsverordnung sowie der verschiedenen Mess- und Steuerungskonzepte in der Praxis.
4 Fazit: Zusammenfassende Bewertung der gestiegenen Bedeutung des Liquiditätsrisikos und der Notwendigkeit für Banken, interne Steuerungssysteme über die regulatorischen Mindestanforderungen hinaus zu implementieren.
Schlüsselwörter
Liquiditätsrisiko, Gesamtbanksteuerung, Liquiditätsverordnung, MaRisk, Bankbetriebliche Risiken, Liquiditätsrisikomanagement, Liquiditätsablaufbilanz, LaR, LVar, Finanzverbund, Bankenaufsicht, Zahlungsfähigkeit, Refinanzierung, Fristentransformation, Risikotragfähigkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit dem Liquiditätsrisiko als einem der Kernrisiken von Kreditinstituten und dessen zunehmender Bedeutung in der Banksteuerung vor dem Hintergrund neuer regulatorischer Vorgaben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die aufsichtsrechtliche Regulierung, klassische und moderne Methoden der Risikoquantifizierung sowie die Organisation des Liquiditätsmanagements innerhalb von Finanzverbünden.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die inhaltliche Auseinandersetzung mit den aktuellen aufsichtsrechtlichen Neuerungen und die Vorstellung praktikabler Methoden zur Messung und Steuerung von Liquiditätsrisiken in der Praxis.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse sowie der Auswertung empirischer Ergebnisse, insbesondere einer Studie über Liquiditätsmanagement in kleineren Kreditinstituten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Ziele der Gesamtbanksteuerung, die aufsichtsrechtlichen Rahmenbedingungen (MaRisk, LiqV), Instrumente wie den Liquidity at Risk sowie die Besonderheiten im Finanzverbund.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Charakterisierende Begriffe sind Liquiditätsrisiko, Gesamtbanksteuerung, MaRisk, Liquiditätsverordnung, LaR, LVar und bankinterne Mess- und Steuerungsverfahren.
Wie bewertet die Arbeit die MaRisk im Hinblick auf Liquiditätsrisiken?
Die Arbeit hebt die MaRisk als umfassendes Regelwerk hervor, das Liquiditätsrisiken erstmals als eigenständige, wesentliche Risikokategorie definiert, merkt jedoch Unklarheiten bei der Einbindung in das Risikotragfähigkeitskonzept an.
Warum ist das Thema Liquidität für den genossenschaftlichen Finanzverbund relevant?
Der Finanzverbund bietet durch zentrale Funktionen Vorteile bei der Liquiditätsbeschaffung, wobei die Arbeit untersucht, wie diese Verbundstrukturen die Eigenständigkeit und Risikowahrnehmung der einzelnen Institute beeinflussen.
Welche Rolle spielt die Öffnungsklausel der Liquiditätsverordnung?
Die Öffnungsklausel wird als Chance gewertet, da sie Banken erlaubt, eigene, institutsindividuelle Verfahren zur Liquiditätsmessung anzuwenden, anstatt sich rein auf den formalen Standardansatz zu verlassen.
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- Sonja Büdel-Hartmann (Author), 2008, Das Liquiditätsrisiko in Banken und seine wachsende Bedeutung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117187