Im Gegensatz zu Autorinnen wie Benedikte Naubert, deren Schauergeschichten Gegenstand mehrerer Forschungsarbeiten bilden, ist der in dieser Arbeit betrachtete Text von Sophie Albrecht kaum wissenschaftlich untersucht worden. Die umfangreichste Betrachtung unter dem Aspekt der Angsterzeugung als wirkungsästhetisches Prinzip findet sich in der Dissertation von Silke Arnold-de Simine, teilweise auch bei Berit Christine Ruth Royer, jedoch wesentlich weniger ausführlich. Diese Arbeit soll eine Lücke in der Betrachtung von Sophie Albrechts Text schließen, die sich angesichts einiger Erwähnungen des Werks, aber keiner genaueren Betrachtung auftut. Entgegen der ernüchternden Einschätzung Christine Touaillons soll hier das Potenzial einer Geistergeschichte als Mittel der gesellschaftlichen Reflexion aus weiblicher Sicht erkundet werden, welche die Angst der Frauen und die einer Bevölkerung auf der Schwelle zur Moderne motivisch aufarbeitet.
Das weibliche Geschlecht gilt zumeist als zart, schwach und vor allem empfindlicher gegenüber dem Gefühl der Angst. Man sollte meinen, dass sich unter den Konsumierenden sowie Produzierenden der schauerlichen und angsterzeugenden Literatur des ausgehenden 18. Jahrhunderts daher kaum Frauen befanden. Umso überraschender ist es, dass diese den männlichen Autoren unheimlicher Geschichten in Nichts nachstanden: Schreibende Frauen hatten an der Produktion der Schauerliteratur einen ebenso großen Anteil, wie ihre männlichen Kollegen. Ein Großteil von ihnen sah sich angesichts ihrer Werke in einem als unweiblich geltenden Genre jedoch gezwungen, diese anonym oder unter einem Pseudonym zu veröffentlichen.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Theoretische Überlegungen zum Schauerroman um 1800
- Die Geistergeschichte
- Zum Geisterbegriff
- Geister und Angst
- Literarisches Wirken von Frauen um 1800
- Die Geistergeschichte
- Literarisierungsformen der Angst in Sophie Albrechts „Graumännchen oder Die Burg Rabenbühl. Eine Geistergeschichte altdeutschen Ursprungs.“
- Graumännchen als ambivalentes Wesen
- Das Patriarchat als Todesurteil
- Die Familie als Angstraum
- Ein Geist bringt Unordnung in Geschlechterrollen
- Zwischen Religionskritik und Gottesfurcht – Verunordnung der christlichen Wertordnung
- Fazit
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Arbeit untersucht die Darstellung von Angst und die Verunordnung von Geschlechterrollen und christlichen Traditionen in Sophie Albrechts „Graumännchen oder die Burg Rabenbühl. Eine Geistergeschichte altdeutschen Ursprungs.“ aus dem Jahr 1799. Die Arbeit analysiert, wie Albrecht den Geist „Graumännchen“ als fantastisches Motiv einsetzt, um die patriarchale Ordnung in Frage zu stellen und die Grenzen des weiblichen Geschlechts in der Gesellschaft zu überschreiten.
- Die Rolle von Angst und Schauer in der weiblichen Schauerliteratur um 1800
- Die Darstellung von Geschlechterrollen und patriarchalen Strukturen
- Die Verunordnung christlicher Wertvorstellungen und Traditionen durch den Geist „Graumännchen“
- Die literarische Funktion des Geistermotivs als Mittel der gesellschaftskritischen Reflexion
- Die Bedeutung von Sophie Albrechts „Graumännchen“ für die Entwicklung der weiblichen Schauerliteratur
Zusammenfassung der Kapitel
- Einleitung: Die Einleitung stellt den Kontext der weiblichen Schauerliteratur um 1800 dar und erläutert die Besonderheit von Sophie Albrechts „Graumännchen“ als Beispiel für die gesellschaftskritische Tendenz in der weiblichen Schauerliteratur.
- Theoretische Überlegungen zum Schauerroman um 1800: Dieses Kapitel untersucht den Schauerroman als Genre und den Begriff des „Geistes“ als angsterzeugendes Motiv. Außerdem wird die Rolle von Frauen in der literarischen Produktion des 18. Jahrhunderts beleuchtet.
- Literarisierungsformen der Angst in Sophie Albrechts „Graumännchen oder Die Burg Rabenbühl. Eine Geistergeschichte altdeutschen Ursprungs.“: Dieses Kapitel analysiert die Darstellung des „Graumännchens“ und seine Funktion als Vermittler von Angst und Unordnung in der patriarchalischen Gesellschaft und der christlichen Wertordnung.
Schlüsselwörter
Die Arbeit konzentriert sich auf die Schlüsselbegriffe weibliche Schauerliteratur, Geistergeschichte, Angst, Geschlechterrollen, Patriarchat, christliche Wertordnung, Sophie Albrecht, Graumännchen und Verunordnung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in Sophie Albrechts „Graumännchen“?
Es ist eine Geistergeschichte aus dem Jahr 1799, die Angst und Schauer nutzt, um gesellschaftliche Reflexionen aus weiblicher Sicht anzustellen.
Wie wird das Patriarchat im Werk kritisiert?
Die Familie wird als „Angstraum“ dargestellt, in dem die männliche Vorherrschaft oft ein Todesurteil für die weibliche Selbstbestimmung bedeutet.
Welche Rolle spielt der Geist „Graumännchen“?
Das Graumännchen ist ein ambivalentes Wesen, das die bestehende Ordnung und die traditionellen Geschlechterrollen durcheinanderbringt.
Warum schrieben Frauen um 1800 oft anonym Schauerliteratur?
Das Genre galt als „unweiblich“, weshalb viele Autorinnen Pseudonyme nutzten, um gesellschaftlichen Sanktionen zu entgehen.
Wie verhält sich das Werk zur christlichen Tradition?
Albrecht nutzt die Geistergeschichte für eine Verunordnung der christlichen Wertordnung und schwankt dabei zwischen Religionskritik und Gottesfurcht.
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- Lena Schuricht (Author), 2021, Die Angst ist weiblich. Geschlechterrollen und christliche Traditionen in Sophie Albrechts "Graumännchen oder die Burg Rabenbühl", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1168344