Während in England Shakespeare einer der bedeutendsten Vertreter des elisabethanischen Theaters ist und in Italien die Commedia dell’ arte ihre Blütezeit erlebt, feiern in Frankreich Molière und Corneille mit ihrer Anlehnung an die antiken Komödien und Tragödien große Erfolge. In Deutschland gibt es zu dieser Zeit weder eine Mischung noch eine Weiterführung des europäischen Theaters, sondern quasi eine eigene Gattung. Beeinflusst von niederländischen Wandertruppen und der Jesuitenbühne, und erwachsen aus dem Breslauer Schultheater, ist Gryphius wohl einer der bedeutendsten Vertreter des Schlesischen Trauerspiels. Für ihn wie für andere Dramatiker ist die Poetik des Aristoteles Grundlage des Dramas, das in Opitz’ Buch von der deutschen Poeterey oder Harsdörffers Poetischem Trichter weiter bestimmt wird. Gryphius verarbeitet in seinen fünf Dramen fast ausschließlich geschichtliche Stoffe, die durchaus aktuelle politische Positionen beziehen können. Ein weiterer wichtiger Vertreter des Barockdramas ist Daniel Casper von Lohenstein. Im Gegensatz zu Gryphius schreibt er jedoch nicht reine Geschichts- oder Märtyrerdramen, sondern zeigt gerade in seinen Frauendramen wie Sophonisbe oder Cleopatra stark sinnliche Züge.1 Nach Lothar Baier belässt er das Schöne und allen Schein in der Welt, und seine Figuren sind nicht ausschließlich Märtyrer, Tyrannen, Lüstlinge, sondern tragen nur deren Züge.2
Weitere Trauerspielautoren wie Christoph Kaldenbach oder Johann Christian Hallmann orientieren sich eher an diesen beiden großen Dramatikern und führen die Tradition des schlesischen Trauerspiels fort3.
In dieser Arbeit soll es um Gryphius’ Märtyrerdrama Catharina von Georgien gehen, welches ich anhand von Charakterisierungen der Hauptpersonen auf seine Liebesthematik hin untersuchen werde, um im Anschluss daran das thematische Zusammenspiel von Handlung und Form des Dramas zu erläutern. Letzteres wird unter besonderer Beachtung der Reyen und ihrer Bedeutung geschehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Charakterisierungen der Hauptfiguren und deren Verknüpfung
2.1 Charakterisierung Catharina von Georgien unter besonderer Beachtung des religiösen Hintergrundes
2.2 Charakterisierung Chach Abas
2.3 Verknüpfung der Hauptfiguren durch einen Liebesvergleich
3. Aufbau und Form des Trauerspiels und ihre Bedeutung
3.1 Form und Inhalt
3.2 Die Reyen und ihre Bedeutung
4. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht Andreas Gryphius’ Märtyrerdrama „Catharina von Georgien“ unter dem Fokus der Liebesthematik und des Zusammenspiels von dramatischer Form und inhaltlicher Aussage.
- Charakterisierung der Hauptfiguren Catharina von Georgien und Chach Abas
- Gegenüberstellung von christlicher Glaubenstreue und irdisch-egoistischer Machtgier
- Analyse der formalen Struktur des Trauerspiels und der Funktion der „Reyen“
- Einordnung des Werkes in die Tradition des schlesischen Trauerspiels des Barock
Auszug aus dem Buch
Charakterisierung Catharina von Georgien unter besonderer Beachtung des religiösen Hintergrundes
In seiner Studie zu Wirklichkeit und Handeln im barocken Drama sagt Harald Steinhagen, die Charaktere im Trauerspiel des Gryphius seien noch keine individuellen Figuren, sondern „Exemplare einer Gattung“, die sich als „allegorische Vergegenständlichung abstrakter Eigenschaften oder Funktionen leblos und statuarisch“ darstellen. Dieser Aussage kann man sich im Falle der Catharina nicht ohne weiteres anschließen, wie die folgenden Ausführungen zeigen sollen.
