Der Untertitel dieser Arbeit – Warum christlich motivierte Soziale Arbeit die Professionalisierung Sozialer Arbeit behindert – hört sich zunächst nach einer Provokation an, die man als grundsätzlichen Angriff gegen den christlichen Glauben werten könnte. Dies ist aber nich die Intention dieser Arbeit. Viel mehr wird aufgezeigt, aus welchen ethischen Positionen heraus Soziale Arbeit einerseits als Hilfe und andererseits als Dienstleitung betrachtet werden kann. Damit gehen letztendlich auch institutionelle Gesichtspunkte einher, welche die Professionalisierung Sozialer Arbeit beeinflussen.
Dazu wir zunächst geklärt, was Ethik den überhaupt ist, wie sie sich von der Moral abgrenzt und welche Einteilungen innerhalb der Ethik möglich sind.
Das dritte Kapitel zeigt auf, was unter Hilfe aus christlicher Sicht zu verstehen ist. Dieser position wird Soziale Arbeit als lebensweltorientierte Dienstleistung gegenübergestellt. Die weiteren Abschnitte des dritten Kapitels thematisieren die ethischen Implikationen zum Helfermodell ebenso wie die zum Dienstleistungsmodell.
Auf Grundlage der im dritten Kapitel vorgestellten ethischen Positionen erfolgt eine Auseinandersetzung darüber, wie sich diese Positionen auf die Professionalisierung Sozialer Arbeit auswirken. Dazu werden zunächst, zumindest rudimentär, die verschiedenen Diskursstränge innerhalb der Professionalisierungsdebatte der Sozialen Arbeit vorgestellt. Der Professionalisierungsdiskurs innerhalb der Sozialen Arbeit wird dann hinsichtlich der für Professionen notwendigen Rahmenbedingungen beleuchtet. Insbesondere wird die Verstrickung von Staat und Staatskirchen und die damit zusammenhängenden Rahmenbedingungen Sozialer Arbeit auch unter ethischen Gesichtspunkten betrachtet. Dies sind überwiegend die Berufsausbildung, der berufliche Zugang und die Institutionellen Bedingungen, sowie die berufsständischen Vereinigungen und deren berufsethischen Standards.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ethik und Moral
2.1. Einteilung der Ethik
2.1.1 Gesinnungsethik
2.1.2 Erfolgsethik
2.1.3 Verantwortungsethik/Diskursethik
3. Hilfe oder Dienstleistung in der Sozialen Arbeit?
3.1. Hilfe aus christlicher Sicht
3.2. Lebensweltorientierte Dienstleistung
3.3. Ethische Betrachtungen zu Hilfe und Dienstleistung.
3.3.1 Ethische Implikationen zum Helfermodell
3.3.2 Ethische Implikationen zum Dienstleistungsmodell
3.3.3 Dienstleistung und Hilfe als zeitgemäße Einheit.
4. Auswirkung der ethischen Position auf die Professionalisierung Sozialer Arbeit
4.1. Professionalisierung Sozialer Arbeit
4.2. Verstrickung von Staat und Staatskirchen in Deutschland
4.3. Wie die Kirchen die Professionalisierung Sozialer Arbeit behindern
4.4. Berufsausbildung
4.5. Beruflicher Zugang und Institutionelle Bedingungen
4.6. Berufsständische Vereinigungen und berufethische Standards
5. Schlussbetrachtungen
6. Literatur
Zielsetzung und Themenbereiche
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen christlich motivierter Hilfe und der Professionalisierung der Sozialen Arbeit. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich damit, inwiefern die Bindung an ein religiöses Menschenbild und die damit einhergehenden institutionellen Rahmenbedingungen die Entwicklung der Sozialen Arbeit zu einer eigenständigen Profession hemmen oder beeinflussen.
- Ethische Grundlagen: Vergleich von Gesinnungsethik, Erfolgsethik und Diskursethik.
- Modellvergleich: Analyse des christlichen Helfermodells gegenüber lebensweltorientierten Dienstleistungsansätzen.
- Institutionelle Hemmnisse: Untersuchung der Verflechtungen zwischen Staat und Staatskirchen im Kontext der Berufsausbildung und Beschäftigungsbedingungen.
- Professionstheorie: Debatte um den Status der Sozialen Arbeit als Profession im Kontext gesellschaftlicher Rahmenbedingungen.
