Es gibt mehrere Gründe, warum die Zukunftsethik des jüdischen Philosophen Hans Jonas (1903-1993) sich gut für eine Unterrichtsreihe in der Schule eignet. Vom Lehrplan aus betrachtet sollen die Schüler mit philosophischem Denken bekannt gemacht werden, indem sie sich mit philosophischen Texten auseinandersetzen.
Außerdem besteht der Anspruch, Themen zu wählen, die den Schülern nicht völlig fremd sind und sie in ihrer momentanen Situation ansprechen. Da man die ethischen Leitsätze von Hans Jonas an den unterschiedlichsten Beispielen aufzeigen kann, besteht hier die Möglichkeit, sich je nach Schülerinteresse mit der Gentechnik, der Sterbehilfe oder einem anderen Bereich zu beschäftigen. Eine möglichst enge Verbindung von Thema und Interessen der Schüler und Schülerinnen ist schon im Lehrplan verankert, wenn die „Vermittlung von ethisch relevantem Sachwissen, dessen Bezugspunkt die Lebenswelt der Schüler ist“ als eins der Ziele des Ethikunterrichts genannt wird.
Das vermittelte theoretische Wissen sollte also immer im Bezug zur Lebenswelt der Schüler stehen und konkrete Handlungs- und Entscheidungshilfe bieten, so dass die Schüler sich persönlich angesprochen fühlen und – im Idealfall – vom Unterricht fürs Leben profitieren.
Jonas Ethik behandelt keine schwer verständlichen, abstrakten Probleme, sondern thematisiert eine inzwischen allgemein anerkannte Problemsituation, die durch die technischen Möglichkeiten des Menschen entstanden ist. Einige Schüler werden eines Tages die künftigen Ärzte, Politiker und Firmenchefs sein, die vielleicht in ihrem Leben aufgrund ihrer (politischen) Macht vor schweren ethischen Entscheidungen stehen werden. Aber auch wenn die meisten Menschen nicht in solche Machtpositionen gelangen, bleiben ihnen ethische Entscheidungen nicht erspart. Eine Sensibilisierung für die Bedrohtheit der Natur und allen Lebens einschließlich des Menschen durch menschliches Tun und der daraus erwachsenden Verantwortung halte ich daher für extrem wichtig.
Im Lehrplan wird für die Klasse 11/12 die Verantwortungsethik explizit genannt. Im Folgenden werde ich einen knappen Überblick über Jonas Ethik geben, die dem Lehrer vertraut sein sollte, und dann auf die nähere Unterrichtsplanung, Lernziele und genauen Verlauf der Unterrichtseinheit eingehen. Das verwendete Material findet sich im Anhang.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Sachanalyse
2.1 Hans Jonas Verantwortungsethik
2.2 Der neue Imperativ
2.3 Entwicklung einer Zukunftsethik - Problematik
2.4 neue Formen der Verantwortung
3. Didaktische Analyse
3.1 Vorbemerkung
3.2 Lernziele
3.2.1 Inhaltliche Lernziele
3.2.2 Methodische Lernziele:
3.2.3 Umsetzung der Lernziele
3.3. geplanter Unterrichtsverlauf
3.4. Begründung der verwendeten Methoden
4. Resumee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit entwickelt einen fiktiven Unterrichtsentwurf für die 11. Klasse, der die Zukunftsethik von Hans Jonas in den Mittelpunkt stellt. Das primäre Ziel ist es, Schülern ein Verständnis für die ethische Verantwortung gegenüber den unbeabsichtigten Folgen technischen Handelns zu vermitteln und sie zur Ausbildung einer eigenen moralischen Urteilsfähigkeit in komplexen Dilemmasituationen anzuregen.