In erster Linie ist Gryphius’ Catharina von Georgien eine Märtyrergestalt, wie auch das Trauerspiel an sich eines der besten Beispiele für ein barockes Märtyrerdrama ist. „Autonomes Handeln unter dem Schein extremer Heteronomie – so wäre das Wesen der Märtyrergestalten auf den Begriff zu bringen“. Entscheidend für Catharina ist – vor allem im Vergleich zu anderen europäischen Märtyrerdramen, aber auch zu anderen Trauerspielen Gryphius’ - ihre durch und durch christlich motivierte Beständigkeit, aufgrund derer sie schließlich noch im Tod triumphiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das schlesische Trauerspiel des Barock und Vorstellung der Zielsetzung, Gryphius’ „Catharina von Georgien“ hinsichtlich seiner Liebesthematik und Form zu untersuchen.
2. Charakterisierungen der Hauptfiguren und deren Verknüpfung: Detaillierte Analyse der Gegenspieler Catharina und Chach Abas sowie deren unterschiedlicher Motivationslagen zwischen Glauben und Macht.
2.1 Charakterisierung Catharina von Georgien unter besonderer Beachtung des religiösen Hintergrundes: Darstellung der Catharina als Märtyrergestalt, deren Standhaftigkeit aus ihrem christlichen Glauben und ihrer Beständigkeit resultiert.
2.2 Charakterisierung Chach Abas: Charakterisierung des Tyrannen als Gegenspieler, dessen Handeln primär durch Machtgier und irrationale, affektgesteuerte erotische Ansprüche bestimmt ist.
2.3 Verknüpfung der Hauptfiguren durch einen Liebesvergleich: Untersuchung des zentralen Gegensatzes zwischen Catharinas heiliger Christusliebe und der irdisch-erotischen Leidenschaft von Chach Abas.
3. Aufbau und Form des Trauerspiels und ihre Bedeutung: Analyse der klassischen Fünfaktstruktur und der Einhaltung barocker Tragödien-Definitionen nach Opitz und Aristoteles.
3.1 Form und Inhalt: Zusammenfassung der Handlungsstruktur und Erläuterung der Bedeutung der antagonistischen Figurenkonstellation für das Genre des Märtyrerdramas.
3.2 Die Reyen und ihre Bedeutung: Untersuchung der Funktion der Chorlieder (Reyen) als Handlungskommentierung und Mittel zur Vermittlung der poetischen Aussage.
4. Schlusswort: Resümee der Untersuchungsergebnisse und Ausblick auf weiterführende Vergleichsmöglichkeiten mit anderen Autoren wie Lohenstein.
Schlüsselwörter
Andreas Gryphius, Catharina von Georgien, Barockdrama, Märtyrerdrama, Beständigkeit, Chach Abas, Reyen, Schlesisches Trauerspiel, Literaturwissenschaft, Christusliebe, Machtgier, Tragödie, Aristotelische Poetik, 17. Jahrhundert.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Trauerspiel „Catharina von Georgien“ des bedeutenden Barock-Dramatikers Andreas Gryphius unter besonderer Berücksichtigung der Liebesthematik und der formalen Gestaltung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Mittelpunkt stehen die Charakterisierung der antagonistischen Hauptfiguren, die Kontrastierung ihrer Liebesverständnisse sowie die Funktion der „Reyen“ innerhalb der Dramenstruktur.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, das Werk nicht nur in seinem historischen Kontext als Barockdrama zu verorten, sondern die spezifische Charakterentwicklung und den moralischen Triumph der Titelfigur darzulegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die auf der Interpretation des Primärtextes und der kritischen Auseinandersetzung mit der gängigen Sekundärliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Charakterisierung der Hauptfiguren Catharina und Chach Abas, einen Liebesvergleich sowie eine formale Untersuchung von Aufbau und den für das Stück zentralen „Reyen“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung am besten?
Zentrale Begriffe sind Märtyrerdrama, Beständigkeit, Barock, Gryphius, Liebesthematik und die antagonistische Figurenkonstellation.
Warum ist die „Beständigkeit“ für die Figur der Catharina so zentral?
Die Beständigkeit dient als Bindeglied zwischen Zeitlichkeit und Ewigkeit, die es Catharina ermöglicht, trotz irdischen Leidens ihrem Glauben treu zu bleiben und ihren moralischen Sieg zu erringen.
Welche Funktion erfüllen die „Reyen“ im Trauerspiel?
Neben dem notwendigen Pausenfüller zwischen den Akten dienen die „Reyen“ der Kommentierung der Handlung und der gezielten Vermittlung der poetischen und moralischen Aussagen des Dichters.
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- Astrid Matron (Author), 2002, Catharina von Georgien. Untersuchung des Trauerspiels von Andreas Gryphius, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11649