Auszug aus dem Buch
3.3.1 Ethische Implikationen zum Helfermodell
Im Helfermodell steckt eine ethische Überzeugung, die Hilfe als einseitiges Engagement des Helfers für andere definiert. Somit ist Hilfe dadurch gekennzeichnet, dass zu tun was dem Hilfeempfänger gut tut. Es ist aber zu bedenken, dass nicht alles was gut tut auch nützlich ist. Schließlich sind die Mittel für Hilfen begrenzt. Hilfsmittel mit dem „Gießkannenprinzip“ unkontrolliert zu verteilen kann daher zu Ungerechtigkeiten führen. Somit benötigt Hilfe immer auch Kontrolle, also genau das was wir in der Sozialen Arbeit als Doppelmandat bezeichnen. Als Folge wird der altruistische Helfer den Kontrollauftrag mit dem Doppelmandat begründen, allerdings besteht die Gefahr, dass der Hilfesuchende hierdurch moralisch diskreditiert wird. Dabei ist nicht die Kontrolle an sich der problematische Aspekt, denn einem Menschen zu helfen geht immer ein Stück weit mit Kontrolle einher. Moralisch verwerflich ist es jedoch, wenn das Hilfeverlangen an sich diffamiert wird, um dem Helfer den Entzug von Hilfen leichter zu machen.
Andererseits, und das ist ein weiterer deutlicher Aspekt des Helfermodells, wir dem Helfenden ein hohes Maß an ethischer Verantwortung abverlangt. Aber auch diese Verantwortung die der Selbstdefinition als Helfer Inne wohnt kann von zwei Seiten her problematisch werden: „Die eine Seite der Selbstdefinition als „Helfer“ bzw. „Helferberuf“ ist also ein gewisser ethischer Rigorismus, eine unbedingte Pflicht zum „sozialsittlichen Engagement“, die auch selbstquälerische Züge annehmen kann. Dieser hohe Selbstanspruch hat aber für das Helferbewusstsein zumeist verdeckt – und das ist die andere Seite –, was Hilfeempfänger stets in irgendeiner Form wußten und zum Ausdruck brachten: daß Hilfe annehmen zu müssen immer etwas moralisch Diskreditierendes, Schamvolles hat,…“ (B. Müller 1995 S.102)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert die Zielsetzung der Arbeit, das Spannungsfeld zwischen christlicher Hilfe und Dienstleistungsmodell sowie den Aufbau der Argumentation.
2. Ethik und Moral: Dieses Kapitel definiert und grenzt Ethik von Moral ab und stellt mit der Gesinnungs-, Erfolgs- und Diskursethik drei zentrale ethische Orientierungsmodelle vor.
3. Hilfe oder Dienstleistung in der Sozialen Arbeit?: Das Kapitel kontrastiert das christliche Helfermodell mit dem lebensweltorientierten Dienstleistungsmodell und erörtert die ethischen Konsequenzen beider Ansätze für die Praxis.
4. Auswirkung der ethischen Position auf die Professionalisierung Sozialer Arbeit: Hier werden die Auswirkungen der ethischen Grundhaltungen auf die strukturellen Rahmenbedingungen, die Ausbildung und die Anerkennung der Sozialen Arbeit als Profession analysiert.
5. Schlussbetrachtungen: Das Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und diskutiert die Notwendigkeit einer Ablösung von klerikalen Strukturen zugunsten einer diskursiven Professionalisierung.
Schlüsselwörter
Soziale Arbeit, Professionalisierung, Ethik, Gesinnungsethik, Diskursethik, Helfermodell, Dienstleistungsmodell, Lebensweltorientierung, Christliches Menschenbild, Staatskirchen, Professionalisierungsdiskurs, Berufsethik, Institutionelle Rahmenbedingungen, Doppelmandat, Verdinglichungsverbot.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkung zwischen christlich motivierter Sozialer Arbeit und deren Einfluss auf die Professionalisierung des Berufsfeldes.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder umfassen ethische Theorien, den Vergleich von Helfer- und Dienstleistungsmodellen sowie die institutionelle Verflechtung von Staat und Kirche in Deutschland.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie bestimmte ethische Positionen, insbesondere eine christlich geprägte Gesinnungsethik, den Prozess der Professionalisierung in der Sozialen Arbeit erschweren können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer ethischen und professionstheoretischen Analyse unter Einbeziehung relevanter Fachliteratur und Dokumentenanalyse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der Ethik, den Vergleich von Hilfe- und Dienstleistungskonzepten sowie eine detaillierte Kritik an den institutionellen und ausbildungsbezogenen Strukturen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Professionalisierung, ethische Positionen, christliches Menschenbild, Lebensweltorientierung und Staatskirchenvertragsrecht.
Inwiefern beeinflussen kirchliche Leitbilder die Ausbildung?
Die Arbeit kritisiert, dass kirchliche Hochschulen durch die Verpflichtung auf ein spezifisch religiöses Menschenbild die Entwicklung neutraler, fachlich-diskursiver Standards für die Profession erschweren.
Warum wird die „Kirchenklausel“ problematisiert?
Die Autorin sieht in der Einschränkung des Arbeitsmarktzugangs für Sozialarbeiter aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit ein Hindernis für die Entwicklung einer eigenständigen Profession, die primär auf fachlicher Qualifikation basieren sollte.
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- Thomas Schlenker (Author), 2008, Soziale Arbeit zwischen Hilfe und Dienstleistung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114268