- Grundlagen der Verantwortungsethik nach Hans Jonas
- Vergleich zwischen Kants kategorischem Imperativ und dem neuen Imperativ von Jonas
- Die Heuristik der Furcht als pädagogisches Werkzeug
- Förderung der moralischen Urteilsfähigkeit durch Dilemma-Diskussionen
- Verantwortung für zukünftige Generationen und die ökologische Lebensgrundlage
Auszug aus dem Buch
2.3 Entwicklung einer Zukunftsethik - Problematik
Da man keine genauen Vorhersagen machen kann, die die Auswirkungen in der fernen Zukunft und das Ausmaß der Schäden aufgrund von Fernwirkungen heutigen Handelns anbelangen, ist die Entwicklung einer Zukunftsethik nicht einfach, denn „Zukunftswissen ist per se kein Wissen von Fakten, sondern eines von Möglichkeiten.” Da Jonas aber überzeugt ist, dass die Menschheit dringend einer solchen Ethik bedarf, um sich in ihrem Handeln zu beschränken, schlägt Jonas die „Heuristik der Furcht“ vor. Es gehört somit zu unserer Pflicht, „uns zukünftige Ereignisse als Fernwirkungen gegenwärtigen Handelns so anschaulich wie irgend möglich darzustellen; das heißt, wir müssen uns mit Hilfe unserer Vorstellungskraft vom größtmöglichen Unfall ein Bild machen, uns eine öde, radioaktiv verseuchte Erde ohne Wälder unter riesigem Ozonloch vorstellen.“ Diese Vorstellung bezeichnet Jonas als „die erste Pflicht der Zukunftsethik.“
Die Vorstellung alleine reicht allerdings nicht aus und es wird zur „zweiten Pflicht“, sich darum zu bemühen, ein dieser Vorstellung angemessenes Gefühl zu bekommen. Dieses durch die schreckliche Vorstellung hervorgerufenen Gefühl der Furcht soll uns die Bedeutung und die Dringlichkeit einer Handlungsänderung vor Augen führen und uns darin bestätigen, dass eine neue Ethik unerlässlich ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit begründet die Auswahl von Hans Jonas’ Zukunftsethik für den Ethikunterricht aufgrund ihrer Relevanz für Umweltfragen und technische Entwicklungen.
2. Sachanalyse: Dieses Kapitel erläutert die Grundgedanken von Hans Jonas, den neuen kategorischen Imperativ, die Notwendigkeit der Heuristik der Furcht sowie die veränderte Natur der Verantwortung.
3. Didaktische Analyse: Hier wird der Entwurf der Unterrichtseinheit inklusive der Lernziele, des geplanten Verlaufs und der methodischen Begründung für eine 11. Klasse dargelegt.
4. Resumee: Die Autorin reflektiert die Möglichkeiten, die ethische Problematik in zukünftigen Unterrichtsstunden weiter zu vertiefen.
Schlüsselwörter
Hans Jonas, Prinzip Verantwortung, Zukunftsethik, Verantwortungsethik, Kategorischer Imperativ, Heuristik der Furcht, Ethikunterricht, Didaktik, Moralerziehung, Dilemma-Diskussion, Umweltethik, Technikethik, Urteilsfähigkeit, Nachhaltigkeit, Anthropozentrismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit erstellt einen didaktischen Entwurf für den Ethikunterricht in der Oberstufe, der die philosophischen Konzepte von Hans Jonas zur Verantwortungsethik als Grundlage nutzt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Arbeit behandelt die ethische Verantwortung gegenüber der Natur, die Folgen des technischen Fortschritts sowie die didaktische Vermittlung von moralischen Dilemmata.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Hans Jonas' „Prinzip Verantwortung“ in einer Unterrichtseinheit so aufbereitet werden kann, dass Schüler ihre eigene Urteilsfähigkeit in einer technisierten Welt schärfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine sachanalytische Aufarbeitung der Primärliteratur von Hans Jonas und verknüpft diese mit didaktischen Theorien, etwa zur Dilemma-Diskussion und Hermeneutik.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine philosophische Sachanalyse von Jonas' Werk und eine methodisch-didaktische Unterrichtsplanung für eine Doppelstunde.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Verantwortungsethik, Heuristik der Furcht und moralische Identität charakterisiert.
Warum spielt die Heuristik der Furcht eine zentrale Rolle bei Jonas?
Die Heuristik der Furcht dient dazu, sich die möglichen negativen Folgen heutigen Handelns für die Zukunft anschaulich vor Augen zu führen, um so die Dringlichkeit ethischen Handelns zu motivieren.
Wie unterscheidet sich der Imperativ von Jonas von dem Kants?
Während Kants Imperativ auf logische Selbstverträglichkeit und die Handlungsabsicht zielt, fokussiert sich Jonas auf die Folgen des Handelns und die Sicherung der dauerhaften Existenz der Menschheit.
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- Lydia Kanngießer (Author), 2007, Entwurf einer Unterrichtseinheit für das Fach Philosophie. Das "Prinzip Verantwortung" von Hans Jonas, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115533